Faust: „Habe nun, ach! Philosophie“

Monolog · Weimarer Klassik · Knittelvers mit Paarreim

Faust: Habe nun, ach! Philosophie

aus Faust. Der Tragödie erster Teil (1808) von Johann Wolfgang von Goethe · Szene „Nacht“, Anfang

Originaltext · Faust. Der Tragödie erster Teil, Johann Wolfgang von Goethe (1808)Ausschnitt
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 319 Wörter
Umfang
56 VerseAusschnitt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 35–70redaktionelle Einschätzung
Tonlage
bitterernst & dramatisch
Sprache
Knittelvers mit Paarreimbehutsam modernisiert
PDF-Optionen
  1. Habe nun, ach! Philosophie,
  2. Juristerei und Medizin,
  3. Und leider auch Theologie!
  4. Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
  5. Da steh’ ich nun, ich armer Tor!
  6. Und bin so klug als wie zuvor;
  7. Heiße Magister, heiße Doktor gar,
  8. Und ziehe schon an die zehen Jahr,
  9. Herauf, herab und quer und krumm,
  10. Meine Schüler an der Nase herum —
  11. Und sehe, dass wir nichts wissen können!
  12. Das will mir schier das Herz verbrennen.
  13. Zwar bin ich gescheiter als alle die Laffen,
  14. Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
  15. Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,
  16. Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel —
  17. Dafür ist mir auch alle Freud’ entrissen,
  18. Bilde mir nicht ein was rechts zu wissen,
  19. Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
  20. Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
  21. Auch hab’ ich weder Gut noch Geld,
  22. Noch Ehr’ und Herrlichkeit der Welt.
  23. Es möchte kein Hund so länger leben!
  24. Drum hab’ ich mich der Magie ergeben,
  25. Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
  26. Nicht manch Geheimnis würde kund;
  27. Dass ich nicht mehr mit sauerm Schweiß,
  28. Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
  29. Dass ich erkenne, was die Welt
  30. Im Innersten zusammenhält,
  31. Schau’ alle Wirkenskraft und Samen,
  32. Und tu’ nicht mehr in Worten kramen.
  1. O sähst du, voller Mondenschein,
  2. Zum letztenmal auf meine Pein,
  3. Den ich so manche Mitternacht
  4. An diesem Pult herangewacht:
  5. Dann über Büchern und Papier,
  6. Trübsel’ger Freund, erschienst du mir!
  7. Ach! könnt’ ich doch auf Berges-Höh’n,
  8. In deinem lieben Lichte gehn,
  9. Um Bergeshöhle mit Geistern schweben,
  10. Auf Wiesen in deinem Dämmer weben,
  11. Von allem Wissensqualm entladen,
  12. In deinem Tau gesund mich baden!
  1. Weh! steck’ ich in dem Kerker noch?
  2. Verfluchtes, dumpfes Mauerloch!
  3. Wo selbst das liebe Himmelslicht
  4. Trüb’ durch gemalte Scheiben bricht.
  5. Beschränkt mit diesem Bücherhauf,
  6. Den Würme nagen, Staub bedeckt,
  7. Den, bis an’s hohe Gewölb’ hinauf,
  8. Ein angeraucht Papier umsteckt;
  9. Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt,
  10. Mit Instrumenten vollgepfropft,
  11. Urväter Hausrat drein gestopft —
  12. Das ist deine Welt! das heißt eine Welt!

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Goethe verwendet hier den Knittelvers: vier Hebungen, freie Senkungen, Paarreime. Das Versmaß wirkt holprig und volkstümlich. Nutze diese Unruhe, statt sie zu glätten.
  • Die ersten Zeilen sind berühmt. Sprich sie nicht als Zitat, sondern als ehrliche Rechnung eines erschöpften Menschen.
  • Der Ton wechselt dreimal: Spott über die Gelehrten, Sehnsucht beim Mondlicht, Ekel vor dem „Kerker“. Lass die Wechsel hörbar werden.
  • Als Monolog für ältere Spielende geeignet. Jüngere spielen gut die Wut über die verlorenen Jahre.

Weitere Rollen aus diesem Stück

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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