Trude und Walter: „Ein Ehepaar erzählt einen Witz“

Dialog · 2 Personen · Weimarer Republik · Alltagssprache (Prosa)

Trude und Walter: Du verdirbst aber wirklich jeden Witz, Walter!

aus Ein Ehepaar erzählt einen Witz (1931) von Kurt Tucholsky · ganzer Text, als Szene eingerichtet

Originaltext · Ein Ehepaar erzählt einen Witz, Kurt Tucholsky (1931)eingerichtet
Dauer
ca. 9 Mingeschätzt, 1138 Wörter
Umfang
1138 WörterTrude · Walter
Figur
w + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 30–65redaktionelle Einschätzung
Tonlage
hektischkomisch
Sprache
Alltagssprache (Prosa)behutsam modernisiert
PDF-Optionen
Eine gewählte Rolle wird im PDF hervorgehoben.

(Beim Kaffee in der Wohnung eines Ehepaars. Zu Besuch ist Herr Panter; er sitzt da, wo das Publikum sitzt. Trude will ihm einen Witz erzählen, den sie gestern gehört haben. Walter raucht.)

Trude

Herr Panter, wir haben gestern einen so reizenden Witz gehört, den müssen wir Ihnen … also den muss ich Ihnen erzählen. Mein Mann kannte ihn schon … aber er ist zu reizend. Also passen Sie auf.

Ein Mann, Walter, streu nicht den Tabak auf den Teppich, da! Streust ja den ganzen Tabak auf den Teppich, also ein Mann, nein, ein Wanderer verirrt sich im Gebirge. Also der geht im Gebirge und verirrt sich, in den Alpen. Was? In den Dolomiten, also nicht in den Alpen, ist ja ganz egal. Also er geht da durch die Nacht, und da sieht er ein Licht, und er geht grade auf das Licht zu … lass mich doch erzählen! das gehört dazu! … geht drauf zu, und da ist eine Hütte, da wohnen zwei Bauersleute drin. Ein Bauer und eine Bauersfrau. Der Bauer ist alt, und sie ist jung und hübsch, ja, sie ist jung. Die liegen schon im Bett. Nein, die liegen noch nicht im Bett …

Stichwort: „… liegen noch nicht im Bett …“

Walter

Meine Frau kann keine Witze erzählen. Lass mich mal. Du kannst nachher sagen, obs richtig war. Also nun werde ich Ihnen das mal erzählen.

Also, ein Mann wandert durch die Dolomiten und verirrt sich. Da kommt er – du machst einen ganz verwirrt, so ist der Witz gar nicht! Der Witz ist ganz anders. In den Dolomiten, so ist das! In den Dolomiten wohnt ein alter Bauer mit seiner jungen Frau. Und die haben gar nichts mehr zu essen; bis zum nächsten Markttag haben sie bloß noch eine Konservenbüchse mit Rindfleisch. Und die sparen sie sich auf. Und da kommt … wieso? Das ist ganz richtig! Sei mal still …, da kommt in der Nacht ein Wandersmann, also da klopft es an die Tür, da steht ein Mann, der hat sich verirrt, und der bittet um Nachtquartier. Nun haben die aber gar kein Quartier, das heißt, sie haben nur ein Bett, da schlafen sie zu zweit drin. Wie? Trude, das ist doch Unsinn … Das kann sehr nett sein!

Stichwort: „… … Das kann sehr nett sein!“

Trude

Na, ich könnte das nicht. Immer da einen, der – im Schlaf strampelt …, also ich könnte das nicht!

Stichwort: „… …, also ich könnte das nicht!“

Walter

Sollst du ja auch gar nicht. Unterbrich mich nicht immer.

Stichwort: „… gar nicht. Unterbrich mich nicht immer.“

Trude

Du sagst doch, das wär nett. Ich finde das nicht nett.

Stichwort: „… nett. Ich finde das nicht nett.“

Walter

Also …

Stichwort: „Also …“

Trude

Walter! Die Asche! Kannst du denn nicht den Aschbecher nehmen?

Stichwort: „… du denn nicht den Aschbecher nehmen?“

Walter

Also … der Wanderer steht da nun in der Hütte, er trieft vor Regen, und er möchte doch da schlafen. Und da sagt ihm der Bauer, er kann ja in dem Bett schlafen, mit der Frau.

Stichwort: „… dem Bett schlafen, mit der Frau.“

Trude

Nein, so war das nicht. Walter, du erzählst es ganz falsch! Dazwischen, zwischen ihm und der Frau – also der Wanderer in der Mitte!

Stichwort: „… also der Wanderer in der Mitte!“

Walter

Meinetwegen in der Mitte. Das ist doch ganz egal.

Stichwort: „… Mitte. Das ist doch ganz egal.“

Trude

Das ist gar nicht egal … der ganze Witz beruht ja darauf.

Stichwort: „… der ganze Witz beruht ja darauf.“

Walter

Der Witz beruht doch nicht darauf, wo der Mann schläft!

Stichwort: „… nicht darauf, wo der Mann schläft!“

Trude

Natürlich beruht er darauf! Wie soll denn Herr Panter den Witz so verstehen … lass mich mal – ich werd ihn mal erzählen! – Also der Mann schläft, verstehen Sie, zwischen dem alten Bauer und seiner Frau. Und draußen gewittert es. Lass mich doch mal!

Stichwort: „… gewittert es. Lass mich doch mal!“

Walter

Sie erzählt ihn ganz falsch. Es gewittert erst gar nicht, sondern die schlafen friedlich ein. Plötzlich wacht der Bauer auf und sagt zu seiner Frau – Trude, geh mal ans Telefon, es klingelt. – Nein, also das sagt er natürlich nicht … Der Bauer sagt zu seiner Frau … Wer ist da? Wer ist am Telefon? Sag ihm, er soll später noch mal anrufen – jetzt haben wir keine Zeit! Ja. Nein. Ja. Häng ab! Häng doch ab!

Stichwort: „… Ja. Häng ab! Häng doch ab!“

Trude

Hat er Ihnen den Witz schon zu Ende erzählt? Nein, noch nicht? Na, erzähl doch!

Stichwort: „… Nein, noch nicht? Na, erzähl doch!“

Walter

Da sagt der Bauer: Ich muss mal raus, nach den Ziegen sehn – mir ist so, als hätten die sich losgemacht, und dann haben wir morgen keine Milch! Ich will mal sehn, ob die Stalltür auch gut zugeschlossen ist.

Stichwort: „… die Stalltür auch gut zugeschlossen ist.“

Trude

Walter, entschuldige, wenn ich unterbreche, aber Paul sagt, nachher kann er nicht anrufen, er ruft erst abends an.

Stichwort: „… anrufen, er ruft erst abends an.“

Walter

Gut, abends. Also der Bauer – nehmen Sie doch noch ein bisschen Kaffee! – Also der Bauer geht raus, und kaum ist er rausgegangen, da stupst die junge Frau …

Stichwort: „… da stupst die junge Frau …“

Trude

Ganz falsch. Total falsch. Doch nicht das erste Mal! Er geht raus, aber sie stupst erst beim dritten Mal – der Bauer geht nämlich dreimal raus – das fand ich so furchtbar komisch! Lass mich mal! Also der Bauer geht raus, nach der Ziege sehn, und die Ziege ist da; und er kommt wieder rein.

Stichwort: „… da; und er kommt wieder rein.“

Walter

Falsch. Er bleibt ganz lange draußen. Inzwischen sagt die junge Frau zu dem Wanderer –

Stichwort: „… junge Frau zu dem Wanderer –“

Trude

Gar nichts sagt sie. Der Bauer kommt rein …

Stichwort: „… sie. Der Bauer kommt rein …“

Walter

Erst kommt er nicht rein!

Stichwort: „Erst kommt er nicht rein!“

Trude

Also … der Bauer kommt rein, und wie er eine Weile schläft, da fährt er plötzlich aus dem Schlaf hoch und sagt: Ich muss doch noch mal nach der Ziege sehen – und geht wieder raus.

Stichwort: „… sehen – und geht wieder raus.“

Walter

Du hast ja ganz vergessen, zu erzählen, dass der Wanderer furchtbaren Hunger hat!

Stichwort: „… dass der Wanderer furchtbaren Hunger hat!“

Trude

Ja. Der Wanderer hat vorher beim Abendbrot gesagt, er hat so furchtbaren Hunger, und da haben die gesagt, ein bisschen Käse wäre noch da …

Stichwort: „… bisschen Käse wäre noch da …“

Walter

Und Milch!

Stichwort: „Und Milch!“

Trude

Und Milch, und es wär auch noch etwas Fleischkonserve da, aber die könnten sie ihm nicht geben, weil die eben bis zum nächsten Markttag reichen muss. Und dann sind sie zu Bett gegangen.

Stichwort: „… dann sind sie zu Bett gegangen.“

Walter

Und wie nun der Bauer draußen ist, da stupst sie den, also da stupst die Frau den Wanderer in die Seite und sagt: Na …

Stichwort: „… die Seite und sagt: Na …“

Trude

Keine Spur! Aber keine Spur! Walter, das ist doch falsch! Sie sagt doch nicht: Na …!

Stichwort: „… Sie sagt doch nicht: Na …!“

Walter

Natürlich sagt sie: Na …! Was soll sie denn sagen?

Stichwort: „… …! Was soll sie denn sagen?“

Trude

Sie sagt: Jetzt wäre so eine Gelegenheit …

Stichwort: „… Jetzt wäre so eine Gelegenheit …“

Walter

Sie sagt im Gegenteil: Na … und stupst den Wandersmann in die Seite …

Stichwort: „… den Wandersmann in die Seite …“

Trude

Du verdirbst aber wirklich jeden Witz, Walter!

Stichwort: „… verdirbst aber wirklich jeden Witz, Walter!“

Walter

Das ist großartig! Ich verderbe jeden Witz? Du verdirbst jeden Witz – ich verderbe doch nicht jeden Witz! Da sagt die Frau …

Stichwort: „… Witz! Da sagt die Frau …“

Trude

Jetzt lass mich mal den Witz erzählen! Du verkorkst ja die Pointe …!

Stichwort: „… Du verkorkst ja die Pointe …!“

Walter

Also jetzt mach mich nicht böse, Trude! Wenn ich einen Witz anfange, will ich ihn auch zu Ende erzählen …

Stichwort: „… ihn auch zu Ende erzählen …“

Trude

Du hast ihn ja gar nicht angefangen … ich habe ihn angefangen!

Stichwort: „… angefangen … ich habe ihn angefangen!“

Walter

Das ist ganz egal – jedenfalls will ich die Geschichte zu Ende erzählen; denn du kannst keine Geschichten erzählen, wenigstens nicht richtig!

Stichwort: „… keine Geschichten erzählen, wenigstens nicht richtig!“

Trude

Und ich erzähle eben meine Geschichten nach meiner Art und nicht nach deiner, und wenn es dir nicht passt, dann musst du eben nicht zuhören …!

Stichwort: „… musst du eben nicht zuhören …!“

Walter

Ich will auch gar nicht zuhören … ich will sie zu Ende erzählen – und zwar so, dass Herr Panter einen Genuss von der Geschichte hat!

Stichwort: „… einen Genuss von der Geschichte hat!“

Trude

Wenn du vielleicht glaubst, dass es ein Genuss ist, dir zuzuhören …

Stichwort: „… ein Genuss ist, dir zuzuhören …“

Walter

Trude!

Stichwort: „Trude!“

Trude

Nun sagen Sie, Herr Panter – ist das auszuhalten! Und so nervös ist er schon die ganze Woche … ich habe …

Stichwort: „… ganze Woche … ich habe …“

Walter

Du bist …

Stichwort: „Du bist …“

Trude

Deine Unbeherrschtheit …

Stichwort: „Deine Unbeherrschtheit …“

Walter

Gleich wird sie sagen: Komplexe! Deine Mutter nennt das einfach schlechte Erziehung …

Stichwort: „… nennt das einfach schlechte Erziehung …“

Trude

Meine Kinderstube …!

Stichwort: „Meine Kinderstube …!“

Walter

Wer hat denn die Sache beim Anwalt rückgängig gemacht? Wer denn? Ich vielleicht? Du! Du hast gebeten, dass die Scheidung nicht …

Stichwort: „… gebeten, dass die Scheidung nicht …“

Trude

Lüge!

Stichwort: „Lüge!“

(Bumm: Türgeknall rechts. Bumm: Türgeknall links.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

Spielhinweise

  • Herr Panter sitzt im Publikum. Sprecht ihn an, sucht seine Zustimmung, lasst ihn zum Schiedsrichter werden.
  • Das Tempo ist alles: Unterbrechungen kommen mitten im Satz. Probt die Übergänge, bis kein Atemzug Pause bleibt (vgl. Tempo und Rhythmus).
  • Der Streit wächst aus Kleinigkeiten: die Asche, das Telefon, die Ziege. Spielt jede Korrektur als ernste Sache, dann wird es komisch.
  • Der Schluss ist eine Pointe ohne Pointe: Der Witz bleibt halb erzählt. Bei Tucholsky bleibt der Erzähler danach allein zurück und fragt, was der Mann zur Bauersfrau gesagt hat; diese Schlusssätze entfallen in der Szenenfassung.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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