(Das Kinderzimmer am Abend. Die Mutter hat das Lied vom Maikäferlein gesungen; Peterchen und Anneliese liegen im Bett. Auf dem Tisch sitzt ein großer Maikäfer mit einer kleinen Geige. Ihm fehlt ein Beinchen.)
Ja, so starb er, der kleine Kerl. Warum war er auch so vorwitzig und wollte nach dem Mond fliegen? Das ist nichts für so kleine Maikäfer, dazu muss man schon ein großer Maikäfer sein. – Ach ja, ich weiß nicht, mir kommen immer die Tränen in die Augen, wenn ich die Geschichte höre; sie ist auch zu rührend. (Er holt ein großes, grünes Blatt hervor und wischt sich die Augen.) Und dann fällt mir auch immer mein eines Beinchen ein, das mir fehlt; und das ist noch viel trauriger. (Er wischt sich wieder die Augen.) Ich möchte aber doch wissen, wo ich hier eigentlich bin? Kam da eben so mir nichts, dir nichts hereingebrumst, und der kleine Junge hat mich natürlich gleich bemerkt; beinahe hätte mich auch die dicke Minna totgequetscht; – na, das war ’ne Angst! (Wischt sich die Stirn.) Und dann sagt die dumme Person immer: »Papperlapapp, papperlapapp, kein Maikäfer ist da!« Als ob ich nicht ein ganz dicker wäre, einer von den allerdicksten! – Darauf ist meine Frau immer so stolz gewesen, die gute Seele. Ein Huhn hat sie neulich gefressen; sie ruhe sanft! – (Er wischt sich die Augen.) Aber, das kann alles nichts mehr nützen; ich bin eben Witwer geworden und habe ihr zu Ehren jetzt schwarze Beine statt rote. Früher sagten die Jungens, ich sei ein König; jetzt sagen sie Schuster zu mir. Aber das ist eine Dummheit; ich trage Trauer – so ist es! (Er geht im Zimmer mit komisch gravitätischen Schritten umher.) Hm, hm, – Puppenstube, Schaukelpferd – na ja – und Äpfel – hm, hm, die mag ich nicht. Ich esse lieber Salat, Lindensalat oder so was dergleichen. (dreht sich herum.) Scheint aber nicht hier zu sein. Übrigens sind die Kinder recht ordentlich. Gegen das Peterchen habe ich eigentlich etwas; er wollte mich mit seinem Pantoffel kaputt machen. – Wo ist denn eigentlich der Pantoffel? – (am Bett) Aha, da haben wir ihn! (Er nimmt ein kleines, rotes Pantöffelchen auf.) So, so – (schlägt damit auf den Tisch, als wolle er eine Fliege klatschen) schwupp, weg war ich! – Na, das wär’ ’ne schöne Geschichte gewesen! (Er wirft das Pantöffelchen an seinen Platz.) Dummes Peterchen! – Die kleine Anneliese ist besser, die hat mir das Leben gerettet. Aber Zucker wollte sie mir geben – Zucker?? (schüttelt sich komisch) Puh!! Na, da hätt’ ich schöne Bauchschmerzen gekriegt! Ein Maikäfer und Zucker! – (Er fängt an, unbändig zu lachen und komisch hin und her zu torkeln.) Als ob ich ’ne Ameise wäre! Nein, ist das komisch, nein, ist das lächerlich! So eine kleine, dumme Anneliese! – ha ha ha! – (Er fällt plötzlich versehentlich und liegt auf dem Rücken.) Hoppla!! – O, das ist eine fatale Situation! – Ja, das durfte mir eigentlich nicht passieren! (Er angelt mit seinen fünf Beinen in der Luft.) Das ist eine sehr peinliche Lage für einen wohlsituierten Maikäfer wie mich. Gut, dass mich keiner sieht. – Aber, was soll man tun? Totstellen, nützt nichts. Die Kinder rufen, nein, die lachen mich aus. Peterchen ist sowieso nicht auf den Mund gefallen. Bis morgen früh liegen bleiben? Dann tritt mich die Minna mit ihren großen Latschen tot. – O, das ist ’ne unangenehme Geschichte! Aber, ich weiß schon, es kommt vom Lachen. – Na, da wollen wir noch mal ’ne tüchtige Anstrengung machen, ob wir uns selber – hoch – rappeln – können! – (Er kreiselt sich während der letzten Worte schnell herum – dann erschöpft:) Nein, so geht’s nicht. Bei dem Karussellfahren wird man außerdem schwindlig. – Halt, ich sehe Rettung! Da ist ein Tischbein (greift mit dem Vorderbeinchen darnach.) So, nun geht’s! – Hopp – hopp – hoppla! – (Er kugelt sich herum, kommt auf die Beine und steht auf.) Uff, das war ’ne Arbeit! – (Er wischt sich mit dem Blatt den Schweiß.) So, wahrscheinlich hat mein schöner, brauner Rock nun wieder Flecken. Aber schließlich, meine Frau ist tot, und da ist es zu ertragen. Die wusste immer gleich, wenn ich mal auf den Rücken gefallen war, und dann schimpfte sie: »Na, du alter Torkelfritze, hast dir wieder einen über den Durst genehmigt? Unanständigkeiten! Unanständigkeiten!« – – Ach ja, das Huhn hat sie gefressen. Schade drum. Sie hielt auf gutes Benehmen. – (Er reckt die Beine energisch.) So, jetzt muss ich mal sehen, ob ich noch fliegen kann. (Er stellt sich in Positur, entfaltet die Flügel, ein lautes Summen beginnt, und er fliegt ein paar Meter über den Boden hin.) Famos, famos, es geht noch! (Er lässt sich wieder zur Erde herab.) – Aber eingesperrt haben sie mich hier. Das Fenster ist zu; dagegen fliegen nützt nichts; so dumm bin ich auch nicht mehr; das machen bloß die kleinen Käferhosenmätze; es gibt scheußliche Kopfschmerzen. Also, man muss sich, so gut es geht, die Zeit vertreiben. Ich werde mir mal ein lustiges Liedchen spielen.
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