Jeppe: „Sie sagen nicht, warum Jeppe trinkt“

Monolog · Aufklärung · Prosa (Übersetzung Robert Prutz)

Jeppe vom Berge: Da sagen sie nun im Dorf, Jeppe trinkt; aber sie sagen nicht, warum Jeppe trinkt.

aus Jeppe vom Berge (1722) von Ludvig Holberg · I. Akt, 3. Szene

Originaltext · Jeppe vom Berge, Ludvig Holberg (1722)ungekürzt
Dauer
ca. 6 Mingeschätzt, 728 Wörter
Umfang
728 Wörterungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 35–65redaktionelle Einschätzung
Tonlage
klagendtragikomisch
Sprache
Prosa (Übersetzung Robert Prutz)behutsam modernisiert
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(Früh am Morgen vor Jeppes Haus. Seine Frau Nille hat ihn aus dem Bett gezogen und mit der Peitsche angetrieben, ihm Geld für zwei Pfund grüne Seife gegeben und befohlen, in vier Stunden zurück zu sein. Dann ist sie zum Frühstück ins Haus gegangen.)

Nun geht die Sau hinein und isst Frühstück und ich armer Kerl soll vier Meilen gehen und kriege weder Nass, noch Trocken. Ob wohl irgendein Mann solch ein verfluchtes Weib hat wie ich! Ich glaube wirklich, sie ist Geschwisterkind mit dem Satan. Da sagen sie nun im Dorf, Jeppe trinkt; aber sie sagen nicht, warum Jeppe trinkt. So viel Prügel hab’ ich nicht gekriegt die ganzen zehn Jahre, die ich unter der Malicie war, wie jetzt in einem Tage von dem abscheulichen Weibe; sie schlägt mich, der Verwalter treibt mich zur Arbeit wie ein Vieh, und der Küster macht mich zum Hahnrei. Muss ich da nicht brav trinken, muss ich nicht die Mittel gebrauchen, welche die Natur uns darbietet, die Sorgen zu vertreiben? Wär’ ich ein Schwachkopf, da würde mir das nicht so zu Herzen gehen, da tränke ich lieber nicht. So aber ist das eine ausgemachte Sache, dass ich ein scharfsinniger Mann bin; darum fühl’ ich das mehr als andere, darum muss ich auch trinken. Mein Nachbar Moons Christoffersen, als welcher mein Freund ist, sagt öfters zu mir: Schlag’ der Teufel in deinen dicken Bauch, Jeppe, du musst um dich hauen, so wird die Frau sich schon bessern. Aber ich kann nicht um mich hauen, aus dreierlei Gründen. Erstlich, weil ich keine Courage habe; zweitens wegen dem verwünschten Meister Erich, der hinter dem Bette hängt und an den mein Rücken nicht denken kann, ohne zu weinen; zum Dritten, weil ich, ohne mich zu rühmen, ein grundgutes Gemüte bin und ein guter Christ. Darum suche ich mich auch niemals zu rächen, selbst nicht einmal an dem Küster, der mir doch ein Horn nach dem andern setzt. Im Gegenteil, er kriegt sein Opfer regelmäßig an allen hohen Festen, während er nicht einmal so viel Ehre im Leibe hat, mir einen Krug Bier vorzusetzen das ganze Jahr. Aber nichts ist mir mehr zu Herzen gegangen als die spitzigen Worte, die er mir voriges Jahr zu hören gab. Nämlich als ich erzählte, dass ein wilder Stier, der sonst keinen Menschen fürchtete, plötzlich vor mir die Flucht ergriffen, da sagte er zu mir: Jeppe, kannst du das nicht begreifen? Der Stier sah, dass deine Hörner noch viel größer als seine, und darum hielt er es nicht für ratsam, sich mit einem zu stoßen, der stärker war als er. Nun rufe ich euch zu Zeugen, lieben Leute, ob nicht solche Reden einem ehrlichen Mann durch Mark und Bein dringen müssen. Ich bin doch so anständig, dass ich meiner Frau noch niemals den Tod gewünscht habe, umgekehrt, als sie verwichenes Jahr an der Gelbsucht krank lag, da wünscht’ ich, sie möchte leben bleiben. Denn da die Hölle schon ohnedies voll böser Weiber ist, so hätte Lucifer sie am Ende wohl gar wieder zurückgeschickt, und da wäre sie noch schlimmer gewesen wie zuvor. Aber wenn der Küster stürbe, da wollt’ ich mich freuen, sowohl um meinetwegen, als wegen der andern. Denn mir macht er nichts als Verdruss, und der Menschheit ist er nichts nütze. Es ist ein unstudierter Teufel; nicht den kleinsten Ton kann er aushalten, noch kann er ein anständiges Wachslicht gießen. Nein, da war sein Vorgänger, der Christoffer, ein anderer Kerl, der schrie seinen Glauben, dass man ihn aus zwölf Küstern heraus hören konnte, solche Stimme hatte der. Einmal, als der Küster mich wieder Hahnrei geschimpft hatte, nahm ich mir doch vor, mich zur Wehr zu setzen, und zwar so, dass Nille es hören könnte; ich sagte: Der Teufel soll dein Hahnrei sein, Matzküster. Aber was geschah? Gleich musste Meister Erich herbei und den Streit entscheiden, so dass ich den Küster noch um Verzeihung bitten und mich bei ihm bedanken musste, dass er als ein studierter Mann meinem Hause die Ehre antäte. Seitdem hab’ ich alle Gedanken an Widerstand aufgegeben. Ja ja, Moons Christoffersen, du und die andern Bauern, ihr habt gut zu reden, eure Frauen haben keinen Meister Erich hinter dem Bette hängen. Hätt’ ich einen Wunsch in der Welt frei, so wäre es dieser, dass entweder meine Frau keine Arme hätte, oder ich keinen Rücken; den Mund könnte sie gebrauchen, so viel sie wollte. Aber weil ich gerade auf dem Wege bin, muss ich doch mal zu Jacob Schuster herangehen, er wird mir ja wohl für einen Schilling Branntwein auf Kredit geben. Denn etwas muss ich doch haben, mich zu stärken. Heda, Jacob Schuster, bist du schon auf? Mach’ auf, Jacob!

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Spielhinweise

  • Jeppe hält sich für scharfsinnig und beweist es mit lauter falschen Schlüssen. Spiel die Logik ernst, die Komik entsteht von selbst.
  • Mit „Nun rufe ich euch zu Zeugen, lieben Leute“ wendet er sich an das Publikum. Nimm die Zuschauenden als Verbündete.
  • „Meister Erich“ ist Nilles Peitsche, „Malicie“ heißt Miliz, „Hahnrei“ ist der betrogene Ehemann. Diese Wörter musst du so meinen, dass man sie versteht.
  • Der Monolog endet mit einem Ruf an Jacob Schuster. Der Durst ist Jeppes Spielziel und hält die ganze Rede in Bewegung.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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