Tonio Kröger: „Die Literatur ist überhaupt kein Beruf, sondern ein Fluch“

Monolog · Jahrhundertwende · erzählende Prosa (Rede im Gespräch)

Tonio Kröger: Die Literatur ist überhaupt kein Beruf, sondern ein Fluch, – damit Sie’s wissen.

aus Tonio Kröger (1903) von Thomas Mann · Viertes Kapitel

Originaltext · Tonio Kröger, Thomas Mann (1903)Ausschnitt
Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 284 Wörter
Umfang
284 WörterAusschnitt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 25–40redaktionelle Einschätzung
Tonlage
ironischernst & dramatisch
Sprache
erzählende Prosa (Rede im Gespräch)behutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Das Atelier der Malerin Lisaweta Iwanowna in München, Frühling. Sie hat Tonio Krögers Schreiben einen Beruf genannt.)

Sagen Sie nichts von ›Beruf‹, Lisaweta Iwanowna! Die Literatur ist überhaupt kein Beruf, sondern ein Fluch, – damit Sie’s wissen. Wann beginnt er fühlbar zu werden, dieser Fluch? Früh, schrecklich früh. Zu einer Zeit, da man billig noch in Frieden und Eintracht mit Gott und der Welt leben sollte. Sie fangen an, sich gezeichnet, sich in einem rätselhaften Gegensatz zu den anderen, den Gewöhnlichen, den Ordentlichen zu fühlen, der Abgrund von Ironie, Unglaube, Opposition, Erkenntnis, Gefühl, der Sie von den Menschen trennt, klafft tiefer und tiefer, Sie sind einsam, und fortan gibt es keine Verständigung mehr. Was für ein Schicksal! Gesetzt, dass das Herz lebendig genug, liebevoll genug geblieben ist, es als furchtbar zu empfinden!... Ihr Selbstbewusstsein entzündet sich, weil Sie unter Tausenden das Zeichen an Ihrer Stirne spüren und fühlen, dass es niemandem entgeht. Ich kannte einen Schauspieler von Genie, der als Mensch mit einer krankhaften Befangenheit und Haltlosigkeit zu kämpfen hatte. Sein überreiztes Ichgefühl zusammen mit dem Mangel an Rolle, an darstellerischer Aufgabe, bewirkten das bei diesem vollkommenen Künstler und verarmten Menschen... Einen Künstler, einen wirklichen, nicht einen, dessen bürgerlicher Beruf die Kunst ist, sondern einen vorbestimmten und verdammten, ersehen Sie mit geringem Scharfblick aus einer Menschenmasse. Das Gefühl der Separation und Unzugehörigkeit, des Erkannt- und Beobachtetseins, etwas zugleich Königliches und Verlegenes ist in seinem Gesicht. In den Zügen eines Fürsten, der in Zivil durch eine Volksmenge schreitet, kann man etwas Ähnliches beobachten. Aber da hilft kein Zivil, Lisaweta! Verkleiden Sie sich, vermummen Sie sich, ziehen Sie sich an wie ein Attaché oder ein Gardeleutnant in Urlaub: Sie werden kaum die Augen aufzuschlagen und ein Wort zu sprechen brauchen, und jedermann wird wissen, dass Sie kein Mensch sind, sondern irgendetwas Fremdes, Befremdendes, Anderes...

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Spielhinweise

  • Tonio spricht über sein eigenes Schicksal meist in der zweiten Person: Er sagt „Sie“ und meint sich selbst. Spiele diese Distanz als Selbstschutz.
  • Mitten in der Rede erwähnt er einen genialen Schauspieler, der außerhalb der Rolle haltlos war. Für Spielende ist das ein Spiegel; lass ihn wirken.
  • Thomas Manns Sätze sind lang und genau gebaut. Kläre die Hauptsätze, dann tragen die Einschübe.
  • Das Gegenüber ist eine Freundin, die widersprechen darf. Spiele die Rede nicht als Vortrag, sondern als Werben um Verständnis (vgl. Spielziel).

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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