Leutnant Gustl: „Wie lange wird denn das noch dauern?“

Monolog · Jahrhundertwende · Prosa, innerer Monolog in Wiener Umgangssprache

Leutnant Gustl: Wie lange wird denn das noch dauern? Ich muss auf die Uhr schauen …

aus Leutnant Gustl (1900) von Arthur Schnitzler · Anfang der Novelle

Originaltext · Leutnant Gustl, Arthur Schnitzler (1900)Ausschnitt
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 362 Wörter
Umfang
362 WörterAusschnitt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 20–30redaktionelle Einschätzung
Tonlage
gelangweilttragikomisch
Sprache
Prosa, innerer Monolog in Wiener Umgangssprachebehutsam modernisiert
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(Wien, ein Konzertsaal. Leutnant Gustl sitzt in einem Oratorium; für den nächsten Tag ist ein Duell angesetzt.)

Wie lange wird denn das noch dauern? Ich muss auf die Uhr schauen ... schickt sich wahrscheinlich nicht in einem so ernsten Konzert. Aber wer sieht’s denn? Wenn’s einer sieht, so passt er gerade so wenig auf, wie ich, und vor dem brauch’ ich mich nicht zu genieren ... Erst viertel auf zehn? ... Mir kommt vor, ich sitz’ schon drei Stunden in dem Konzert. Ich bin’s halt nicht gewohnt ... Was ist es denn eigentlich? Ich muss das Programm anschauen ... Ja, richtig: Oratorium! Ich hab’ gemeint: Messe. Solche Sachen gehören doch nur in die Kirche! Die Kirche hat auch das Gute, dass man jeden Augenblick fortgehen kann. – Wenn ich wenigstens einen Ecksitz hätt’! – Also Geduld, Geduld! Auch Oratorien nehmen ein End’! Vielleicht ist es sehr schön, und ich bin nur nicht in der Laune. Woher sollt’ mir auch die Laune kommen? Wenn ich denke, dass ich hergekommen bin, um mich zu zerstreuen ... Hätt’ ich die Karte lieber dem Benedek geschenkt, dem machen solche Sachen Spaß; er spielt ja selber Violine. Aber da wär’ der Kopetzky beleidigt gewesen. Es war ja sehr lieb von ihm, wenigstens gut gemeint. Ein braver Kerl, der Kopetzky! Der einzige, auf den man sich verlassen kann ... Seine Schwester singt ja mit unter denen da oben. Mindestens hundert Jungfrauen, alle schwarz gekleidet; wie soll ich sie da herausfinden? Weil sie mitsingt, hat er auch das Billett gehabt, der Kopetzky ... Warum ist er denn nicht selber gegangen? – Sie singen übrigens sehr schön. Es ist sehr erhebend – sicher! Bravo! Bravo! ... Ja, applaudieren wir mit. Der neben mir klatscht wie verrückt. Ob’s ihm wirklich so gut gefällt? – Das Mädel drüben in der Loge ist sehr hübsch. Sieht sie mich an oder den Herrn dort mit dem blonden Vollbart? ... Ah, ein Solo! Wer ist das? Alt: Fräulein Walker, Sopran: Fräulein Michalek ... das ist wahrscheinlich Sopran ... Lang’ war ich schon nicht in der Oper. In der Oper unterhalt’ ich mich immer, auch wenn’s langweilig ist. Übermorgen könnt’ ich eigentlich wieder hineingeh’n, zur »Traviata«. Ja, übermorgen bin ich vielleicht schon eine tote Leiche! Ah, Unsinn, das glaub’ ich selber nicht! Warten S’ nur, Herr Doktor, Ihnen wird’s vergeh’n, solche Bemerkungen zu machen! Das Nasenspitzel hau’ ich Ihnen herunter ...

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Spielhinweise

  • Ein innerer Monolog springt von Gedanke zu Gedanke. Gib jedem Sprung einen kleinen äußeren Anlass: ein Ton, ein Blick, das Programmheft.
  • Gustl sitzt im Publikum und darf nicht auffallen. Die äußere Ruhe gegen das innere Durcheinander ist die eigentliche Aufgabe, besonders vor der Kamera.
  • Die Sätze über das Duell sind kurz und werden schnell weggeschoben. Spiele die Angst unter der Prahlerei, ohne sie auszustellen.
  • Die Wiener Umgangssprache („hätt’“, „Mädel“) ist Gustls Denkstimme. Halte sie leicht und schnell.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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