Helene und Primus: „Die Sonne geht auf!“

Dialog · 2 Personen · Expressionismus · Prosa (Übersetzung Otto Pick)

Helene und Primus: Ich weiß nicht, Primus. Mir ist so seltsam

aus W. U. R. (Werstands Universal Robots) (1920) von Karel Čapek · III. Aufzug (Ausschnitt)

Originaltext · W. U. R. (Werstands Universal Robots), Karel Čapek (1920)Ausschnitt
Dauer
ca. 5,5 Mingeschätzt, 657 Wörter
Umfang
657 WörterPrimus · Helene
Figur
w + m + offen · 2 Personen
Spielalter
ca. 16–30redaktionelle Einschätzung
Tonlage
staunendleise & nachdenklich
Sprache
Prosa (Übersetzung Otto Pick)behutsam modernisiert
PDF-Optionen
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(Das Versuchslaboratorium der Roboterfabrik, Morgendämmerung. Die Roboter haben die Menschen vernichtet; nur Alquist, der Baumeister der Fabrik, lebt noch. Er sucht vergeblich das Geheimnis, Roboter herzustellen, und ist auf dem Sofa eingeschlafen. Die Robotin Helene, gebaut von Doktor Gall, hat den Roboter Primus gerufen.)

Primus (Tritt ein.)

Was willst du?

Stichwort: „Was willst du?“

Helene

Schau’, was er da für Röhrchen hat. Was macht er damit?

Stichwort: „… Röhrchen hat. Was macht er damit?“

Primus

Versuche. Greif es nicht an!

Stichwort: „Versuche. Greif es nicht an!“

Helene (Blickt in das Mikroskop.)

Sieh doch, was da zu sehen ist!

Stichwort: „… doch, was da zu sehen ist!“

Primus

Das ist ein Mikroskop. Zeig’!

Stichwort: „Das ist ein Mikroskop. Zeig’!“

Helene

Rühr’ mich nicht an! (Stößt eine Retorte um.) Ach, jetzt hab’ ich’s ausgegossen!

Stichwort: „… an! Ach, jetzt hab’ ich’s ausgegossen!“

Primus

Was hast du getan!

Stichwort: „Was hast du getan!“

Helene

Das wird abgewischt.

Stichwort: „Das wird abgewischt.“

Primus

Du hast ihm die Versuche verdorben!

Stichwort: „Du hast ihm die Versuche verdorben!“

Helene

Geh, das ist einerlei. Aber das ist deine Schuld. Du musstest nicht zu mir kommen.

Stichwort: „… Du musstest nicht zu mir kommen.“

Primus

Du musstest mich nicht rufen.

Stichwort: „Du musstest mich nicht rufen.“

Helene

Du brauchtest nicht zu kommen, als ich dich rief. Sieh doch, Primus, was der Herr hier aufgeschrieben hat!

Stichwort: „… was der Herr hier aufgeschrieben hat!“

Primus

Das darfst du nicht anschauen, Helene. Das ist ein Geheimnis.

Stichwort: „… anschauen, Helene. Das ist ein Geheimnis.“

Helene

Was für ein Geheimnis?

Stichwort: „Was für ein Geheimnis?“

Primus

Das Geheimnis des Lebens.

Stichwort: „Das Geheimnis des Lebens.“

Helene

Das ist schrecklich interessant. Lauter Zahlen! Was ist das?

Stichwort: „… interessant. Lauter Zahlen! Was ist das?“

Primus

Das sind Formeln.

Stichwort: „Das sind Formeln.“

Helene

Versteh ich nicht. (Geht zum Fenster.) Nein, Primus, sieh doch nur!

Stichwort: „… nicht. Nein, Primus, sieh doch nur!“

Primus

Was?

Stichwort: „Was?“

Helene

Die Sonne geht auf!

Stichwort: „Die Sonne geht auf!“

Primus

Warte gleich – (Betrachtet das Buch.) Helene, das ist die größte Sache der Welt.

Stichwort: „… ist die größte Sache der Welt.“

Helene

So komm doch her!

Stichwort: „So komm doch her!“

Primus

Gleich, gleich –

Stichwort: „Gleich, gleich –“

Helene

Aber Primus, lass das garstige Geheimnis des Lebens sein! Was geht dich irgendein Geheimnis an? Komm und sieh, rasch!

Stichwort: „… Geheimnis an? Komm und sieh, rasch!“

Primus (Tritt zu ihr ans Fenster.)

Was willst du?

Stichwort: „Was willst du?“

Helene

Die Sonne geht auf.

Stichwort: „Die Sonne geht auf.“

Primus

Schau’ nicht in die Sonne, deine Augen tränen.

Stichwort: „… in die Sonne, deine Augen tränen.“

Helene

Hörst du? Die Vögel singen. Ach, Primus, ich möchte ein Vogel sein.

Stichwort: „… Primus, ich möchte ein Vogel sein.“

Primus

Was?

Stichwort: „Was?“

Helene

Ich weiß nicht, Primus. Mir ist so seltsam, ich weiß nicht was das ist; ich bin wie verrückt, ich habe den Kopf verloren, mein Leib, mein Herz tut weh, alles tut weh – Und was mir passiert ist, ach, das sag’ ich dir nicht! Primus, ich glaube, ich muss sterben!

Stichwort: „… Primus, ich glaube, ich muss sterben!“

Primus

Sag’, Helene, ist dir nicht manchmal, als ob es besser wäre zu sterben? Weißt du, vielleicht schlafen wir nur. Gestern im Schlaf sprach ich wieder mit dir.

Stichwort: „… Schlaf sprach ich wieder mit dir.“

Helene

Im Schlaf?

Stichwort: „Im Schlaf?“

Primus

Im Schlaf. Wir redeten in irgendeiner fremden oder neuen Sprache, denn ich habe mir nicht ein Wort gemerkt.

Stichwort: „… habe mir nicht ein Wort gemerkt.“

Helene

Wovon?

Stichwort: „Wovon?“

Primus

Das weiß niemand. Ich selber verstand es nicht, und doch weiß ich, dass ich niemals etwas Schöneres gesagt habe. Wie es war und wo, das weiß ich nicht. Als ich dich berührte, glaubte ich zu sterben. Auch der Ort war anders als alles, was je auf Erden erblickt ward.

Stichwort: „… was je auf Erden erblickt ward.“

Helene

Ich habe einen Ort entdeckt, Primus, da wirst du staunen. Es haben dort Menschen gewohnt, aber jetzt ist es verwachsen und sein Lebtag kommt niemand mehr hin. Sein Lebtag niemand als nur ich.

Stichwort: „… Sein Lebtag niemand als nur ich.“

Primus

Was ist dort?

Stichwort: „Was ist dort?“

Helene

Nichts, ein Häuschen und ein Garten. Und zwei Hunde. Wenn du sähest, wie sie mir die Hände lecken, und ihre Jungen, ach, Primus, es gibt vielleicht nichts Herrlicheres! Du nimmst sie auf den Schoß und wiegst sie, und dann denkst du an gar nichts mehr und kümmerst dich um nichts, bis die Sonne untergeht; wenn du dann aufstehst, so ist dir, als hättest du hundertmal mehr getan als viel Arbeit. Nein, sicher nicht, ich bin zu nichts fähig; jeder sagt, ich sei zu keiner Arbeit zu verwenden. Ich weiß nicht, wie ich bin.

Stichwort: „… Ich weiß nicht, wie ich bin.“

Primus

Du bist schön.

Stichwort: „Du bist schön.“

Helene

Ich? Geh, Primus, was hast du da gesagt?

Stichwort: „… Primus, was hast du da gesagt?“

Primus

Glaube mir, Helene, ich bin stärker als alle Roboter.

Stichwort: „… ich bin stärker als alle Roboter.“

Helene (Vor dem Spiegel.)

Ich soll schön sein? Ach, die schrecklichen Haare, wenn ich etwas hineintun könnte! Weißt du, dort im Garten steckte ich mir immer Blumen ins Haar, aber dort ist weder ein Spiegel, noch jemand – (Beugt sich zum Spiegel vor.) Du, du sollst schön sein? Warum schön? Sind die Haare schön, die dich nur belasten? Sind die Augen schön, die du schließest? Sind die Lippen schön, in die du nur beißest, damit es schmerze? Was ist das, wozu ist das: schön sein? – (Erblickt Primus im Spiegel.) Primus, das bist du? Komm her, damit wir dort nebeneinander sind! Sieh, du hast einen anderen Kopf als ich, andere Schultern, einen anderen Mund – Ach, Primus, warum weichst du mir aus? Warum muss ich dir den ganzen Tag nachlaufen? Und dann sagst du noch, ich sei schön!

Stichwort: „… sagst du noch, ich sei schön!“

Primus

Du läufst vor mir davon, Helene.

Stichwort: „Du läufst vor mir davon, Helene.“

Helene

Wie bist du gekämmt? Zeig’! (Fährt ihm mit beiden Händen in die Haare.) Sss, Primus, nichts fühlt sich so an wie du! Warte, du musst schön werden!

Stichwort: „… du! Warte, du musst schön werden!“

(Nimmt vom Waschtisch einen Kamm und kämmt Primus die Haare in die Stirn.)

Primus

Ist dir nicht manchmal, Helene, dass plötzlich dein Herz schlägt: Jetzt, jetzt muss etwas geschehen –

Stichwort: „… Jetzt, jetzt muss etwas geschehen –“

Helene (Beginnt zu lachen.)

Sieh dich an!

Stichwort: „Sieh dich an!“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

Spielhinweise

  • Spiele keine Maschinen. Die beiden erleben Gefühle zum ersten Mal und haben noch keine Begriffe dafür; das macht sie kindlich und ernst zugleich.
  • Der Sonnenaufgang ist ein Ereignis. Lass Helene wirklich hinausschauen; Primus’ Warnung „deine Augen tränen“ ist Fürsorge.
  • Der Spiegelmonolog ist ein kleines Vorsprechstück für sich. Helene fragt nach jedem Teil ihres Gesichts; jede Frage braucht einen neuen Blick.
  • Für ein Szenenstudium sehr geeignet: wenig Text, viel Subtext, zarte Komik. Die Rollen können offen besetzt werden.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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