(In Célimènes Haus in Paris. Alceste sitzt verärgert da; sein Freund Philinte spricht ihn an.)
Philinte
- Was ist’s? Was habt Ihr nur?
Stichwort: „Was ist’s? Was habt Ihr nur?“
Alceste
- Ich bitt’ Euch, lasst mich.
Stichwort: „Ich bitt’ Euch, lasst mich.“
Philinte
- So sagt mir, welche wunderliche Laune …
Stichwort: „… sagt mir, welche wunderliche Laune …“
Alceste
- Geht, sag’ ich Euch. Ich mag von Euch nichts wissen.
Stichwort: „… Ich mag von Euch nichts wissen.“
Philinte
- Man hört doch jeden an, eh’ man ihm zürnt!
Stichwort: „… jeden an, eh’ man ihm zürnt!“
Alceste
- Ich will Euch zürnen; will von Euch nichts hören.
Stichwort: „… zürnen; will von Euch nichts hören.“
Philinte
- Ich ahne nicht, was Euch so schnell verstimmt.
- Zwar sind wir Freunde, doch ich muss gesteh’n …
Stichwort: „… Freunde, doch ich muss gesteh’n …“
Alceste (Rasch aufstehend.)
- Ich Euer Freund? Mich streicht aus Eurer Liste.
- Ich war’s, und zählte gern Euch zu den meinen.
- Doch seit ich sah wie Ihr Euch heut’ gezeigt,
- Ist’s damit aus, und ich erklär’ Euch frei,
- Mit so verderbten Herzen hab’ ich nichts,
- Gar nichts zu schaffen.
Stichwort: „… ich nichts, Gar nichts zu schaffen.“
Philinte
- Bin ich denn, Alceste,
- So sehr zu tadeln?
Stichwort: „… denn, Alceste, So sehr zu tadeln?“
Alceste
- Geht! Ihr solltet sterben
- Aus Reu’ und Scham! Es gibt für solches Tun
- Keine Entschuld’gung; jeden Ehrenmann
- Hätt’ es empören müssen, Euch zu seh’n.
- Ich muss dabei steh’n, wie Ihr einen Menschen
- Liebkos’t, der wärmsten Freundschaft ihn versichert,
- Die Hand ihm drückt, mit Anerbietungen,
- Mit Schwur und mit Beteuerung ihn bestürmt,
- Und als ich frage, wer der Quidam sei,
- Besinnt Ihr Euch auf seinen Namen kaum.
- Wie Ihr Euch trennt, kühlt Eure Glut sich ab;
- Ihr sprecht von ihm, als sei er Euch durchaus
- Gleichgültig, mehr als irgend je ein andrer.
- Bei Gott, ich nenn’ es niedrig, feig und schändlich,
- So kriechend seine Seele zu entwürd’gen;
- Und wäre mir zum Unglück das gescheh’n,
- Ich ging’ aus Unmut gleich und hängte mich.
Stichwort: „… aus Unmut gleich und hängte mich.“
Philinte
- Mir scheint der Fall denn doch nicht hängenswert;
- Ihr müsst mir schon gestatten, Euch um Nachsicht
- Zu bitten, wenn ich milder ihn betrachte,
- Und mir verzeih’n, dass ich mich nicht erhänge.
Stichwort: „… verzeih’n, dass ich mich nicht erhänge.“
Alceste
- Wie wenig passt der Scherz!
Stichwort: „Wie wenig passt der Scherz!“
Philinte
- Doch nun im Ernst,
- Was wollt Ihr denn? Was konnt’ ich andres tun?
Stichwort: „… denn? Was konnt’ ich andres tun?“
Alceste
- Aufrichtig sein! Ein Mann von Ehre spricht
- Kein Wort, das er nicht denkt.
Stichwort: „… Kein Wort, das er nicht denkt.“
Philinte
- Wenn einer kommt,
- Und freudig mich umarmt, — nun wohl, so find’ ich
- Mich in der gleichen Münze wieder ab,
- Erwidre, wie ich’s kann, die Höflichkeit,
- Und zahl’ ihm Gruß für Gruß, und Schwur für Schwur.
Stichwort: „… für Gruß, und Schwur für Schwur.“
Alceste
- Nein, unerträglich ist die feige Schlaffheit,
- Mit der die Modewelt sich jedem fügt;
- Ich hasse die konventionelle Lüge,
- Das hohle Pathos unsrer Freundschaftsheuchler,
- Die höfliche Verschwendung nicht’ger Phrasen,
- Und nichtsbedeutender Umarmungen,
- Den Wettstreit gleicher Liebenswürdigkeit
- Mit all’ und jedem: für den Ehrenmann
- Wie für den Gecken. — Was bedeutet’s denn,
- Wenn einer Euch umarmt, Euch Freundschaft schwört,
- Vertrau’n und Treue, Zärtlichkeit und Eifer,
- Und tut ein Gleiches für den ersten besten
- Gesellen, der ihm just entgegenläuft?
- Nein, nein! Wer irgend Herz hat und Verstand,
- Dem ekelt vor so schaler Huldigung,
- Die, klingt sie noch so glänzend, nichtig bleibt,
- Wenn wir mit Hans und Kunz sie teilen sollen.
- Auf ein Verdienst muss sich die Achtung gründen;
- Wer alle Welt hochschätzt, der achtet nichts.
- Und weil Ihr dieser Sünde unsrer Zeit
- Mitfrönt, zum Teufel! seid Ihr nicht mein Mann.
- Ich will nichts wissen von der unbegrenzten
- Gefälligkeit, die wirkliches Verdienst
- Nicht unterscheidet: einen Vorzug fordr’ ich;
- Und soll ich’s Euch mit einem Wort erklären:
- Der Freund der ganzen Welt ist nicht der meine.
Stichwort: „… ganzen Welt ist nicht der meine.“
Philinte
- Wer aber in der Welt lebt, muss denn doch
- Dem Brauch genügen, den die Sitte fordert.
Stichwort: „… Brauch genügen, den die Sitte fordert.“
Alceste
- Nein, sag’ ich. Geißeln soll man schonungslos
- Den schnöden Austausch hohler Freundschaftsformeln;
- Man soll ein Mann vor allen Dingen sein,
- Und stets nur reden, wie man wirklich denkt.
- Das Herz allein soll sprechen, das Gefühl
- Sich hinter leere Phrasen nie verstecken.
Stichwort: „… Sich hinter leere Phrasen nie verstecken.“
Philinte
- Doch gibt es Fälle, wo die volle Wahrheit
- Unmöglich wär’ und kindisch würd’ erscheinen.
- Sehr oft, — verzeih’ mir’s Eure allzustrenge
- Moral! — ist’s gut, sein Inn’res zu verhüllen.
- Wär’s etwa wohlgetan, und ziemte sich
- Jedwedem zu verkünden, was man denkt?
- Wenn jemand Euch missfällt, wenn Ihr ihn hasst,
- Müsst Ihr die Sach’ ihm nennen, wie sie ist?
Stichwort: „… Sach’ ihm nennen, wie sie ist?“
Alceste
- Ja.
Stichwort: „Ja.“
Philinte
- Wie! Ihr wollt der alten Sylvia sagen,
- Die jugendliche Tracht sei wenig passend
- Für ihre Jahr’, und jedermann empört,
- Sie weiß geschminkt zu seh’n?
Stichwort: „… empört, Sie weiß geschminkt zu seh’n?“
Alceste
- Ja, ohne Zweifel.
Stichwort: „Ja, ohne Zweifel.“
Philinte
- Dem Dorilas, wie lästig er uns fällt,
- Wie er dem ganzen Hof verdrießlich wird,
- Wenn er vom Glanze seines Stamms erzählt,
- Und seinen Heldentaten?
Stichwort: „… seines Stamms erzählt, Und seinen Heldentaten?“
Alceste
- Sehr gewiss!
Stichwort: „Sehr gewiss!“
Philinte
- Ihr scherzt, mein Freund!
Stichwort: „Ihr scherzt, mein Freund!“
Alceste
- O nein, ich scherze nicht,
- Und werde niemand schonen in dem Punkt.
- Ich bin zu aufgebracht, und Hof und Stadt
- Zeigen mir nichts, was mir nicht Galle macht.
- Ich werde wild, es regt den Zorn mir auf,
- Seh’ ich das Tun und Treiben dieser Welt!
- Find’ ich doch aller Orten nichts als feige
- Unwürd’ge Schmeichelei, als Eigennutz,
- Verrat, Falschheit und Ungerechtigkeit!
- Ich halt’s nicht aus, es macht mich toll; ich will
- Der ganzen Menschheit offnen Krieg erklären.
Stichwort: „… Der ganzen Menschheit offnen Krieg erklären.“
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
Ende der Szene · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

