(Claudios Studierzimmer voller Altertümer. Abend. Claudio steht am Fenster.)
- Jetzt zünden sie die Lichter an und haben
- In engen Wänden eine dumpfe Welt
- Mit allen Rausch- und Tränengaben
- Und was noch sonst ein Herz gefangenhält.
- Sie sind einander herzlich nah
- Und härmen sich um einen, der entfernt;
- Und wenn wohl einem Leid geschah,
- So trösten sie ... ich habe Trösten nie gelernt.
- Sie können sich mit einfachen Worten,
- Was nötig zum Weinen und Lachen, sagen.
- Müssen nicht an sieben vernagelte Pforten
- Mit blutigen Fingern schlagen.
- Was weiß denn ich vom Menschenleben?
- Bin freilich scheinbar drin gestanden,
- Aber ich hab es höchstens verstanden,
- Konnte mich nie darein verweben.
- Hab mich niemals daran verloren.
- Wo andre nehmen, andre geben,
- Blieb ich beiseit, im Innern stummgeboren.
- Ich hab von allen lieben Lippen
- Den wahren Trank des Lebens nie gesogen,
- Bin nie, von wahrem Schmerz durchschüttert,
- Die Straße einsam, schluchzend, nie! gezogen.
- Wenn ich von guten Gaben der Natur
- Je eine Regung, einen Hauch erfuhr,
- So nannte ihn mein überwacher Sinn,
- Unfähig des Vergessens, grell beim Namen.
- Und wie dann tausende Vergleiche kamen,
- War das Vertrauen, war das Glück dahin.
- Und auch das Leid! zerfasert und zerfressen
- Vom Denken, abgeblasst und ausgelaugt!
- Wie wollte ich an meine Brust es pressen,
- Wie hätt ich Wonne aus dem Schmerz gesaugt:
- Sein Flügel streifte mich, ich wurde matt,
- Und Unbehagen kam an Schmerzes Statt ...
[…]
- Ich hab mich so an Künstliches verloren,
- Dass ich die Sonne sah aus toten Augen
- Und nicht mehr hörte als durch tote Ohren:
- Stets schleppte ich den rätselhaften Fluch,
- Nie ganz bewusst, nie völlig unbewusst,
- Mit kleinem Leid und schaler Lust
- Mein Leben zu erleben wie ein Buch,
- Das man zur Hälft noch nicht und halb nicht mehr begreift,
- Und hinter dem der Sinn erst nach Lebendgem schweift –
- Und was mich quälte und was mich erfreute,
- Mir war, als ob es nie sich selbst bedeute,
- Nein, künftgen Lebens vorgeliehnen Schein
- Und hohles Bild von einem vollern Sein.
- So hab ich mich in Leid und jeder Liebe
- Verwirrt mit Schatten nur herumgeschlagen,
- Verbraucht, doch nicht genossen alle Triebe,
- In dumpfem Traum, es würde endlich tagen.
- Ich wandte mich und sah das Leben an:
- Darinnen Schnellsein nicht zum Laufen nützt
- Und Tapfersein nicht hilft zum Streit; darin
- Unheil nicht traurig macht und Glück nicht froh;
- Auf Frag ohn Sinn folgt Antwort ohne Sinn;
- Verworrner Traum entsteigt der dunklen Schwelle,
- Und Glück ist alles, Stunde, Wind und Welle!
- So schmerzlich klug und so enttäuschten Sinn
- In müdem Hochmut hegend, in Entsagen
- Tief eingesponnen, leb ich ohne Klagen
- In diesen Stuben, dieser Stadt dahin.
- Die Leute haben sich entwöhnt zu fragen
- Und finden, dass ich recht gewöhnlich bin.
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