Claudio: „Was weiß denn ich vom Menschenleben?“

Monolog · Jahrhundertwende · gereimte Verse

Claudio: Was weiß denn ich vom Menschenleben? Bin freilich scheinbar drin gestanden

aus Der Tor und der Tod (1893) von Hugo von Hofmannsthal · Eingangsmonolog (Ausschnitt)

Originaltext · Der Tor und der Tod, Hugo von Hofmannsthal (1893)eingerichtet
Dauer
ca. 4 Mingeschätzt, 431 Wörter
Umfang
65 Verseeingerichtet
Figur
männlich
Spielalter
ca. 20–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
melancholischleise & nachdenklich
Sprache
gereimte Versebehutsam modernisiert
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(Claudios Studierzimmer voller Altertümer. Abend. Claudio steht am Fenster.)

  1. Jetzt zünden sie die Lichter an und haben
  2. In engen Wänden eine dumpfe Welt
  3. Mit allen Rausch- und Tränengaben
  4. Und was noch sonst ein Herz gefangenhält.
  5. Sie sind einander herzlich nah
  6. Und härmen sich um einen, der entfernt;
  7. Und wenn wohl einem Leid geschah,
  8. So trösten sie ... ich habe Trösten nie gelernt.
  9. Sie können sich mit einfachen Worten,
  10. Was nötig zum Weinen und Lachen, sagen.
  11. Müssen nicht an sieben vernagelte Pforten
  12. Mit blutigen Fingern schlagen.
  13. Was weiß denn ich vom Menschenleben?
  14. Bin freilich scheinbar drin gestanden,
  15. Aber ich hab es höchstens verstanden,
  16. Konnte mich nie darein verweben.
  17. Hab mich niemals daran verloren.
  18. Wo andre nehmen, andre geben,
  19. Blieb ich beiseit, im Innern stummgeboren.
  20. Ich hab von allen lieben Lippen
  21. Den wahren Trank des Lebens nie gesogen,
  22. Bin nie, von wahrem Schmerz durchschüttert,
  23. Die Straße einsam, schluchzend, nie! gezogen.
  24. Wenn ich von guten Gaben der Natur
  25. Je eine Regung, einen Hauch erfuhr,
  26. So nannte ihn mein überwacher Sinn,
  27. Unfähig des Vergessens, grell beim Namen.
  28. Und wie dann tausende Vergleiche kamen,
  29. War das Vertrauen, war das Glück dahin.
  30. Und auch das Leid! zerfasert und zerfressen
  31. Vom Denken, abgeblasst und ausgelaugt!
  32. Wie wollte ich an meine Brust es pressen,
  33. Wie hätt ich Wonne aus dem Schmerz gesaugt:
  34. Sein Flügel streifte mich, ich wurde matt,
  35. Und Unbehagen kam an Schmerzes Statt ...

[…]

  1. Ich hab mich so an Künstliches verloren,
  2. Dass ich die Sonne sah aus toten Augen
  3. Und nicht mehr hörte als durch tote Ohren:
  4. Stets schleppte ich den rätselhaften Fluch,
  5. Nie ganz bewusst, nie völlig unbewusst,
  6. Mit kleinem Leid und schaler Lust
  7. Mein Leben zu erleben wie ein Buch,
  8. Das man zur Hälft noch nicht und halb nicht mehr begreift,
  9. Und hinter dem der Sinn erst nach Lebendgem schweift –
  10. Und was mich quälte und was mich erfreute,
  11. Mir war, als ob es nie sich selbst bedeute,
  12. Nein, künftgen Lebens vorgeliehnen Schein
  13. Und hohles Bild von einem vollern Sein.
  14. So hab ich mich in Leid und jeder Liebe
  15. Verwirrt mit Schatten nur herumgeschlagen,
  16. Verbraucht, doch nicht genossen alle Triebe,
  17. In dumpfem Traum, es würde endlich tagen.
  18. Ich wandte mich und sah das Leben an:
  19. Darinnen Schnellsein nicht zum Laufen nützt
  20. Und Tapfersein nicht hilft zum Streit; darin
  21. Unheil nicht traurig macht und Glück nicht froh;
  22. Auf Frag ohn Sinn folgt Antwort ohne Sinn;
  23. Verworrner Traum entsteigt der dunklen Schwelle,
  24. Und Glück ist alles, Stunde, Wind und Welle!
  25. So schmerzlich klug und so enttäuschten Sinn
  26. In müdem Hochmut hegend, in Entsagen
  27. Tief eingesponnen, leb ich ohne Klagen
  28. In diesen Stuben, dieser Stadt dahin.
  29. Die Leute haben sich entwöhnt zu fragen
  30. Und finden, dass ich recht gewöhnlich bin.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Claudio ist nicht verzweifelt, sondern hellsichtig und müde. Gerade die Ruhe macht den Text schmerzhaft.
  • Die gereimten Verse sind sehr musikalisch. Lass sie klingen, aber denk die Gedanken wirklich; jede Einsicht ist neu.
  • Der Satz „Die Leute haben sich entwöhnt zu fragen“ ist bitter. Spiele ihn als Feststellung, nicht als Klage.
  • Für Monologe, die eine Lebensbilanz ziehen, hilft eine genaue Figurenbiografie: Welche Begegnungen hat Claudio versäumt?

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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