(Heros Gemach im Turm am Hellespont, abends. Der Oberpriester, ihr Oheim, hat sie zur Nacht verlassen.)
(Nach einer Pause.)
- Ich merke wohl, der Vorfall in dem Hain
- Mit jenen Fremden hat mir ihn verstimmt.
- Und, wahrlich, er hat recht. Gesteh ichs nur!
- Wenn ich nicht Hero war, nicht Priesterin,
- Den Himmlischen zu frommem Dienst geweiht,
- Der Jüngere, der Braungelockte, Kleinre,
- Vielleicht gefiel er mir. – Vielleicht? – Je nun!
- Ich weiß nunmehr, dass, was sie Neigung nennen,
- Ein Wirkliches, ein zu Vermeidendes,
- Und meiden will ichs wohl. – Ihr guten Götter!
- Wie vieles lehrt ein Tag, und ach, wie wenig
- Gibt und vergisst ein Jahr. – Nun, er ist fern,
- Im ganzen Leben seh ich kaum ihn wieder,
- Und so ists abgetan. – Wohl gut!
(Sie nimmt den Mantel ab.)
- Hier liege du! Mit wie verschiednem Sinn
- Nahm morgens ich, leg ich dich abends hin.
- Ein Leben hüllst du ein in deine Falten.
- Bewahre, was du weißt, ich leg es ab mit dir.
- Doch was beginnen nun? Ich kann nicht schlafen.
(Die Lampe ergreifend und in die Höhe haltend.)
- Beseh ich mir den Ort? – Wie weit! – Wie leer! –
- Genug werd ich dich schaun manch langes Jahr,
- Gern spar ich, was du beutst, für künftge Neugier.
- Horch! – Es war nichts. – Allein, allein, allein!
(Sie hat die Lampe seitwärts aufs Fenster gestellt und steht dabei.)
- Wie ruhig ist die Nacht! Der Hellespont
- Lässt Kindern gleich die frommen Wellen spielen;
- Sie flüstern kaum, so still sind sie vergnügt.
- Kein Laut, kein Schimmer rings. Nur meine Lampe
- Wirft bleiche Lichter durch die dunkle Luft.
- Lass mich dich rücken hier an diese Stäbe!
- Der späte Wanderer erquicke sich
- An dem Gedanken, dass noch jemand wacht.
- Und bis zu fernen Ufern jenseits hin
- Sei du ein Stern und strahle durch die Nacht.
- Doch würdest du bemerkt. Drum komm nur schlafen,
- Du bleiche Freundin mit dem stillen Licht.
(Sie trägt die Lampe.)
- Und wie ich lösche deinen sanften Strahl,
- So möge löschen auch, was hier noch flimmert,
- Und nie mehr zünd es neu ein neuer Abend an.
(Sie hat die Lampe auf den Tisch gesetzt.)
- So spät noch wach? – Ei, Mutter, bitte, bitte! –
- Nein, Kinder schlafen früh! – Nun denn, es sei!
(Sie nimmt das Geschmeide aus dem Haar und singt dabei mit halber Stimme.)
- Und Leda streichelt
- Den weichen Flaum.
- Das ewge Lied! Wie kommts mir nur in Sinn?
- Nicht Götter steigen mehr zu wüsten Türmen,
- Kein Schwan, kein Adler bringt Verlassnen Trost.
- Die Einsamkeit bleibt einsam und sie selbst.
(Sie hat sich gesetzt.)
- Auch eine Leier legten sie hierher.
- Ich habe nie gelernt, darauf zu spielen.
- Ich wollte wohl, ich hätts! – Gedanken, bunt
- Und wirr durchkreuzen meinen Sinn,
- In Tönen lösten leichter sie sich auf.
- Ja denn, du schöner Jüngling, still und fromm!
- Ich denke dein in dieser späten Stunde
- Und mit so glatt verbreitetem Gefühl,
- Dass kein Vergehn sich birgt in seine Falten.
- Ich will dir wohl, erfreut doch, dass du fern,
- Und reichte meine Stimme bis zu dir,
- Ich riefe grüßend: Gute Nacht!
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
Ende des Textes · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

