Phädra: „Schon früher fing mein Unglück an“

Monolog · Barock · Blankvers (Übersetzung Friedrich Schiller)

Phädra: Ich sah ihn, ich errötete, verblasste Bei seinem Anblick

aus Phädra (1677) von Jean Racine · I. Aufzug, 3. Auftritt

Originaltext · Phädra, Jean Racine (1677)ungekürzt
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 362 Wörter
Umfang
54 Verseungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 30–50redaktionelle Einschätzung
Tonlage
beschämtleidenschaftlich
Sprache
Blankvers (Übersetzung Friedrich Schiller)behutsam modernisiert
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(Trözene, im Palast. Phädra hat ihrer Amme Önone eben gestanden, wen sie liebt: Hippolyt, den Sohn ihres Mannes Theseus.)

  1. Schon früher fing mein Unglück an. Kaum war
  2. Dem Sohn des Ägeus meine Treu verpfändet,
  3. Mein Friede schien so sicher mir gegründet,
  4. Mein Glück mir so gewiss, da zeigte mir
  5. Zuerst Athenä meinen stolzen Feind.
  6. Ich sah ihn, ich errötete, verblasste
  7. Bei seinem Anblick; meinen Geist ergriff
  8. Unendliche Verwirrung, finster wards
  9. Vor meinen Augen, mir versagte die Stimme,
  10. Ich fühlte mich durchschauert und durchflammt,
  11. Der Venus furchtbare Gewalt erkannt ich
  12. Und alle Qualen, die sie zürnend sendet.
  13. Durch fromme Opfer hofft ich sie zu wenden,
  14. Ich baut ihr einen Tempel, schmückt ihn reich,
  15. Ich ließ der Göttin Hekatomben fallen,
  16. Im Blut der Tiere sucht ich die Vernunft,
  17. Die mir ein Gott geraubt – Ohnmächtige
  18. Schutzwehren gegen Venus’ Macht! Umsonst
  19. Verbrannt ich köstlich Räuchwerk auf Altären,
  20. In meinem Herzen herrschte Hippolyt,
  21. Wenn meine Lippe zu der Göttin flehte.
  22. Ihn sah ich überall und ihn allein,
  23. Am Fuße selbst der rauchenden Altäre
  24. War er der Gott, dem ich die Opfer brachte.
  25. Was frommte mirs, dass ich ihn überall
  26. Vermied – O unglückseliges Verhängnis!
  27. In des Vaters Zügen fand ich ihn ja wieder.
  28. Mit Ernst bekämpft ich endlich mein Gefühl,
  29. Ich tat Gewalt mir an, ihn zu verfolgen.
  30. Stiefmütterliche Launen gab ich mir,
  31. Den allzuteuern Feind von mir zu bannen.
  32. Ich ruhte nicht, bis er verwiesen ward,
  33. In den Vater stürmt ich ein mit ewgem Dringen,
  34. Bis ich den Sohn aus seinem Arm gerissen –
  35. Ich atmete nun wieder frei, Önone,
  36. In Unschuld flossen meine stillen Tage,
  37. Verschlossen blieb in tiefer Brust mein Gram,
  38. Und unterwürfig meiner Gattinpflicht
  39. Pflegt ich die Pfänder unsrer Unglücksehe!
  40. Verlorne Müh! O Tücke des Geschicks!
  41. Mein Gatte bringt ihn selbst mir nach Trözene,
  42. Ich muss ihn wiedersehn, den ich verbannt –
  43. Und neu entbrennt die nie erstickte Glut.
  44. Kein heimlich schleichend Feuer ist es mehr,
  45. Mit voller Wut treibt mich der Venus Zorn.
  46. Ich schaudre selbst vor meiner Schuld zurück,
  47. Mein Leben hass ich und verdamme mich,
  48. Ich wollte schweigend zu den Toten gehn,
  49. Im tiefen Grabe meine Schuld verhehlen –
  50. Dein Flehn bezwang mich, ich gestand dir alles,
  51. Und nicht bereuen will ich, dass ichs tat,
  52. Wenn du fortan mit ungerechtem Tadel
  53. Die Sterbende verschonst, mit eitler Müh
  54. Mich nicht dem Leben wiedergeben willst.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Phädra erzählt eine lange Geschichte, aber sie erlebt sie noch einmal. Jede Station (Athen, der Tempel, Trözene) muss für dich ein eigenes Bild haben.
  • Sie kämpft gegen sich selbst. Achte auf die Stellen, an denen sie stolz auf ihren Widerstand ist, und auf die, an denen sie ihn aufgibt.
  • Schillers Blankvers ist klar und fließend. Halte die Satzbögen über die Versenden hinweg; vergleiche Verssprechen.
  • Der Schluss ist eine Bitte, keine Klage: Önone soll sie in Ruhe sterben lassen. Spiele ihn leise und bestimmt.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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