Malvolio: „Das ist meines Fräuleins Hand“

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Prosa mit Briefversen (Übersetzung Schlegel)

Malvolio: So wahr ich lebe, das ist meines Fräuleins Hand.

aus Was ihr wollt (1601) von William Shakespeare · II. Aufzug, 5. Szene

Originaltext · Was ihr wollt, William Shakespeare (1601)eingerichtet
Dauer
ca. 5 Mingeschätzt, 616 Wörter
Umfang
8 Verseeingerichtet
Figur
männlich
Spielalter
ca. 30–65redaktionelle Einschätzung
Tonlage
eitelkomisch
Sprache
Prosa mit Briefversen (Übersetzung Schlegel)behutsam modernisiert
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(Olivias Garten. Malvolio findet einen Brief, der wie die Handschrift seiner Herrin aussieht. Hinter einer Hecke lauschen Junker Tobias, Junker Christoph und Fabio.)

So wahr ich lebe, das ist meines Fräuleins Hand. Dies sind grade ihre C’s, ihre U’s und ihre T’s, und so macht sie ihre großen P’s. Es ist ohne alle Frage ihre Hand.

[…]

»Dem unbekannten Geliebten dies und meine freundlichen Wünsche.« – Das ist ganz ihr Stil. – Mit deiner Erlaubnis, Siegellack! – Sacht! und das Petschaft ist ihre Lukretia, womit sie zu siegeln pflegt: es ist das Fräulein! An wen mag es sein?

[…]

  1. »Den Göttern ist’s kund,
  2. Ich liebe: doch wen?
  3. Verschleuß dich, o Mund!
  4. Nie darf ich’s gestehn.«

»Nie darf ich’s gestehn.« – Was folgt weiter? Das Silbenmaß verändert! »Nie darf ich’s gestehn.« Wenn du das wärst, Malvolio?

[…]

  1. »Ich kann gebieten, wo ich liebe;
  2. Doch Schweigen, wie Lukretias Stahl,
  3. Durchbohrt mein Herz voll zarter Triebe.
  4. M.O.A.I. ist meine Wahl.«

[…]

»M.O.A.I. ist meine Wahl.« Zuerst aber – lass sehn – lass sehn – lass sehn!

[…]

»Ich kann gebieten, wo ich liebe.« Nun ja, sie kann über mich gebieten; ich diene ihr, sie ist meine Herrschaft. Nun, das leuchtet jedem notdürftig gesunden Menschenverstande ein. – Dies macht gar keine Schwierigkeit; und der Schluss? Was mag wohl diese Anordnung von Buchstaben bedeuten? Wenn ich machen könnte, dass dies auf die eine oder andre Art an mir zuträfe! – Sacht! M.O.A.I.

[…]

M. – Malvolio – M – nun, damit fängt mein Name an.

[…]

M. – Aber dann ist keine Übereinstimmung in dem folgenden; es erträgt die nähere Beleuchtung nicht: A sollte folgen, aber O folgt.

[…]

Und dann kommt I hinterdrein.

[…]

M.O.A.I. – Diese Anspielung ist nicht so klar wie die vorige. Und doch, wenn man es ein wenig handhaben wollte, so würde sich’s nach mir bequemen: denn jeder von diesen Buchstaben ist in meinem Namen. Seht, hier folgt Prosa. – »Wenn dies in deine Hände fällt, erwäge: Mein Gestirn erhebt mich über dich, aber sei nicht bange vor der Hoheit. Einige werden hoch geboren, einige erwerben Hoheit, und einigen wird sie zugeworfen. Dein Schicksal tut dir die Hand auf; ergreife es mit Leib und Seele! Und um dich an das zu gewöhnen, was du Hoffnung hast zu werden, wirf deine demütige Hülle ab und erscheine verwandelt! Sei widerwärtig gegen einen Verwandten, mürrisch mit den Bedienten; lass Staatsgespräche von deinen Lippen schallen; lege dich auf ein Sonderlingsbetragen. Das rät dir die, so für dich seufzt. Erinnre dich, wer deine gelben Strümpfe lobte und dich beständig mit kreuzweise gebundnen Kniegürteln zu sehen wünschte: ich sage, erinnre dich! Nur zu! Dein Glück ist gemacht, wo du es wünschest. Wo nicht, so bleib’ nur immer ein Hausverwalter, der Gefährte von Lakaien und nicht wert, Fortunas Hand zu berühren. Leb wohl! Sie, welche die Dienstbarkeit mit dir tauschen möchte, die Glücklich-Unglückselige.« Das Sonnenlicht ist nicht klarer! Es ist offenbar. Ich will stolz sein; ich will politische Bücher lesen; ich will Junker Tobias ablaufen lassen; ich will mich von gemeinen Bekanntschaften säubern; ich will aufs Haar der rechte Mann sein. Ich habe mich jetzt nicht selbst zum besten, dass ich mich etwa von der Einbildung übermannen ließe. Sie lobte neulich meine gelben Strümpfe, sie rühmte meine Kniegürtel; und hier gibt sie sich meiner Liebe kund, und nötigt mich mit einer feinen Wendung zu diesen Trachten nach ihrem Geschmack. Ich danke meinen Sternen, ich bin glücklich. Ich will fremd tun, stolz sein, gelbe Strümpfe tragen und die Kniegürtel kreuzweise binden, so schnell sie sich nur anlegen lassen. Die Götter und meine Sterne sei’n gepriesen! – Hier ist noch eine Nachschrift: »Du kannst nicht umhin, mich zu erraten. Wenn du meine Liebe begünstigst, so lass es in deinem Lächeln sichtbar werden. Dein Lächeln steht dir wohl, darum lächle stets in meiner Gegenwart, ich bitte dich!« – Götter, ich danke euch! Ich will lächeln, ich will alles tun, was du verlangst.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Die Komik entsteht aus der dramatischen Ironie: Das Publikum weiß, dass der Brief gefälscht ist und gelauscht wird. Malvolio muss es vollkommen ernst meinen.
  • Der Brief ist eine Requisite mit eigenem Rhythmus: Siegel brechen, Verse lesen, die Seite wenden („Seht, hier folgt Prosa“).
  • Beim Rätsel „M.O.A.I.“ biegt Malvolio die Logik, bis sie passt. Je gründlicher er denkt, desto komischer wird es.
  • Die Zwischenrufe der Lauscher sind gestrichen und jeweils mit […] markiert. Wer zu viert probt, kann sie aus dem Stück wieder einsetzen.

Weitere Rollen aus diesem Stück

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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