Elektra: „Allein! Weh, ganz allein.“

Monolog · Jahrhundertwende · reimlose Verse

Elektra: Allein! Weh, ganz allein. Der Vater fort, hinabgescheucht in seine kalten Klüfte.

aus Elektra (1903) von Hugo von Hofmannsthal · Eingangsmonolog

Originaltext · Elektra, Hugo von Hofmannsthal (1903)ungekürzt
Dauer
ca. 4 Mingeschätzt, 406 Wörter
Umfang
57 Verseungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 20–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
einsamleidenschaftlich
Sprache
reimlose Versebehutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Der Hof vor dem Palast in Mykene. Abend. Rote Lichtflecken fallen durch die Zweige eines Feigenbaums. Elektra ist allein.)

  1. Allein! Weh, ganz allein. Der Vater fort,
  2. hinabgescheucht in seine kalten Klüfte.

(Gegen den Boden.)

  1. Wo bist du, Vater? hast du nicht die Kraft,
  2. dein Angesicht herauf zu mir zu schleppen?
  3. Es ist die Stunde, unsre Stunde ists!
  4. Die Stunde, wo sie dich geschlachtet haben,
  5. dein Weib und der mit ihr in einem Bette,
  6. in deinem königlichen Bette schläft.
  7. Sie schlugen dich im Bade tot, dein Blut
  8. rann über deine Augen, und das Bad
  9. dampfte von deinem Blut, dann nahm er dich,
  10. der Feige, bei den Schultern, zerrte dich
  11. hinaus aus dem Gemach, den Kopf voraus,
  12. die Beine schleifend hinterher: dein Auge,
  13. das starre, offne, sah herein ins Haus.
  14. So kommst du wieder, setzest Fuß vor Fuß
  15. und stehst auf einmal da, die beiden Augen
  16. weit offen, und ein königlicher Reif
  17. von Purpur ist um deine Stirn, der speist sich
  18. aus deines Hauptes offner Wunde.
  19. Vater!
  20. Ich will dich sehn, lass mich heut nicht allein!
  21. Nur so wie gestern, wie ein Schatten, dort
  22. im Mauerwinkel zeig dich deinem Kind!
  23. Vater! dein Tag wird kommen! Von den Sternen
  24. stürzt alle Zeit herab, so wird das Blut
  25. aus hundert Kehlen stürzen auf dein Grab!
  26. So wie aus umgeworfnen Krügen wirds
  27. aus den gebundnen Mördern fließen, rings
  28. wie Marmorkrüge werden nackte Leiber
  29. von allen ihren Helfern sein, von Männern
  30. und Frauen, und in einem Schwall, in einem
  31. geschwollnen Bach wird ihres Lebens Leben
  32. aus ihnen stürzen – und wir schlachten dir
  33. die Rosse, die im Hause sind, wir treiben
  34. sie vor dem Grab zusammen, und sie ahnen den Tod
  35. und wiehern in die Todesluft
  36. und sterben, und wir schlachten dir die Hunde,
  37. weil sie der Wurf sind und der Wurf des Wurfes
  38. von denen, die mit dir gejagt, von denen,
  39. die dir die Füße leckten, denen du
  40. die Bissen hinwarfst, darum muss ihr Blut
  41. hinab, um dir zu Dienst zu sein, und wir,
  42. dein Blut, dein Sohn Orest und deine Töchter,
  43. wir drei, wenn alles dies vollbracht und Purpur-
  44. gezelte aufgerichtet sind, vom Dunst
  45. des Blutes, den die Sonne an sich zieht,
  46. dann tanzen wir, dein Blut, rings um dein Grab:
  47. und über Leichen hin werd ich das Knie
  48. hochheben Schritt für Schritt, und die mich werden
  49. so tanzen sehen, ja, die meinen Schatten
  50. von weitem nur so werden tanzen sehn,
  51. die werden sagen: einem großen König
  52. wird hier ein großes Prunkfest angestellt
  53. von seinem Fleisch und Blut, und glücklich ist,
  54. wer Kinder hat, die um sein hohes Grab
  55. so königliche Siegestänze tanzen!

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Elektra beschreibt den Mord in allen Einzelheiten. Sie hat ihn nicht gesehen, aber tausendmal vorgestellt; spiele die Genauigkeit einer Besessenen.
  • Der Vater soll im Mauerwinkel erscheinen. Gib ihm einen festen Ort und sprich nach unten, zur Erde.
  • Die Rachevision steigert sich bis zum Tanz. Halte Kraft zurück; der Bogen ist lang. Vgl. Spannungsbogen.
  • Hofmannsthals Verse sind freie Fünfheber, oft über die Zeile hinweg gesprochen. Atme nach dem Sinn, nicht am Zeilenende.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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