Lady Anna: „Setzt nieder eure ehrenwerte Last“

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Blankvers (Übersetzung Schlegel)

Lady Anna: Setzt nieder eure ehrenwerte Last

aus König Richard III. (1593) von William Shakespeare · I. Aufzug, 2. Szene

Originaltext · König Richard III., William Shakespeare (1593)ungekürzt
Dauer
ca. 2 Mingeschätzt, 216 Wörter
Umfang
33 Verseungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 18–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
trauerndleidenschaftlich
Sprache
Blankvers (Übersetzung Schlegel)behutsam modernisiert
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(London, eine Straße. König Heinrichs VI. Leiche wird in einem offenen Sarg hereingetragen; Lady Anna geht als Trauernde mit.)

  1. Setzt nieder eure ehrenwerte Last, –
  2. Wofern sich Ehre senkt in einen Sarg, –
  3. Indessen ich zur Leichenfeier klage
  4. Den frühen Fall des frommen Lancaster.
  5. Du eiskalt Bildnis eines heil’gen Königs!
  6. Des Hauses Lancaster erblichne Asche!
  7. Blutloser Rest des königlichen Bluts!
  8. Vergönnt sei’s, aufzurufen deinen Geist,
  9. Dass er der armen Anna Jammer höre,
  10. Die Eduards Weib war, deines Sohns, erwürgt
  11. Von jener Hand, die diese Wunden schlug.
  12. In diese Fenster, die sich aufgetan,
  13. Dein Leben zu entlassen, träufl’ ich, sieh!
  14. Hülflosen Balsam meiner armen Augen.
  15. Verflucht die Hand, die diese Risse machte!
  16. Verflucht das Herz, das Herz hatt’, es zu tun!
  17. Verflucht das Blut, das dieses Blut entließ!
  18. Heilloser Schicksal treffe den Elenden,
  19. Der elend uns gemacht durch deinen Tod,
  20. Als ich kann wünschen Nattern, Spinnen, Kröten
  21. Und allem giftigen Gewürm, das lebt.
  22. Hat er ein Kind je, so sei’s missgeboren,
  23. Verwahrlost und zu früh ans Licht gebracht,
  24. Des greulich unnatürliche Gestalt
  25. Den Blick der hoffnungsvollen Mutter schrecke;
  26. Und das sei Erbe seines Missgeschicks!
  27. Hat er ein Weib je, nun, so möge sie
  28. Sein Tod um vieles noch elender machen
  29. Als mich mein junger Eh’gemahl und du! –
  30. Kommt nun nach Chertsey mit der heil’gen Last,
  31. Die von Sankt Paul wir zur Bestattung holten,
  32. Und immer, wenn ihr müde seid, ruht aus,
  33. Derweil ich klag’ um König Heinrichs Leiche.

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Spielhinweise

  • Die drei „Verflucht“-Zeilen sind ein Höhepunkt mit klarer Steigerung: Hand, Herz, Blut. Gib jeder ihr eigenes Ziel.
  • Der Fluch über eine künftige Ehefrau des Mörders fällt im Stück auf Anna selbst zurück. Diese dramatische Ironie kennt das Publikum, Anna nicht.
  • Es ist eine öffentliche Klage vor Trägern und Wachen, kein stilles Gebet. Anna spricht laut und mutig.
  • Ein klassischer Monolog im Blankvers für junge Frauen, der Wut und Trauer verbindet.

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