Richard III.: „Nun ward der Winter unsers Missvergnügens“

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Blankvers (Übersetzung Schlegel)

Richard, Herzog von Gloster (später König Richard III.): Nun ward der Winter unsers Missvergnügens glorreicher Sommer durch die Sonne Yorks

aus König Richard III. (1593) von William Shakespeare · I. Aufzug, 1. Szene

Originaltext · König Richard III., William Shakespeare (1593)ungekürzt
Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 265 Wörter
Umfang
41 Verseungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 25–50redaktionelle Einschätzung
Tonlage
sarkastischernst & dramatisch
Sprache
Blankvers (Übersetzung Schlegel)behutsam modernisiert
PDF-Optionen

(London, eine Straße. Gloster allein.)

  1. Nun ward der Winter unsers Missvergnügens
  2. Glorreicher Sommer durch die Sonne Yorks;
  3. Die Wolken all, die unser Haus bedräut,
  4. Sind in des Weltmeers tiefem Schoß begraben.
  5. Nun zieren unsre Brauen Siegeskränze,
  6. Die schart’gen Waffen hängen als Trophä’n;
  7. Aus rauem Feldlärm wurden muntre Feste,
  8. Aus furchtbar’n Märschen holde Tanzmusiken.
  9. Der grimm’ge Krieg hat seine Stirn entrunzelt,
  10. Und statt zu reiten das geharn’schte Ross,
  11. Um droh’nder Gegner Seelen zu erschrecken,
  12. Hüpft er behend’ in einer Dame Zimmer
  13. Nach üppigem Gefallen einer Laute.
  14. Doch ich, zu Possenspielen nicht gemacht,
  15. Noch um zu buhlen mit verliebten Spiegeln;
  16. Ich, roh geprägt, entblößt von Liebesmajestät,
  17. Vor leicht sich dreh’nden Nymphen mich zu brüsten;
  18. Ich, um dies schöne Ebenmaß verkürzt,
  19. Von der Natur um Bildung falsch betrogen,
  20. Entstellt, verwahrlost, vor der Zeit gesandt
  21. In diese Welt des Atmens, halb kaum fertig
  22. Gemacht, und zwar so lahm und ungeziemend,
  23. Dass Hunde bellen, hink’ ich wo vorbei;
  24. Ich nun, in dieser schlaffen Friedenszeit,
  25. Weiß keine Lust, die Zeit mir zu vertreiben,
  26. Als meinen Schatten in der Sonne spähn
  27. Und meine eigne Missgestalt erörtern;
  28. Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter
  29. Kann kürzen diese fein beredten Tage,
  30. Bin ich gewillt, ein Bösewicht zu werden
  31. Und feind den eitlen Freuden dieser Tage.
  32. Anschläge macht’ ich, schlimme Einleitungen,
  33. Durch trunkne Weissagungen, Schriften, Träume,
  34. Um meinen Bruder Clarence und den König
  35. In Todfeindschaft einander zu verhetzen.
  36. Und ist nur König Eduard treu und echt,
  37. Wie ich verschmitzt, falsch und verräterisch,
  38. So muss heut Clarence eng verhaftet werden
  39. Für eine Weissagung, die sagt, dass G
  40. Den Erben Eduards nach dem Leben steh’,
  41. Taucht unter, ihr Gedanken! Clarence kommt.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

Spielhinweise

  • Richard spricht das Publikum direkt an und durchbricht die vierte Wand. Spiele es als Einladung: Er will, dass wir seinen Witz bewundern.
  • Der Spott über die Feste und die „verliebten Spiegel“ ist bitter. Unter der Ironie liegt die Kränkung eines Menschen, den keiner liebt.
  • Der Wechsel zur Intrige („Anschläge macht’ ich“) ist nüchtern und schnell. Das letzte Wort gehört dem Bruder, der gleich hereingeführt wird: „Clarence kommt.“
  • Die Figur ist ein Grenzfall zwischen Gegenspieler und Hauptfigur. Den Körper nicht ausstellen; die Haltung entsteht aus dem Willen.

Weitere Rollen aus diesem Stück

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

Go to Top