Luise und Wurm: Der Brief

Dialog · 2 Personen · Sturm und Drang · Prosa

Luise und Wurm: An den Henker Ihres Vaters.

aus Kabale und Liebe (1784) von Friedrich Schiller · III. Akt, 6. Szene (Ausschnitt)

Originaltext · Kabale und Liebe, Friedrich Schiller (1784)Ausschnitt
Dauer
ca. 8,5 Mingeschätzt, 993 Wörter
Umfang
993 WörterLuise · Wurm
Figur
w + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 16–55redaktionelle Einschätzung
Tonlage
verzweifeltleidenschaftlich
Sprache
Prosabehutsam modernisiert
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Luise

Zum Herzog. Hören Sie nicht? Zu eben dem Herzog, der meinen Vater auf Tod und Leben will richten lassen — Nein! Nicht will — muss richten lassen, weil einige Böswichter wollen; der zu dem ganzen Prozess der beleidigten Majestät nichts hergibt, als eine Majestät und seine fürstliche Handschrift.

Stichwort: „… eine Majestät und seine fürstliche Handschrift.“

Wurm (Lacht überlaut.)

Zum Herzog!

Stichwort: „Zum Herzog!“

Luise

Ich weiß, worüber Sie lachen — aber ich will ja auch kein Erbarmen dort finden — Gott bewahre mich! nur Ekel — Ekel nur an meinem Geschrei. Man hat mir gesagt, dass die Großen der Welt noch nicht belehrt sind, was Elend ist — nicht wollen belehrt sein. Ich will ihm sagen was Elend ist — will es ihm vormalen in allen Verzerrungen des Todes, was Elend ist — will es ihm vorheulen in Mark und Bein zermalmenden Tönen, was Elend ist — und wenn ihm jetzt über der Beschreibung die Haare zu Berge fliegen, will ich ihm noch zum Schluss in die Ohren schrein, dass in der Sterbestunde auch die Lungen der Erdengötter zu röcheln anfangen, und das jüngste Gericht Majestäten und Bettler in dem nämlichen Siebe rüttle.

Stichwort: „… Bettler in dem nämlichen Siebe rüttle.“

(Sie will gehen.)

Wurm (Boshaft freundlich.)

Gehen Sie, o gehen Sie ja. Sie können wahrlich nichts klügeres tun. Ich rate es Ihnen, gehen Sie, und ich gebe Ihnen mein Wort, dass der Herzog willfahren wird.

Stichwort: „… Wort, dass der Herzog willfahren wird.“

Luise (Steht plötzlich still.)

Wie sagen Sie? — Sie raten mir selbst dazu? (kommt schnell zurück) Hm! Was will ich denn? Etwas abscheuliches muss es sein, weil dieser Mensch dazu ratet — Woher wissen Sie, dass der Fürst mir willfahren wird?

Stichwort: „… dass der Fürst mir willfahren wird?“

Wurm

Weil er es nicht wird umsonst tun dürfen.

Stichwort: „… es nicht wird umsonst tun dürfen.“

Luise

Nicht umsonst? Welchen Preis kann er auf eine Menschlichkeit setzen?

Stichwort: „… kann er auf eine Menschlichkeit setzen?“

Wurm

Die schöne Supplikantin ist Preises genug.

Stichwort: „Die schöne Supplikantin ist Preises genug.“

Luise (Bleibt erstarrt stehn, dann mit brechendem Laut.)

Allgerechter!

Stichwort: „Allgerechter!“

Wurm

Und einen Vater werden Sie doch, will ich hoffen, um diese gnädige Taxe nicht überfodert finden?

Stichwort: „… diese gnädige Taxe nicht überfodert finden?“

Luise (Auf und ab, außer Fassung.)

Ja! Ja! Es ist wahr. Sie sind verschanzt eure Großen — verschanzt vor der Wahrheit hinter ihre eigene Laster, wie hinter Schwerter der Cherubim — Helfe dir der Allmächtige, Vater. Deine Tochter kann für dich sterben, aber nicht sündigen.

Stichwort: „… für dich sterben, aber nicht sündigen.“

Wurm

Das mag ihm wohl eine Neuigkeit sein dem armen verlassenen Mann — „Meine Luise„ sagte er mir „hat mich zu Boden geworfen. Meine Luise wird mich auch aufrichten“ — Ich eile Mamsell, ihm die Antwort zu bringen.

Stichwort: „… Mamsell, ihm die Antwort zu bringen.“

(Stellt sich als ob er ginge.)

Luise (Eilt ihm nach, hält ihn zurück.)

Bleiben Sie! Bleiben Sie! Geduld! — Wie flink dieser Satan ist, wenn es gilt, Menschen rasend zu machen! — Ich hab ihn niedergeworfen. Ich muss ihn aufrichten. Reden Sie! Raten Sie! Was kann ich? Was muss ich tun?

Stichwort: „… kann ich? Was muss ich tun?“

Wurm

Es ist nur ein Mittel.

Stichwort: „Es ist nur ein Mittel.“

Luise

Dieses einzige Mittel?

Stichwort: „Dieses einzige Mittel?“

Wurm

Auch Ihr Vater wünscht —

Stichwort: „Auch Ihr Vater wünscht —“

Luise

Auch mein Vater? — Was ist das für ein Mittel?

Stichwort: „… Was ist das für ein Mittel?“

Wurm

Es ist Ihnen leicht.

Stichwort: „Es ist Ihnen leicht.“

Luise

Ich kenne nichts schwerers als die Schande.

Stichwort: „… kenne nichts schwerers als die Schande.“

Wurm

Wenn Sie den Major wieder frei machen wollen?

Stichwort: „… den Major wieder frei machen wollen?“

Luise

Von seiner Liebe? Spotten Sie meiner? — Das meiner Willkür zu überlassen, wozu ich gezwungen ward?

Stichwort: „… zu überlassen, wozu ich gezwungen ward?“

Wurm

So ist es nicht gemeint, liebe Jungfer. Der Major muss zuerst und freiwillig zurücktreten.

Stichwort: „… Major muss zuerst und freiwillig zurücktreten.“

Luise

Er wird nicht.

Stichwort: „Er wird nicht.“

Wurm

So scheint es. Würde man denn wohl seine Zuflucht zu Ihnen nehmen, wenn nicht Sie allein dazu helfen könnten?

Stichwort: „… nicht Sie allein dazu helfen könnten?“

Luise

Kann ich ihn zwingen, dass er mich hassen muss?

Stichwort: „… zwingen, dass er mich hassen muss?“

Wurm

Wir wollen versuchen. Setzen Sie sich.

Stichwort: „Wir wollen versuchen. Setzen Sie sich.“

Luise (Betreten.)

Mensch! Was brütest du?

Stichwort: „Mensch! Was brütest du?“

Wurm

Setzen Sie sich. Schreiben Sie! Hier ist Feder, Papier und Tinte.

Stichwort: „… Hier ist Feder, Papier und Tinte.“

Luise (Setzt sich in höchster Beunruhigung.)

Was soll ich schreiben? An wen soll ich schreiben?

Stichwort: „… schreiben? An wen soll ich schreiben?“

Wurm

An den Henker Ihres Vaters.

Stichwort: „An den Henker Ihres Vaters.“

Luise

Ha! du verstehst dich darauf, Seelen auf die Folter zu schrauben

Stichwort: „… Seelen auf die Folter zu schrauben“

(Ergreift eine Feder.)

Wurm (Diktiert.)

„Gnädiger Herr“ —

Stichwort: „„Gnädiger Herr“ —“

(Luise schreibt mit zitternder Hand.)

Wurm

„Schon drei unerträgliche Tage sind vorüber — — sind vorüber — und wir sahen uns nicht“

Stichwort: „… — und wir sahen uns nicht““

Luise (Stutzt, legt die Feder weg.)

An wen ist der Brief?

Stichwort: „An wen ist der Brief?“

Wurm

An den Henker Ihres Vaters.

Stichwort: „An den Henker Ihres Vaters.“

Luise

O mein Gott!

Stichwort: „O mein Gott!“

Wurm

„Halten Sie sich deswegen an den Major — an den Major — der mich den ganzen Tag wie ein Argus hütet“

Stichwort: „… ganzen Tag wie ein Argus hütet““

Luise (Springt auf.)

Büberei, wie noch keine erhört worden! An wen ist der Brief?

Stichwort: „… worden! An wen ist der Brief?“

Wurm

An den Henker Ihres Vaters.

Stichwort: „An den Henker Ihres Vaters.“

Luise (Die Hände ringend auf und nieder.)

Nein! Nein! Nein! Das ist tyrannisch o Himmel! Strafe Menschen menschlich, wenn sie dich reizen, aber warum mich zwischen zwei Schrecknisse pressen? Warum zwischen Tod und Schande mich hin und her wiegen? Warum diesen blutsaugenden Teufel mir auf den Nacken setzen? — Macht was ihr wollt. Ich schreibe das nimmermehr.

Stichwort: „… ihr wollt. Ich schreibe das nimmermehr.“

Wurm (Greift nach dem Hut.)

Wie Sie wollen, Mademoiselle. Das steht ganz in Ihrem Belieben.

Stichwort: „… Das steht ganz in Ihrem Belieben.“

Luise

Belieben, sagen Sie? In meinem Belieben? — Geh Barbar! hänge einen Unglücklichen über dem Abgrund der Hölle aus, bitt ihn um etwas, und lästre Gott, und frag ihn, obs ihm beliebe? — O du weißt allzugut, dass unser Herz an natürlichen Trieben, so fest als an Ketten liegt — Nunmehr ist alles gleich. Diktieren Sie weiter. Ich denke nichts mehr. Ich weiche der überlistenden Hölle

Stichwort: „… mehr. Ich weiche der überlistenden Hölle“

(Sie setzt sich zum zweitenmal.)

Wurm

„Den ganzen Tag wie ein Argus hütet“ — Haben Sie das?

Stichwort: „… Argus hütet“ — Haben Sie das?“

Luise

Weiter! Weiter!

Stichwort: „Weiter! Weiter!“

Wurm

„Wir haben gestern den Präsidenten im Haus gehabt. Es war possierlich zu sehen, wie der gute Major um meine Ehre sich wehrte“

Stichwort: „… Major um meine Ehre sich wehrte““

Luise

O schön, schön! o herrlich! — Nur immer fort.

Stichwort: „… o herrlich! — Nur immer fort.“

Wurm

„Ich nahm meine Zuflucht zu einer Ohnmacht — zu einer Ohnmacht — dass ich nicht laut lachte“

Stichwort: „… — dass ich nicht laut lachte““

Luise

O Himmel!

Stichwort: „O Himmel!“

Wurm

„Aber bald wird mir meine Maske unerträglich — unerträglich — Wenn ich nur loskommen könnte —“

Stichwort: „… Wenn ich nur loskommen könnte —““

Luise (Hält inne, sieht auf, geht auf und nieder, den Kopf gesenkt, als suchte sie was auf dem Boden; dann setzt sie sich wiederum, schreibt weiter.)

„Loskommen könnte“

Stichwort: „„Loskommen könnte““

Wurm

„Morgen hat er den Dienst — Passen Sie ab, wenn er von mir geht, und kommen an den bewussten Ort“ — Haben Sie bewussten?

Stichwort: „… bewussten Ort“ — Haben Sie bewussten?“

Luise

Ich habe alles.

Stichwort: „Ich habe alles.“

Wurm

„An den bewussten Ort zu Ihrer zärtlichen ..... Luise„

Stichwort: „… Ort zu Ihrer zärtlichen ..... Luise„“

Luise

Nun fehlt die Adresse noch.

Stichwort: „Nun fehlt die Adresse noch.“

Wurm

„An Herrn Hofmarschall von Kalb“

Stichwort: „„An Herrn Hofmarschall von Kalb““

Luise

Ewige Vorsicht! ein Name, so fremd meinen Ohren, als meinem Herzen diese schändlichen Zeilen (sie steht auf, und betrachtet eine große Pause lang mit starrem Blick das Geschriebene, endlich reicht sie es dem Sekretär, mit erschöpfter hinsterbender Stimme) Nehmen Sie mein Herr. Es ist mein ehrlicher Name — es ist Ferdinand — ist die ganze Wonne meines Lebens, was ich jetzt in Ihre Hände gebe — Ich bin eine Bettlerin!

Stichwort: „… gebe — Ich bin eine Bettlerin!“

Wurm

O Nein doch! Verzagen Sie nicht, liebe Mademoiselle. Ich habe herzliches Mitleid mit Ihnen. Vielleicht — wer weiß? — Ich könnte mich noch wohl über gewisse Dinge hinwegsetzen — Wahrlich! Bei Gott! Ich habe Mitleid mit Ihnen.

Stichwort: „… Gott! Ich habe Mitleid mit Ihnen.“

Luise (Blickt ihn starr und durchdringend an.)

Reden Sie nicht aus mein Herr. Sie sind auf dem Wege sich etwas Entsetzliches zu wünschen.

Stichwort: „… Wege sich etwas Entsetzliches zu wünschen.“

Wurm (Im Begriff ihre Hand zu küssen.)

Gesetzt, es wäre diese niedliche Hand — Wie so liebe Jungfer?

Stichwort: „… Hand — Wie so liebe Jungfer?“

Luise (Groß und schrecklich.)

Weil ich dich in der Brautnacht erdrosselte, und mich dann mit Wollust aufs Rad flechten ließe (sie will gehen, kommt aber schnell zurück) Sind wir jetzt fertig mein Herr? Darf die Taube nun fliegen?

Stichwort: „… Herr? Darf die Taube nun fliegen?“

Wurm

Nur noch die Kleinigkeit Jungfer. Sie müssen mit mir, und das Sakrament darauf nehmen, diesen Brief für einen freiwilligen zu erkennen.

Stichwort: „… Brief für einen freiwilligen zu erkennen.“

Luise

Gott! Gott! und du selbst musst das Siegel geben, die Werke der Hölle zu verwahren?

Stichwort: „… die Werke der Hölle zu verwahren?“

(Wurm zieht sie fort.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Der Konflikt ist unausweichlich: Tod des Vaters oder Verlust der Ehre. Luise sucht jeden Ausweg, bevor sie nachgibt.
  • Wurm muss nicht drohen. Seine Macht liegt in der Ruhe und in der Wiederholung („An den Henker Ihres Vaters“). Je höflicher, desto grausamer.
  • Das Diktat ist das Herz der Szene: Wurm spricht, Luise schreibt; Pausen, Blicke und das Schreiben selbst sind Spielhandlungen. Probe mit echtem Papier.
  • Luises letzte Antworten („Weil ich dich in der Brautnacht erdrosselte“) sind ungeheuerlich und leise zugleich. Die Szene braucht keinen Schrei.

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