Ferdinand: „Es ist nicht möglich. Nicht möglich.“

Monolog · Sturm und Drang · Prosa

Ferdinand: Es ist nicht möglich. Nicht möglich.

aus Kabale und Liebe (1784) von Friedrich Schiller · IV. Akt, 2. Szene

Originaltext · Kabale und Liebe, Friedrich Schiller (1784)ungekürzt
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 348 Wörter
Umfang
348 Wörterungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 18–30redaktionelle Einschätzung
Tonlage
fassungslosleidenschaftlich
Sprache
Prosabehutsam modernisiert
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(Ferdinand allein, den Brief durchfliegend, bald erstarrend, bald wütend herumstürzend.)

Es ist nicht möglich. Nicht möglich. Diese himmlische Hülle versteckt kein so teuflisches Herz — — Und doch! doch! Wenn alle Engel herunter stiegen, für ihre Unschuld bürgten — wenn Himmel und Erde, wenn Schöpfung und Schöpfer zusammen träten, für ihre Unschuld bürgten — Es ist ihre Hand — ein unerhörter ungeheurer Betrug, wie die Menschheit noch keinen erlebte! — Das also wars, warum man sich so beharrlich der Flucht widersetzte! — Darum — o Gott! jetzt erwach ich, jetzt enthüllt sich mir alles! — Darum gab man seinen Anspruch auf meine Liebe mit so viel Heldenmut auf, und bald bald hätte selbst mich die himmlische Schminke betrogen!

(Er stürzt rascher durchs Zimmer, dann steht er wieder nachdenkend still.)

Mich so ganz zu ergründen! — Jedes kühne Gefühl, jede leise schüchterne Bebung zu erwidern, jede feurige Wallung — An der feinsten Unbeschreiblichkeit eines schwebenden Lauts meine Seele zu fassen — Mich zu berechnen in einer Träne — Auf jeden jähen Gipfel der Leidenschaft mich zu begleiten, mir zu begegnen vor jedem schwindelnden Absturz — Gott! Gott! und alles das nichts als Grimasse: — Grimasse? — O wenn die Lüge eine so haltbare Farbe hat, wie ging es zu, dass sich kein Teufel noch in das Himmelreich hineinlog?

Da ich ihr die Gefahr unsrer Liebe entdeckte, mit welch überzeugender Täuschung erblasste die Falsche da! Mit welch siegender Würde schlug sie den frechen Hohn meines Vaters zu Boden, und in eben dem Augenblick fühlte das Weib sich doch schuldig — Was? hielt sie nicht selbst die Feuerprobe der Wahrheit aus — die Heuchlerin sinkt in Ohnmacht. Welche Sprache wirst du jetzt führen, Empfindung? Auch Koketten sinken in Ohnmacht. Womit wirst Du dich rechtfertigen Unschuld — Auch Metzen sinken in Ohnmacht.

Sie weiß, was sie aus mir gemacht hat. Sie hat meine ganze Seele gesehn. Mein Herz trat beim Erröten des ersten Kusses sichtbar in meine Augen — und sie empfand nichts? Empfand vielleicht nur den Triumph ihrer Kunst? — Da mein glücklicher Wahnsinn den ganzen Himmel in ihr zu umspannen wähnte? Meine wildesten Wünsche schwiegen? Vor meinem Gemüt stand kein Gedanke als die Ewigkeit und das Mädchen — Gott! da empfand sie nichts? Fühlte nichts, als ihren Anschlag gelungen? Nichts, als ihre Reize geschmeichelt? Tod und Rache! Nichts, als dass ich betrogen sei?

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Spielhinweise

  • Das Publikum weiß, dass der Brief erzwungen ist; Ferdinand weiß es nicht. Diese dramatische Ironie macht jeden seiner Schlüsse schmerzhaft.
  • Ferdinand deutet Luises Liebe rückwirkend als Schauspiel um („Grimasse“). Spiele den Moment, in dem die Erinnerung kippt.
  • Schillers Sätze sind von Gedankenstrichen durchsetzt. Nutze sie für Gedankensprünge, nicht für Pausen um ihrer selbst willen.
  • Das Ende („Tod und Rache!“) ist kein Schrei um jeden Preis. Die Kälte danach kann stärker wirken.

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