Orest: „Noch einen! reiche mir aus Lethes Fluten“

Monolog · Weimarer Klassik · Blankvers und freie Verse

Orest: Noch einen! reiche mir aus Lethes Fluten

aus Iphigenie auf Tauris (1787) von Johann Wolfgang von Goethe · III. Aufzug, 2. Auftritt

Originaltext · Iphigenie auf Tauris, Johann Wolfgang von Goethe (1787)ungekürzt
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 341 Wörter
Umfang
52 Verseungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 18–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
erschöpfternst & dramatisch
Sprache
Blankvers und freie Versebehutsam modernisiert
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(Orest, aus seiner Betäubung erwachend und sich aufrichtend.)

  1. Noch einen! reiche mir aus Lethes Fluten
  2. Den letzten kühlen Becher der Erquickung!
  3. Bald ist der Krampf des Lebens aus dem Busen
  4. Hinweggespült; bald fließet still mein Geist,
  5. Der Quelle des Vergessens hingegeben,
  6. Zu euch, ihr Schatten, in die ew’gen Nebel.
  7. Gefällig lasst in eurer Ruhe sich
  8. Den umgetriebnen Sohn der Erde laben! —
  1. Welch ein Gelispel hör’ ich in den Zweigen,
  2. Welch ein Geräusch aus jener Dämmrung säuseln?
  3. Sie kommen schon den neuen Gast zu sehn!
  4. Wer ist die Schar, die herrlich mit einander
  5. Wie ein versammelt Fürstenhaus sich freut?
  6. Sie gehen friedlich, Alt’ und Junge, Männer
  7. Mit Weibern; göttergleich und ähnlich scheinen
  8. Die wandelnden Gestalten. Ja, sie sind’s,
  9. Die Ahnherrn meines Hauses! — Mit Thyesten
  10. Geht Atreus in vertraulichen Gesprächen,
  11. Die Knaben schlüpfen scherzend um sie her.
  12. Ist keine Feindschaft hier mehr unter euch?
  13. Verlosch die Rache wie das Licht der Sonne?
  14. So bin auch ich willkommen, und ich darf
  15. In euern feierlichen Zug mich mischen.
  1. Willkommen, Väter! euch grüßt Orest,
  2. Von euerm Stamm der letzte Mann;
  3. Was ihr gesa’t, hat er geerntet:
  4. Mit Fluch beladen stieg er herab.
  5. Doch leichter träget sich hier jede Bürde:
  6. Nehmt ihn, o nehmt ihn in euern Kreis! —
  7. Dich, Atreus, ehr’ ich, auch dich Thyesten;
  8. Wir sind hier alle der Feindschaft los. —
  1. Zeigt mir den Vater, den ich nur Einmal
  2. Im Leben sah! — Bist du’s, mein Vater?
  3. Und führst die Mutter vertraut mit dir?
  4. Darf Klytemnestra die Hand dir reichen;
  5. So darf Orest auch zu ihr treten
  6. Und darf ihr sagen: sieh deinen Sohn! —
  7. Seht euern Sohn! Heißt ihn willkommen.
  8. Auf Erden war in unserm Hause
  9. Der Gruß des Mordes gewisse Losung,
  10. Und das Geschlecht des alten Tantalus
  11. Hat seine Freuden jenseits der Nacht.
  12. Ihr ruft, Willkommen! und nehmt mich auf!
  13. O führt zum Alten, zum Ahnherrn mich!
  14. Wo ist der Alte? dass ich ihn sehe,
  15. Das teure Haupt, das vielverehrte,
  16. Das mit den Göttern zu Rate saß.
  1. Ihr scheint zu zaudern, euch wegzuwenden?
  2. Was ist es? Leidet der Göttergleiche?
  3. Weh mir! es haben die Übermächt’gen
  4. Der Heldenbrust grausame Qualen
  5. Mit ehrnen Ketten fest aufgeschmiedet.

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Spielhinweise

  • Goethe wechselt hier vom Blankvers in kürzere, freiere Verse („Willkommen, Väter! euch grüßt Orest“). Der Rhythmus wird hymnisch; nutze den Wechsel.
  • Orest ist in einer Vision. Spiele sie konkret: Wer geht vorbei, wer lächelt, wer wendet sich ab? Das magische Wenn hilft, die Bilder zu sehen.
  • Die Stimmung kippt am Ende: Der Ahnherr Tantalus leidet noch. Aus Erlösung wird Entsetzen; der letzte Satz bleibt offen.
  • Die Elisionen („ew’gen“, „Übermächt’gen“) gehören zum Versprechen und werden gesprochen, wie sie dastehen.

Weitere Rollen aus diesem Stück

Vorsprech-Set

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