Iphigenie: „Heraus in eure Schatten, rege Wipfel“

Monolog · Weimarer Klassik · Blankvers

Iphigenie: Heraus in eure Schatten, rege Wipfel

aus Iphigenie auf Tauris (1787) von Johann Wolfgang von Goethe · I. Aufzug, 1. Auftritt

Originaltext · Iphigenie auf Tauris, Johann Wolfgang von Goethe (1787)ungekürzt
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 364 Wörter
Umfang
53 Verseungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 18–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
sehnsüchtigleise & nachdenklich
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
PDF-Optionen
  1. Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
  2. Des alten, heil’gen, dichtbelaubten Haines,
  3. Wie in der Göttin stilles Heiligtum,
  4. Tret’ ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl,
  5. Als wenn ich sie zum erstenmal beträte,
  6. Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.
  7. So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen
  8. Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;
  9. Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.
  10. Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten,
  11. Und an dem Ufer steh’ ich lange Tage,
  12. Das Land der Griechen mit der Seele suchend;
  13. Und gegen meine Seufzer bringt die Welle
  14. Nur dumpfe Töne brausend mir herüber.
  15. Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern
  16. Ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram
  17. Das nächste Glück vor seinen Lippen weg.
  18. Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken
  19. Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne
  20. Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo
  21. Sich Mitgeborne spielend fest und fester
  22. Mit sanften Banden aneinander knüpften.
  1. Ich rechte mit den Göttern nicht; allein
  2. Der Frauen Zustand ist beklagenswert.
  3. Zu Haus’ und in dem Kriege herrscht der Mann
  4. Und in der Fremde weiß er sich zu helfen.
  5. Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg;
  6. Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet.
  7. Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück!
  8. Schon einem rauen Gatten zu gehorchen,
  9. Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar
  10. Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt!
  1. So hält mich Thoas hier, ein edler Mann,
  2. In ernsten, heil’gen Sklavenbanden fest.
  3. O wie beschämt gesteh’ ich, dass ich dir
  4. Mit stillem Widerwillen diene, Göttin,
  5. Dir meiner Retterin! Mein Leben sollte
  6. Zu freiem Dienste dir gewidmet sein.
  7. Auch hab’ ich stets auf dich gehofft und hoffe
  8. Noch jetzt auf dich Diana, die du mich,
  9. Des größten Königes verstoßne Tochter,
  10. In deinen heil’gen, sanften Arm genommen.
  11. Ja, Tochter Zeus, wenn du den hohen Mann,
  12. Den du, die Tochter fodernd, ängstigtest;
  13. Wenn du den göttergleichen Agamemnon,
  14. Der dir sein Liebstes zum Altare brachte,
  15. Von Troja’s umgewandten Mauern rühmlich
  16. Nach seinem Vaterland zurückbegleitet,
  17. Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn,
  18. Die schönen Schätze, wohl erhalten hast;
  19. So gib auch mich den Meinen endlich wieder,
  20. Und rette mich, die du vom Tod’ errettet,
  21. Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Goethe schreibt im Blankvers mit ruhigem, gleichmäßigem Puls. Halte die Versform, aber sprich in Sinneinheiten: Viele Gedanken laufen über das Versende hinaus.
  • Der Mittelteil („Der Frauen Zustand ist beklagenswert“) ist eine Haltung zur Welt, keine Selbstbemitleidung. Iphigenie denkt klar und benennt Unrecht.
  • Das Gebet am Schluss ist ein langer Satz mit vielen Einschüben. Atme vorher und trage ihn bis „dem zweiten Tode“; dort liegt die Pointe des Monologs.
  • Für das Versprechen gilt: Die Elisionen („heil’gen“, „Tod’“) gehören zum Metrum und werden gesprochen, wie sie dastehen.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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