Der Tempelherr: „Hier hält das Opfertier ermüdet still“

Monolog · Aufklärung · Blankvers

Der Tempelherr: Hier hält das Opfertier ermüdet still.

aus Nathan der Weise (1779) von Gotthold Ephraim Lessing · III. Aufzug, 8. Auftritt (im Erstdruck als zweiter „Siebender Auftritt“ gezählt)

Originaltext · Nathan der Weise, Gotthold Ephraim Lessing (1779)ungekürzt
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 354 Wörter
Umfang
49 Verseungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 18–30redaktionelle Einschätzung
Tonlage
aufgewühltleidenschaftlich
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Die Szene: unter den Palmen, in der Nähe des Klosters, wo der Tempelherr Nathans wartet.)

(Geht, mit sich selbst kämpfend, auf und ab; bis er losbricht.)

  1. — Hier hält das Opfertier ermüdet still. —
  2. Nun gut! Ich mag nicht, mag nicht näher wissen,
  3. Was in mir vorgeht; mag voraus nicht wittern,
  4. Was vorgehn wird. — Genug, ich bin umsonst
  5. Geflohn! umsonst. — Und weiter konnt’ ich doch
  6. Auch nichts, als fliehn? — Nun komm’, was kommen soll! —
  1. Ihm auszubeugen, war der Streich zu schnell
  2. Gefallen; unter den zu kommen, ich
  3. So lang und viel mich weigerte. — Sie sehn,
  4. Die ich zu sehn so wenig lüstern war, —
  5. Sie sehn, und der Entschluss, sie wieder aus
  6. Den Augen nie zu lassen. — Was Entschluss?
  7. Entschluss ist Vorsatz, Tat: und ich, ich litt’
  8. Ich litte bloß. — Sie sehn, und das Gefühl
  9. An sie verstrickt, in sie verwebt zu sein,
  10. War eins. — Bleibt eins. — Von ihr getrennt
  11. Zu leben, ist mir ganz undenkbar; wär’
  12. Mein Tod, — und wo wir immer nach dem Tode
  13. Noch sind, auch da mein Tod. — Ist das nun Liebe:
  14. So — liebt der Tempelritter freilich, — liebt
  15. Der Christ das Judenmädchen freilich. — Hm!
  16. Was tuts? — Ich hab’ in dem gelobten Lande, —
  17. Und drum auch mir gelobt auf immerdar! —
  18. Der Vorurteile mehr schon abgelegt. —
  19. Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr
  20. Bin tot; war von dem Augenblick ihm tot,
  21. Der mich zu Saladins Gefangnen machte.
  1. Der Kopf, den Saladin mir schenkte, wär’
  2. Mein alter? — Ist ein neuer; der von allem
  3. Nichts weiß, was jenem eingeplaudert ward,
  4. Was jenen band. — Und ist ein bessrer; für
  5. Den väterlichen Himmel mehr gemacht.
  6. Das spür’ ich ja. Denn erst mit ihm beginn’
  7. Ich so zu denken, wie mein Vater hier
  8. Gedacht muss haben; wenn man Märchen nicht
  9. Von ihm mir vorgelogen. — Märchen? — doch
  10. Ganz glaubliche; die glaublicher mir nie,
  11. Als itzt geschienen, da ich nur Gefahr
  12. Zu straucheln laufe, wo er fiel. — Er fiel?
  13. Ich will mit Männern lieber fallen, als
  14. Mit Kindern stehn. — Sein Beispiel bürget mir
  15. Für seinen Beifall. Und an wessen Beifall
  16. Liegt mir denn sonst — An Nathans? — O an dessen
  17. Ermuntrung mehr, als Beifall, kann es mir
  18. Noch weniger gebrechen. — Welch ein Jude! —
  19. Und der so ganz nur Jude scheinen will!
  1. Da kömmt er; kömmt mit Hast; glüht heitre Freude.
  2. Wer kam vom Saladin je anders? He!
  3. He, Nathan!

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

Spielhinweise

  • Lessing schreibt im Blankvers, aber fast jeder Gedanke läuft über das Versende hinaus. Sprich in Sinneinheiten und halte den Puls nur leicht.
  • Die Gedankenstriche zeigen, wie der Tempelherr sich selbst unterbricht und korrigiert („Was Entschluss? / Entschluss ist Vorsatz, Tat: und ich, ich litt’“). Spiele das Denken, nicht das Ergebnis.
  • Der innere Konflikt ist Glaube gegen Liebe. Am Ende kippt er in Bewunderung für Nathan; der letzte Ruf „He, Nathan!“ ist schon die nächste Szene.
  • Als Vorsprechtext für junge Männer gut geeignet: klassisch, aber ohne großes Pathos.

Weitere Rollen aus diesem Stück

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

Go to Top