(Die Liegendanfahrt einer Notaufnahme. Blaulicht, das sich langsam ausdreht. Ein Taxi mit offener Hintertür. Samir, Anfang vierzig, steht daneben, die Ärmel hochgekrempelt, die Hände noch zitternd. Eine Notärztin kommt aus dem Gebäude auf ihn zu.)
Ja, ich bin der Fahrer. Samir Haddad. Ich habe meine Konzession dabei, wenn Sie sie sehen wollen. (Er greift in die Tasche.) Nein? Gut.
Ist er … Entschuldigung. Ich darf nicht fragen. Ich bin kein Angehöriger. Ich weiß nur seinen Vornamen, weil er telefoniert hat. Mit seiner Tochter. Er hat gesagt: Ich bin in zwanzig Minuten da, mach dir keine Sorgen. Das war vor einer Stunde.
(Die Ärztin sagt etwas.)
Was passiert ist. Ja. Er ist am Hauptbahnhof eingestiegen. Ein Mann, sechzig, vielleicht etwas älter, Anzug, Rollkoffer. Er hat gesagt, ihm ist übel, wahrscheinlich das Essen im Zug. Er hat geschwitzt. Er hat sich an den linken Arm gefasst. Ich habe ihn gefragt, ob er Schmerzen in der Brust hat, und er hat gesagt: Wie ein Elefant. Ich habe gesagt: Wir fahren ins Krankenhaus. Er hat gesagt: Nein, nach Hause, meine Tochter wartet.
An der Ampel vor der Brücke ist er nach vorn gesackt. Ich habe angehalten, auf dem Busstreifen, ich weiß, das ist verboten. Ich habe ihn aus dem Auto gezogen und auf den Boden gelegt. Er hat nicht mehr geatmet. Nicht normal. Nur dieses … (Er macht ein kurzes Schnappgeräusch.) Ich habe die 112 gewählt, das Telefon auf Lautsprecher, und habe angefangen zu drücken.
Hundert bis hundertzwanzig pro Minute. Fünf bis sechs Zentimeter tief. Man zählt, und nach einer Minute hört man auf zu zählen, und der Körper zählt weiter. Eine Frau aus dem Bus hat gesehen, was los ist, und ich habe ihr gesagt: In der Bank an der Ecke hängt ein Defibrillator, neben dem Geldautomaten, holen Sie ihn. Ich weiß das, weil ich da jeden Abend vorbeifahre und ihn mir ansehe. Eine alte Gewohnheit.
(Die Ärztin sagt etwas.)
Ja. Ich habe der Leitstelle gesagt: Verdacht auf Hinterwandinfarkt, jetzt wahrscheinlich Kammerflimmern. (Pause.) Ich wollte das nicht sagen. Es ist herausgekommen. Die Frau am Telefon hat gefragt: Sind Sie Arzt? Und ich habe gesagt: Nein. Und dann habe ich gesagt: Ja. Und dann: Nicht hier.
Ich war in Damaskus Oberarzt in der Kardiologie. Elf Jahre. Ich habe Herzkatheter gemacht, nachts, wenn sie die Leute aus der ganzen Stadt gebracht haben. Ich weiß, wie dieser Mann von innen aussieht. Ich weiß, welches Gefäß. Ich weiß, was er jetzt im Katheterlabor braucht und wie viele Minuten er hat.
Hier darf ich das nicht. Ich habe die Fachsprachprüfung bestanden, mit Auszeichnung. Ich lerne für die Kenntnisprüfung, jeden Tag, zwischen den Fahrten, auf dem Taxistand. Seit einem Jahr warte ich auf einen Termin. Ich verstehe das. Man muss prüfen, wer Arzt ist. Ich würde mich auch prüfen. Ich will nur, dass es irgendwann passiert.
Manche Fahrgäste fragen mich nachts, woher ich komme. Dann sage ich Damaskus, und sie sagen: Sie sprechen aber gut Deutsch. Und ich sage danke. Und manchmal fragt einer, was ich früher gemacht habe, und dann sage ich: Ich war Arzt. Und dann wird es still im Auto. Die meisten sagen dann: Das ist ja eine Verschwendung. Sie meinen es freundlich. Ich weiß das. Aber eine Verschwendung ist ein Ding, das man wegwirft. Ich werfe mich nicht weg. Ich warte.
Meine Frau ist Apothekerin. Sie hat ihre Anerkennung im letzten Jahr bekommen, sie arbeitet in einer Apotheke am Markt. Unsere Tochter ist dreizehn und will Ärztin werden. Sie fragt mich Vokabeln ab, für die Prüfung. Sie sagt: Papa, was heißt Belastungsdyspnoe auf Deutsch? Und ich sage: Atemnot beim Treppensteigen. Und sie sagt: Dann sag das doch gleich so. Sie hat recht. Die Patienten hier wollen keine lateinischen Wörter. Sie wollen, dass man ihnen sagt, was los ist.
(Pause. Er sieht auf seine Hände.)
Und heute Nacht habe ich auf dem Busstreifen gekniet und gewusst, was zu tun ist, und hatte nichts als meine Hände. Kein Medikament, keinen Zugang, nichts. Ich habe nur gedrückt. Das darf jeder. Das muss jeder. Ein Schüler mit einem Erste-Hilfe-Kurs hätte dasselbe gedurft wie ich. (Er lacht leise.) Vielleicht ist das gerecht. Ich weiß es nicht.
Der Defibrillator hat gesagt: Schock empfohlen. Ich habe alle zurückgeschickt und den Knopf gedrückt. Der Körper hat sich bewegt, so wie er sich bewegt. Und dann habe ich weitergedrückt, zwei Minuten, und dann hat er gehustet. Er hat gehustet. Dann kam Ihr Wagen. Sie haben übernommen. Und ich bin wieder Taxifahrer.
(Die Ärztin sagt etwas. Samir hört zu. Er schließt kurz die Augen.)
Im Katheterlabor. Gut. (Pause.) Gut. (Er nickt mehrmals.) Dann ist es die rechte Kranzarterie. Sie werden es sehen. (Er hebt die Hand.) Entschuldigung. Das geht mich nichts an.
Darf ich Sie um etwas bitten? Seine Tochter. Er hat gesagt, sie wartet. Wenn jemand sie anruft, sagen Sie ihr nicht, dass ein Taxifahrer ihren Vater wiederbelebt hat. Sagen Sie ihr, ein Kollege war zufällig da. (Er schließt die Hintertür des Taxis.) Das stimmt ja auch. Nur nicht auf dem Papier.
(Er setzt sich ans Steuer, lässt die Tür offen.) Und falls Sie jemanden kennen, der Prüfungstermine vergibt … (Er lächelt müde.) Nein. Vergessen Sie das. Ich muss den Rücksitz sauber machen. Um eins habe ich die nächste Fahrt.
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Ende des Textes

