(Die offene Tür eines Flugzeugs. Lärm, Wind. Annemarie, fünfundsechzig, im Sprunganzug mit Brille, sitzt an der Kante. Hinter ihr der Tandemlehrer. Sie schreit gegen den Lärm.)
Eine Minute? Haben Sie eine Minute gesagt? (Sie hört.) Gut. Dann hab ich noch Zeit. Ich muss Ihnen nämlich noch was sagen. Nein, es ist nichts Medizinisches! Der Arzt hat alles unterschrieben! Blutdruck wie eine Vierzigjährige!
Sie fragen sich bestimmt, warum eine Frau in meinem Alter so was macht. Alle fragen das. Meine Tochter hat gefragt: Mama, du in deinem Alter? Mein Sohn hat gefragt, ob ich das Testament gemacht habe. Meine Nachbarin hat gesagt, sie betet für mich. Sie betet sonst nie.
Die richtige Antwort ist: Ich weiß es nicht. (Pause.) Doch. Ich weiß es.
(Der Wind reißt an ihrer Kapuze. Sie hält sich an der Kante fest.)
Ich war fünfundsechzig Jahre lang die Vernünftige! Ich war die Älteste von vier Kindern! Ich war die, die immer auf die anderen aufgepasst hat! Im Schwimmbad bin ich nie vom Dreier gesprungen, weil ich auf meine Geschwister aufpassen musste. Als Lehrerin hab ich auf Kinder aufgepasst. Als Rektorin auf Lehrerinnen. Als Mutter auf meine Kinder. Und dann auf meinen Mann, als er krank wurde. Zwölf Jahre lang.
Er ist vor zwei Jahren gestorben. Er war ein guter Mann. Aber er hatte vor allem Angst. Vor dem Fliegen, vor Hunden, vor Rolltreppen, vor dem Meer. Wir waren nie am Meer! Vierzig Jahre verheiratet und nie am Meer, weil er Angst vor Quallen hatte. In der Ostsee! (Pause.) Ich hab ihn geliebt. Ich hab mich mit ihm gefürchtet. Das war einfacher, als mich allein zu fürchten.
(Der Tandemlehrer sagt etwas. Sie nickt heftig.)
Ja! Ich weiß, dreißig Sekunden! (Sie redet schneller.) Und nach der Beerdigung bin ich ans Meer gefahren. Allein. Ich hab mich in den Sand gesetzt und hab gewartet, dass ich mich fürchte. Und ich hab mich nicht gefürchtet. Ich hab mich gelangweilt! Ich hab gemerkt, dass ich mein ganzes Leben lang darauf gewartet hab, dass mich jemand fragt, ob ich springen will. Vom Dreier. Von irgendwo.
Ich hab fünfundsechzig Jahre lang vorsichtig gelebt. Jetzt reicht’s.
(Der Tandemlehrer zählt. Annemarie richtet sich auf, Hände an die Gurte, wie man es ihr gezeigt hat.)
Kopf in den Nacken. Bauch nach vorn. Beine nach hinten wie eine Banane. Hab ich mir alles gemerkt! Ich war Rektorin! (Sie lacht laut.) Wenn ich unten ankomme und meine Tochter fragt, wie es war, dann sag ich: Endlich mal nicht vernünftig.
Drei! (Sie atmet ein.) Zwei! (Sie schließt kurz die Augen, öffnet sie wieder.) Eins! (Sie schreit.) Für Werner! Und für mich! Hauptsächlich für mich!
(Sie kippt nach vorn aus der Tür.)
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Ende des Textes

