Hilal und Frau Brenner: Nichts zu verzollen

Dialog · 2 Personen · Gegenwart · Alltagssprache

Hilal und Frau Brenner: Ich habe nichts zu verzollen, Kindchen. Ich habe nur Erinnerungen dabei. Drei Flaschen davon.

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Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 331 Wörter
Umfang
331 WörterHilal · Frau Brenner
Figuren
weiblich + weiblich
Spielalter
ca. 28–70redaktionelle Einschätzung
Tonlage
charmantkomisch
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
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(Ein Tisch in der Zollkontrolle. Darauf ein Koffer. Hilal, achtundzwanzig, in Uniform, mit Einmalhandschuhen. Frau Brenner, siebzig, im hellen Leinenkostüm, mit Sonnenbrille im Haar und großer Handtasche.)

Hilal

Guten Tag. Zoll. Haben Sie etwas anzumelden?

Stichwort: „… Tag. Zoll. Haben Sie etwas anzumelden?“

Frau Brenner

Guten Tag, Kindchen. Nein. Gar nichts. Ich komme aus dem Urlaub. Da bringt man nur Sonnenbrand mit.

Stichwort: „… Da bringt man nur Sonnenbrand mit.“

Hilal

Ihr Koffer klirrt.

Stichwort: „Ihr Koffer klirrt.“

Frau Brenner

Das ist mein Schmuck. Ich habe sehr viel Schmuck. Das klirrt bei Frauen in meinem Alter.

Stichwort: „… klirrt bei Frauen in meinem Alter.“

Hilal

Würden Sie ihn bitte öffnen?

Stichwort: „Würden Sie ihn bitte öffnen?“

(Frau Brenner öffnet den Koffer mit großer Geste. Hilal hebt einen Pullover an. Darunter liegt eine Flasche.)

Hilal

Das ist Rakı.

Stichwort: „Das ist Rakı.“

Frau Brenner

Das ist Medizin. Für meinen Magen. In der Türkei trinkt man das nach dem Essen, und alle werden sehr alt. Fragen Sie irgendeine Großmutter in Izmir.

Stichwort: „… Fragen Sie irgendeine Großmutter in Izmir.“

Hilal

Meine Großmutter wohnt in Izmir. Die trinkt keinen Rakı.

Stichwort: „… in Izmir. Die trinkt keinen Rakı.“

Frau Brenner

Dann ist sie vielleicht deshalb noch nicht so alt.

Stichwort: „… vielleicht deshalb noch nicht so alt.“

(Hilal hebt einen zweiten Pullover. Zweite Flasche. Dritter Pullover. Dritte Flasche.)

Hilal

Drei Flaschen. Jede einen Liter. Die Freimenge ist ein Liter, Frau Brenner.

Stichwort: „… Freimenge ist ein Liter, Frau Brenner.“

Frau Brenner

Ich habe nichts zu verzollen, Kindchen. Ich habe nur Erinnerungen dabei. Drei Flaschen davon. (Pause.) Eine ist für meinen Bridgeclub. Eine für meine Nachbarin. Und eine für mich, weil ich es mir verdient habe.

Stichwort: „… weil ich es mir verdient habe.“

Hilal

Dann fallen für zwei Liter Zoll und Steuern an. Das rechne ich Ihnen gleich aus. (Sie greift in eine Seitentasche des Koffers und zieht einen in feuchtes Papier gewickelten Zweig heraus.) Und was ist das?

Stichwort: „… gleich aus. Und was ist das?“

Frau Brenner

(Sehr schnell.) Mein Gehstock.

Stichwort: „Mein Gehstock.“

Hilal

Der ist zwanzig Zentimeter lang.

Stichwort: „Der ist zwanzig Zentimeter lang.“

Frau Brenner

Ich bin sehr klein geworden.

Stichwort: „Ich bin sehr klein geworden.“

Hilal

(Muss lachen.) Frau Brenner. Das ist ein Feigenzweig. Pflanzen aus der Türkei brauchen ein Pflanzengesundheitszeugnis. Den muss ich Ihnen abnehmen.

Stichwort: „… Pflanzengesundheitszeugnis. Den muss ich Ihnen abnehmen.“

(Frau Brenner setzt die Sonnenbrille ab. Zum ersten Mal ist sie ernst.)

Frau Brenner

Den hat mir die Frau vom Hotel geschnitten. Ayşe. Ihr Vater und mein Mann haben sich vor fünfzig Jahren auf einer Baustelle in Duisburg kennengelernt. Sie waren dreißig Jahre befreundet. Der Feigenbaum steht im Garten von ihrem Elternhaus. Mein Mann hat den damals mit gepflanzt, als er sie besucht hat. (Pause.) Er ist im März gestorben. Ich wollte einen Ableger in seinen Garten setzen.

Stichwort: „… einen Ableger in seinen Garten setzen.“

(Pause. Hilal legt den Zweig behutsam auf den Tisch.)

Hilal

Ich darf ihn trotzdem nicht durchlassen. Das tut mir leid. Wirklich.

Stichwort: „… durchlassen. Das tut mir leid. Wirklich.“

Frau Brenner

Ich weiß. Sie machen nur Ihre Arbeit.

Stichwort: „… weiß. Sie machen nur Ihre Arbeit.“

Hilal

(Nach einer Pause.) Meine Familie hat in Duisburg einen Feigenbaum im Schrebergarten. Mein Opa hat ihn aus einem Kern gezogen, aus Izmir. Ich schneide Ihnen im Frühjahr einen Ableger. (Sie lächelt.) Der braucht kein Zeugnis. Der kommt aus Duisburg.

Stichwort: „… kein Zeugnis. Der kommt aus Duisburg.“

Frau Brenner

(Sie setzt die Sonnenbrille wieder auf.) Kindchen, Sie sind die erste Beamtin, die mir etwas schenkt. (Sie öffnet die Handtasche.) Was bin ich für die Flaschen schuldig?

Stichwort: „… bin ich für die Flaschen schuldig?“

Hilal

Das rechne ich Ihnen gleich aus. Und den Bridgeclub grüßen.

Stichwort: „… gleich aus. Und den Bridgeclub grüßen.“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene

Spielhinweise

  • Frau Brenner leugnet so elegant, dass jede Ausrede eine kleine Pointe wird. Sie glaubt keine davon selbst.
  • Hilal bleibt freundlich und dienstlich. Ihr Spielziel verschiebt sich im Lauf der Szene: von der Kontrolle zur Lösung.
  • Der Koffer ist die Bühne. Jede Flasche, die herauskommt, ist ein neuer Schritt im Spiel.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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