(Eine Poetry-Slam-Bühne in einer Kneipe. Ein Mikrofon, ein Barhocker, Scheinwerferlicht. Leni, einundzwanzig, in Jeansjacke, hält ein Blatt in der Hand, das sie nicht braucht.)
- Ich komme aus einem Kaff.
- Zweihundertvierzig Menschen,
- ein Kirchturm, eine Bushaltestelle,
- ein Bus am Morgen, einer am Abend,
- und wer den verpasst, heiratet eben im Dorf.
- Bei uns weiß jeder alles.
- Wer mit wem, wer warum, wer wann zuletzt in der Kirche war.
- Bei uns fragt die Bäckerin nicht, was du willst,
- sie sagt: Zwei Mohnbrötchen, wie immer, Kind,
- und du bist siebzehn und willst Croissants
- und kriegst Mohnbrötchen.
- Ich bin weg mit achtzehn. Mit einem Koffer und einem Plan.
- Der Plan war: nie wieder Mohn.
- Ich wohne jetzt in Leipzig, vierter Stock, Hinterhaus,
- die Leute nebenan kenn ich nicht,
- die Bäckerei an der Ecke kennt mich nicht,
- ich kann Croissants kaufen, so viele ich will,
- um drei Uhr nachts, wenn ich will,
- und keiner, keiner, keiner sagt: Kind.
(Sie hält inne. Sie sieht auf das Blatt, dann ins Publikum.)
- Das war jetzt der Teil, wo ihr lacht.
- Den hab ich geübt.
- Den Teil danach hab ich nicht geübt.
- Letzte Woche war ich krank.
- Drei Tage Fieber, vierter Stock, Hinterhaus.
- Keiner hat geklingelt.
- Warum auch. Keiner wusste es.
- Am dritten Tag hab ich im Dorf angerufen,
- nicht bei meinen Eltern, bei der Bäckerei,
- ich weiß nicht, warum,
- die Nummer kann ich auswendig, seit ich sechs bin.
- Und Frau Kühn hat gesagt: Leni? Du klingst krank.
- Am nächsten Tag stand ein Paket vor meiner Tür.
- Die Adresse hatte sie von meiner Mutter.
- Mohnbrötchen. Zwei. Und eine Wärmflasche.
- Ich komme aus einem Kaff.
- Zweihundertvierzig Menschen.
- Zweihunderteinundvierzig,
- wenn man mich mitzählt.
- Und ich glaube,
- ich glaube, die zählen mich mit.
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Ende des Textes

