Wallenstein: „Wärs möglich? Könnt ich nicht mehr, wie ich wollte?“

Monolog · Weimarer Klassik · Blankvers

Wallenstein: Wärs möglich? Könnt ich nicht mehr, wie ich wollte?

aus Wallensteins Tod (1799) von Friedrich Schiller · I. Aufzug, 4. Auftritt

Originaltext · Wallensteins Tod, Friedrich Schiller (1799)ungekürzt
Dauer
ca. 5,5 Mingeschätzt, 583 Wörter
Umfang
84 Verseungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 40–70redaktionelle Einschätzung
Tonlage
erschrockenernst & dramatisch
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
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(Wallenstein, mit sich selbst redend.)

  1. Wärs möglich? Könnt ich nicht mehr, wie ich wollte?
  2. Nicht mehr zurück, wie mirs beliebt? Ich müsste
  3. Die Tat vollbringen, weil ich sie gedacht,
  4. Nicht die Versuchung von mir wies – das Herz
  5. Genährt mit diesem Traum, auf ungewisse
  6. Erfüllung hin die Mittel mir gespart,
  7. Die Wege bloß mir offen hab gehalten? –
  8. Beim großen Gott des Himmels! Es war nicht
  9. Mein Ernst, beschlossne Sache war es nie.
  10. In dem Gedanken bloß gefiel ich mir;
  11. Die Freiheit reizte mich und das Vermögen.
  12. Wars unrecht, an dem Gaukelbilde mich
  13. Der königlichen Hoffnung zu ergötzen?
  14. Blieb in der Brust mir nicht der Wille frei,
  15. Und sah ich nicht den guten Weg zur Seite,
  16. Der mir die Rückkehr offen stets bewahrte?
  17. Wohin denn seh ich plötzlich mich geführt?
  18. Bahnlos liegts hinter mir, und eine Mauer
  19. Aus meinen eignen Werken baut sich auf,
  20. Die mir die Umkehr türmend hemmt! –

(Er bleibt tiefsinnig stehen.)

  1. Strafbar erschein ich, und ich kann die Schuld,
  2. Wie ichs versuchen mag! nicht von mir wälzen;
  3. Denn mich verklagt der Doppelsinn des Lebens,
  4. Und – selbst der frommen Quelle reine Tat
  5. Wird der Verdacht, schlimmdeutend, mir vergiften.
  6. War ich, wofür ich gelte, der Verräter,
  7. Ich hätte mir den guten Schein gespart,
  8. Die Hülle hätt ich dicht um mich gezogen,
  9. Dem Unmut Stimme nie geliehn. Der Unschuld,
  10. Des unverführten Willens mir bewusst,
  11. Gab ich der Laune Raum, der Leidenschaft –
  12. Kühn war das Wort, weil es die Tat nicht war.
  13. Jetzt werden sie, was planlos ist geschehn,
  14. Weitsehend, planvoll mir zusammenknüpfen,
  15. Und was der Zorn, und was der frohe Mut
  16. Mich sprechen ließ im Überfluss des Herzens,
  17. Zu künstlichem Gewebe mir vereinen,
  18. Und eine Klage furchtbar draus bereiten,
  19. Dagegen ich verstummen muss. So hab ich
  20. Mit eignem Netz verderblich mich umstrickt,
  21. Und nur Gewalttat kann es reißend lösen.

(Wiederum still stehend.)

  1. Wie anders! da des Mutes freier Trieb
  2. Zur kühnen Tat mich zog, die rau gebietend
  3. Die Not jetzt, die Erhaltung von mir heischt.
  4. Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit.
  5. Nicht ohne Schauder greift des Menschen Hand
  6. In des Geschicks geheimnisvolle Urne.
  7. In meiner Brust war meine Tat noch mein:
  8. Einmal entlassen aus dem sichern Winkel
  9. Des Herzens, ihrem mütterlichen Boden,
  10. Hinausgegeben in des Lebens Fremde,
  11. Gehört sie jenen tückschen Mächten an,
  12. Die keines Menschen Kunst vertraulich macht.

(Er macht heftige Schritte durchs Zimmer, dann bleibt er wieder sinnend stehen.)

  1. Und was ist dein Beginnen? Hast du dirs
  2. Auch redlich selbst bekannt? Du willst die Macht,
  3. Die ruhig, sicher thronende erschüttern,
  4. Die in verjährt geheiligtem Besitz,
  5. In der Gewohnheit festgegründet ruht,
  6. Die an der Völker frommem Kinderglauben
  7. Mit tausend zähen Wurzeln sich befestigt.
  8. Das wird kein Kampf der Kraft sein mit der Kraft,
  9. Den fürcht ich nicht. Mit jedem Gegner wag ichs,
  10. Den ich kann sehen und ins Auge fassen,
  11. Der, selbst voll Mut, auch mir den Mut entflammt.
  12. Ein unsichtbarer Feind ists, den ich fürchte,
  13. Der in der Menschen Brust mir widersteht,
  14. Durch feige Furcht allein mir fürchterlich –
  15. Nicht was lebendig, kraftvoll sich verkündigt,
  16. Ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz
  17. Gemeine ists, das ewig Gestrige,
  18. Was immer war und immer wiederkehrt,
  19. Und morgen gilt, weils heute hat gegolten!
  20. Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht,
  21. Und die Gewohnheit nennt er seine Amme.
  22. Weh dem, der an den würdig alten Hausrat
  23. Ihm rührt, das teure Erbstück seiner Ahnen!
  24. Das Jahr übt eine heiligende Kraft,
  25. Was grau für Alter ist, das ist ihm göttlich.
  26. Sei im Besitze und du wohnst im Recht,
  27. Und heilig wirds die Menge dir bewahren.

(Zu dem Pagen, der hereintritt.)

  1. Der schwedsche Oberst? Ist ers? Nun, er komme.

(Page geht. Wallenstein hat den Blick nachdenkend auf die Türe geheftet.)

  1. Noch ist sie rein – noch! Das Verbrechen kam
  2. Nicht über diese Schwelle noch – So schmal ist
  3. Die Grenze, die zwei Lebenspfade scheidet!

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Spielhinweise

  • Einer der großen Denkmonologe der deutschen Klassik im Blankvers. Die Regieanweisungen (stehen bleiben, heftige Schritte, wieder still) gliedern die Gedankengänge; nutze sie als Haltepunkte.
  • Wallenstein ist kein Zauderer aus Schwäche. Er erkennt mit großer Klarheit, dass Gedanken Folgen haben. Spiele die Erkenntnis, nicht die Verzweiflung.
  • Der berühmte Teil („Das ganz Gemeine ists, das ewig Gestrige“) ist Analyse, keine Parole. Je sachlicher, desto stärker.
  • Der Schluss kehrt in die Gegenwart zurück: Der schwedische Oberst wird gemeldet. Ein kurzer Beat des Zögerns vor der Schwelle genügt.

Weitere Rollen aus diesem Stück

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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