Titus Feuerfuchs: „Drum auf d’ Haar muss man gehn“

Monolog · Biedermeier & Vormärz · Couplet in Reimversen und Prosa mit Wiener Färbung

Titus Feuerfuchs: Das Vorurteil is eine Mauer, von der sich noch alle Köpf’, die gegen sie ang’rennt sind, mit blutige Köpf’ zuruckgezogen haben.

aus Der Talisman (1840) von Johann Nestroy · I. Akt, 5. Auftritt (Auftrittslied und Monolog)

Originaltext · Der Talisman, Johann Nestroy (1840)ungekürzt
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 365 Wörter
Umfang
36 Verseungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 18–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
gekränktkomisch
Sprache
Couplet in Reimversen und Prosa mit Wiener Färbungbehutsam modernisiert
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(Titus Feuerfuchs tritt zornig auf; man hat ihn eben wieder wegen seiner roten Haare ausgelacht. Lied.)

  1. Der hat weiter net g’schaut,
  2. Beinah’ hätt’ ich’n g’haut;
  3. Der Spitzbub’, ’s is wahr,
  4. Lacht mich aus, weg’n die Haar;
  5. Wem geht’s denn was an,
  6. Ich hoff’ doch, ich kann
  7. Haar’ hab’n, wie ich will.
  8. Jetzt wird’s mir schon z’viel.
  9. Rote Haar’ von ein’m falschen Gemüt zeig’n soll’n,
  10. ’s is’s Dümmste, wann d’ Leut’ nach die Haar’ urteil’n woll’n,
  11. ’s gibt G’schwufen g’nug mit ein’m kohlrab’nschwarzen Haupt,
  12. Und jede is ang’schmiert, die ihnen was glaubt;
  13. Manch blondg’lockter Jüngling is beim Tag so still
  14. Und schmachtend – warum? bei der Nacht lumpt er z’viel,
  15. Und mit eisgraue Haar schau’n die Herrn aus so g’scheit,
  16. Und sein oft verruckter noch, als d’ jungen Leut!
  17. Drum auf d’ Haar muss man gehn,
  18. Nachher trifft man’s schon schön.

(Drohend in die Szene blickend, von woher er gekommen.)

  1. Mir soll einer trau’n,
  2. Der wird sich verschau’n,
  3. Auf Ehr’, dem geht’s schlecht,
  4. Denn ich beutl’n recht;
  5. Der Kakadu is verlor’n,
  6. Wenn ich in mein’m Zorn;
  7. Über d’ Haar ein’m kumm,
  8. Der geht glatzkopfet um.
  9. Die rothaarig’n Madeln, heißt’s, betrüg’n d’ Männer sehr;
  10. Wie dumm! Das tun d’ Mad’ln von jeder Couleur.
  11. Die schwarz’n, heißt’s, sein feurig, das tut d’ Männer locken,
  12. Derweil is a Schwarze oft d’ fadeste Nocken.
  13. Die Blonden sein sanft. Oh! a Blonde is a Pracht!
  14. Ich kenn’ eine Blonde, die rauft Tag und Nacht;
  15. Doch mit graue Haar’ sein s’ treu, na, da stund man dafur,
  16. Net wahr is, die färb’n sich s’, und geb’n auch ka Ruh –
  17. Drum auf d’ Haar’ muss man gehn,
  18. Nachher trifft man’s schon schön.

So kopflos urteilt die Welt über die Köpf’ und wann man sich auch den Kopf aufsetzt, es nutzt nix. Das Vorurteil is eine Mauer, von der sich noch alle Köpf’, die gegen sie ang’rennt sind, mit blutige Köpf’ zuruckgezogen haben. Ich hab’ meinen Wohnsitz mit der weiten Welt vertauscht, und die weite Welt is viel näher als man glaubt. Aus dem Dorngebüsch z’widrer Erfahrungen einen Wanderstab geschnitzt, die chiappa-via-Stiefeln angezogen, und’s Adje-Kappel in aller Still’ geschwungen, so is man mit einem Schritt mitten drin in der weiten Welt. – Glück und Verstand gehen selten Hand in Hand; – ich wollt’, dass mir jetzt recht ein dummer Kerl begegnet’, ich sähet das für eine gute Vorbedeutung an.

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Spielhinweise

  • Das Lied kann gesungen oder rhythmisch gesprochen werden. Wichtig ist, dass jede Strophe auf den Refrain „Drum auf d’ Haar muss man gehn“ zuläuft.
  • Titus ist verletzt, aber nie weinerlich. Er verwandelt die Kränkung in Witz; das ist sein Charakter. Vgl. Pointe.
  • Der gesprochene Teil ist ein kleiner philosophischer Vortrag mit Wortspielen über Köpfe. Lass die Wortspiele für sich wirken, ohne sie zu unterstreichen.
  • Der letzte Satz ist ein Wunsch: Er möchte einem Dummkopf begegnen. Halte ihn bewusst offen, als Einladung an das Publikum.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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