Peer Gynt: „Du bist kein Kaiser; du bist eine Zwiebel“

Monolog · Realismus · gereimte Verse (Übersetzung Christian Morgenstern)

Peer Gynt: Du bist kein Kaiser; du bist eine Zwiebel.

aus Peer Gynt (1867) von Henrik Ibsen · V. Akt (Ausschnitt)

Originaltext · Peer Gynt, Henrik Ibsen (1867)gekürzt
Dauer
ca. 4 Mingeschätzt, 392 Wörter
Umfang
52 Versegekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 45–80redaktionelle Einschätzung
Tonlage
spöttischtragikomisch
Sprache
gereimte Verse (Übersetzung Christian Morgenstern)behutsam modernisiert
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(Pfingstabend im Hochwald, in Norwegen. Peer Gynt ist alt und kehrt nach einem langen Leben in der Fremde heim; vor der Küste hat er Schiffbruch erlitten. Er kriecht im Gehölz umher und sammelt wilde Zwiebeln.)

  1. Dies hier ist ein Standpunkt. Wie wohl gestaltet
  2. Sich’s weiter? – Prüft alles, und das Beste behaltet! –
  3. So hab’ ich’s gemacht, – hoch droben von Cäsar
  4. Bis herunter zum Grasfresser Nebukadnezar.
  5. So sollt’ ich nun doch durch die Bibel, zum Trutz! –
  6. Der Graukopf sucht wieder an Mutters Brust Schutz. –
  7. Von Erde, so heißt’s ja auch, bist du kommen. –
  8. Nur immer die Wampe recht voll genommen, –
  9. Das ist’s. Von Zwiebeln? Das wär’ kein Segen; –
  10. Ich will lieber schlau sein und Schlingen legen.
  11. Hier ist Wasser im Bach; ich werd’ nicht verschmachten;
  12. Als Tier bin ich immer noch fürstlich zu achten.
  13. Soll ich sterben einst, – und dem entrinn’ ich wohl kaum, –
  14. So kriech’ ich unter ’nen windbrochnen Baum,
  15. Und deck’ mich zu, wie ein Bär, mit Blättern
  16. Und ritz’ in die Rinde mit riesigen Lettern:
  17. Hier ruht Peer Gynt, des Landes Zier,
  18. Kaiser von all dem andern Getier. –
  1. Kaiser?

(Lacht innerlich.)

  1. Noch immer das alte Geliebel!
  2. Du bist kein Kaiser; du bist eine Zwiebel.
  3. Jetzt will ich dich einmal schälen, mein Peer!
  4. Es hilft dir nichts, stöhnst du auch noch so sehr.

(Nimmt eine Zwiebel und pflückt Haut um Haut ab.)

  1. Da liegt die äußre, zerfetzte Schicht; –
  2. Der Gescheiterte, der um sein Leben ficht.
  3. Die Passagierhaut hier, dünn wie ein Sieb, –
  4. Hat doch im Geschmack von Peer Gynt einen Hieb.
  5. Hier ist das Goldgräber-Ich; – fahr hin!
  6. Der Saft ist weg, – war je einer drin.
  7. Dies Dickfell hier, mit dem Zipfel für zwei, –
  8. Ist der Pelzjäger an der Hudsonsbai.
  9. Dies gleicht einer Krone hier; – hat sich was –!
  10. Dem geben wir ohne weitres den Pass.
  11. Hier der Altertumsforscher, kurz aber kräftig,
  12. Und hier der Prophete, frisch und vollsäftig.
  13. Er stinkt von Lügen, wie’s in der Schrift heißt;
  14. Ein Duft, der ein ehrlich Mannsaug’ wie Gift beißt.
  15. Dies Blatt hier, das weichlich am Finger klebt,
  16. Ist der Herr, der herrlich und in Freuden gelebt.

[…]

(Pflückt mehrere auf einmal ab.)

  1. Das hört ja nicht auf! Immer Schicht noch um Schicht!
  2. Kommt denn der Kern nun nicht endlich ans Licht?!

(Zerpflückt die ganze Zwiebel.)

  1. Bis zum innersten Innern, – da schau’ mir einer! –
  2. Bloß Häute, – nur immer kleiner und kleiner. –
  3. Die Natur ist witzig!

(Wirft den Rest fort.)

  1. Verdammtes Gegrübel!
  2. Geht eins in Gedanken, gerät’s ihm oft übel.
  3. Na, ich kann ja nichts an Haltung verlieren;
  4. Denn ich lieg’ ja grundfest auf allen Vieren

(Kraut sich im Nacken.)

  1. Wunderlich kommt mir dies Welttreiben vor!
  2. Das Leben, wie’s heißt, hat ’nen Fuchs hinterm Ohr.
  3. Doch greift einer zu, verzieht sich der Schuft,
  4. Und man fängt etwas andres – oder leere Luft.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Jede Haut steht für ein Leben, das Peer geführt hat. Gib jeder Schicht eine eigene kleine Erinnerung, bevor du sie wegwirfst.
  • Die Zwiebel ist ein Requisit, das du wirklich schälen kannst. Wenn keine Zwiebel zur Hand ist, reicht die genaue Geste.
  • Der Ton ist spöttisch, nicht weinerlich. Peer lacht über sich selbst, und gerade darin liegt die Trauer.
  • Morgensterns Übersetzung ist gereimt und hat einen lockeren Takt. Sprich die Reime leicht, damit sie nicht klappern.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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