(Vorhof vor Kreons Burg in Korinth, Abenddämmerung. Jason hat Medea verstoßen, um Kreusa, die Tochter des Königs, zu heiraten; Medea muss das Land verlassen. Ihre beiden Söhne wollen lieber beim Vater und bei Kreusa bleiben. Der Kleinere ist müde.)
- Ihr werdet schlafen noch euch zu Genügen.
- Geht hin dort an die Stufen, lagert euch,
- Indes ich mich berate mit mir selbst. –
- – Wie er den Bruder sorgsam hingeleitet,
- Das Oberkleid sich abzieht und dem Kleinen
- Es warm umhüllend um die Schulter legt,
- Und nun, die kleinen Arme dicht verschlungen,
- Sich hinlegt neben ihm. – Schlimm war er nie!
- – O Kinder! Kinder!
[…]
- Schlaf nur!
- Was gäb ich, könnt ich schlafen so wie du.
(Der Knabe legt sich hin und schläft. Medea setzt sich gegenüber auf eine Ruhebank. Es ist nach und nach finster geworden.)
- Die Nacht bricht ein, die Sterne steigen auf,
- Mit mildem, sanftem Licht herunterscheinend;
- Dieselben heute, die sie gestern waren,
- Als wäre alles heut, wies gestern war;
- Indes dazwischen doch so weite Kluft,
- Als zwischen Glück befestigt und Verderben:
- So wandellos, sich gleich, ist die Natur,
- So wandelbar der Mensch und sein Geschick.
- Wenn ich das Märchen meines Lebens mir erzähle,
- Dünkt mir, ein andrer spräch, ich hörte zu,
- Ihn unterbrechend: Freund, das kann nicht sein!
- Dieselbe, der du Mordgedanken leihst,
- Lässt du sie wandeln in dem Land der Väter,
- Von eben dieser Sterne Schein beleuchtet,
- So rein, so mild, so aller Schuld entblößt,
- Als nur ein Kind am Busen seiner Mutter?
- Wo geht sie hin? Sie sucht des Armen Hütte,
- Dem ihres Vaters Jagd die Saat zerstampft,
- Und bringt ihm Gold und tröstet den Betrübten.
- Was sucht sie Waldespfade? Ei, sie eilt
- Dem Bruder nach, der ihrer harrt im Forst,
- Und nun, gefunden, wie zwei Zwillingssterne
- Durchziehn sie strahlend die gewohnte Bahn.
- Ein andrer naht, die Stirn mit Gold gekrönt;
- Es ist ihr Vater, ist des Landes König.
- Er legt die Hand ihr auf, ihr und dem Bruder,
- Und segnet sie, nennt sie sein Heil und Glück.
- Willkommen, holde, freundliche Gestalten,
- Sucht ihr mich heim in meiner Einsamkeit?
- Kommt näher, lasst mich euch ins Antlitz sehn!
- Du guter Bruder, lächelst du mir zu?
- Wie bist du schön, du meiner Seele Glück.
- Der Vater zwar ist ernst, doch liebt er mich,
- Liebt seine gute Tochter! Gut? Ha, gut!
(Aufspringend.)
- ’s ist Lüge! Sie wird dich verraten, Greis!
- Hat dich verraten, dich und sich.
- Du aber fluchtest ihr.
- Ausgestoßen sollst du sein,
- Wie das Tier der Wildnis, sagtest du,
- Kein Freund sei dir, keine Stätte,
- Wo du hinlegst dein Haupt.
- Er aber, um den du mich verrätst,
- Er selber wird mein Rächer sein,
- Wird dich verlassen, verstoßen,
- Töten dich.
- Und sieh! Dein Wort ist erfüllt:
- Ausgestoßen steh ich da,
- Gemieden wie das Tier der Wildnis,
- Verlassen von ihm, um den ich dich verließ.
- Ohne Ruhstatt, leider nicht tot,
- Mordgedanken im düstern Sinn.
- Freust du dich der Rache?
- Nahst du mir? – Kinder! Kinder!
(Hineilend und sie rüttelnd.)
- Kinder, hört ihr nicht? Steht auf.
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