Guelfo: „Ich hass’ ihn von der Wiege“

Monolog · Sturm und Drang · Prosa

Guelfo: Ich hass’ ihn von der Wiege

aus Die Zwillinge (1776) von Friedrich Maximilian Klinger · III. Aufzug, 1. Auftritt (Ausschnitt)

Originaltext · Die Zwillinge, Friedrich Maximilian Klinger (1776)Ausschnitt
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 337 Wörter
Umfang
337 WörterAusschnitt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 18–32redaktionelle Einschätzung
Tonlage
hasserfülltleidenschaftlich
Sprache
Prosabehutsam modernisiert
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(Guelfo zu Grimaldi, in einer Sturmnacht.)

Hat nicht alles den Stachel zur Rache? Wenn Du den Wurm trittst, windet er sich unter Deiner Sohle, und sucht sich zu rächen. — Ich hass’ ihn von der Wiege, hass’ ihn von der Stunde, als seine Eitelkeit über mich hinaus wollte — ich hass’ ihn von seinen ersten Stammeln. Ha! nannt’ er mich nicht einst beim Spiel kleiner Guelfo! und ich schlug ihm vor die Stirne drüber! Siehst Du, wie das, was das Kind dachte, der Mann ausführte? Seine Kleider, die er trug, hasst’ ich. Trug er einen Rock von der Farbe des meinigen, zerriss ich meinen. Weil die Jungens alle meine festen Tritte gingen, wollt’ ers auch nachmachen; aber ich zerarbeitete meine Knie so lange, bis sie anders schritten; und die Kameraden riefen: „Guelfo, du gehst anders!“ —

Mich deucht manchmal, ich hasse Kamilla, weil ich sie an seinen Lippen hängen sah. Und wenn ich denk’, Grimaldi, was das Leben ist; wie einer, der eine vermögende Seele hat, tief bei der Erde liegt, und ein andrer mit einem schwachen, eitlen, schmeichlerischen Geist über ihn hinaus schreitet und hoch sitzt! Ich bin nur Guelfo — ein Mensch, der wegen seiner Taten schrecklich unter Freunden und Feinden ist. Da ist Ferdinando, ein eitles, schwaches, elendes, püppisches Männchen, der von Empfindsamkeit viel schwätzt, nichts als ein bisschen Mädchenseele hat. —

Denn ich weiß noch heute, dass ihm ein Junge eine Puppe nahm, mit der er spielte, sie aus- und anputzte, wie ein kleines Dirnchen. Er heulte, wie ein Mädchen, und lief schluchzend zur Mutter. Und an eben diesem Tage zerschnitt mir einer aus Bosheit die Sehne meines Bogens. Er hatte viele Jahre vor mir; doch fasst’ ich ihn, schmiss ihn den Hügel hinunter, wie einen Ballen. Glaubst Du wohl, dass dieser nämliche Ferdinando von der Abendluft krank wurde?

Und er ist auf dem Weg, mit den mir gestohlnen Gütern, mit der mir gestohlnen Braut, Herzog zu werden; und ich bin auf dem Weg, ein Narr zu werden über alles das! Aber abdringen will ich sie ihm! er soll sie hergeben, oder sein Leben!

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Spielhinweise

  • Ein Paradestück des Sturm und Drang: Kraftausdrücke, Bilder, Steigerungen. Die Gefahr ist das Chargieren. Begründe jeden Ausbruch mit einer konkreten Erinnerung.
  • Die Kindheitsbilder (die Puppe, der zerschnittene Bogen, der Hügel) sind das Herz des Textes. Erzähle sie genau, als sähe Guelfo sie vor sich.
  • Guelfo spricht zu einem Freund, nicht ins Leere. Ein konkreter Partner gibt dem Hass eine Richtung und dem Text Subtext: Er sucht Zustimmung.
  • Der Schluss „er soll sie hergeben, oder sein Leben!“ ist eine Drohung, kein Schrei. Je ruhiger, desto gefährlicher.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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