Frau X.: „Vielleicht bin ich die Stärkere“

Monolog · Naturalismus · Prosa (Übersetzung Emil Schering)

Frau X.: Vielleicht du, alles in allem genommen, bin ich in diesem Augenblicke wirklich die Stärkere.

aus Die Stärkere (1889) von August Strindberg · ganzer Einakter

Originaltext · Die Stärkere, August Strindberg (1889)ungekürzt
Dauer
ca. 14,5 Mingeschätzt, 1694 Wörter
Umfang
1694 Wörterungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 25–55redaktionelle Einschätzung
Tonlage
plauderndleidenschaftlich
Sprache
Prosa (Übersetzung Emil Schering)behutsam modernisiert
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(Die Ecke eines Damencafés am Weihnachtsabend. Frau X. und Mlle Y. sind beide Schauspielerinnen; Frau X. ist verheiratet, Mlle Y. nicht. Mlle Y. sagt in der ganzen Szene kein Wort.)

(Frau X. tritt ein, winterlich gekleidet, in Hut und Mantel, einen feinen japanischen Korb am Arm.)

(Mlle Y. sitzt vor einer halb ausgetrunkenen Bierflasche und liest eine illustrierte Zeitung, welche sie später gegen eine andere vertauscht.)

Guten Tag, Ameliechen! — Du sitzest am Weihnachtsabend hier so allein wie ein armer Junggeselle.

(Mlle Y. guckt von der Zeitung auf, nickt und fährt fort zu lesen.)

Weißt du, es tut mir wirklich weh, dich zu sehen; allein, allein in einem Café, und noch dazu am Weihnachtsabend. Es tut mir so weh, wie damals, als ich in Paris ein Brautgefolge in einem Restaurant sah, und die Braut dasaß und ein Witzblatt las, während der Bräutigam mit den Zeugen Billard spielte. Huh, dachte ich, bei einem solchen Anfang, welche Fortsetzung und welcher Schluss! Er spielte Billard am Hochzeitsabend! — Und sie las ein Witzblatt, meinst du! Nun, das ist nicht ganz dasselbe!

(Die Aufwärterin herein, stellt eine Tasse Schokolade vor Frau X. hin und geht wieder hinaus.)

Weißt du was, Amelie! Jetzt glaube ich, du hättest besser getan, ihn zu behalten! Erinnerst du dich, dass ich die Erste war, die dir sagte: verzeih ihm! Denkst du daran? — Du hättest jetzt verheiratet sein und ein Heim haben können; erinnerst du dich an vorige Weihnacht, wie glücklich du dich fühltest, als du draußen auf dem Lande bei den Eltern deines Verlobten warest; wie du das Glück des Heims priesest und dich vom Theater geradezu fortsehntest! — Ja, liebe Amelie, das Heim ist das Allerbeste — nächst dem Theater — und die Kinder, siehst du — ja, das verstehst du nicht!

(Mlle Y., verächtliche Miene.)

(Trinkt einige Löffel voll aus der Tasse, öffnet dann den Korb und zeigt die Weihnachtsgeschenke.)

Hier kannst du sehen, was ich meinen Ferkelchen gekauft habe. (Nimmt eine Puppe heraus.) Siehst du, die! Die soll Lisa haben! Siehst du, sie kann mit den Augen rollen, und den Hals drehen! Was! — Und hier ist Majas Korkpistole!

(Lädt und schießt auf Mlle Y.)

(Mlle Y. macht eine Geste des Erschreckens.)

Wurdest du bange? Glaubtest du, ich wollte nach dir schießen? Was? — Meiner Seel, ich glaube nicht, dass du das dachtest! Wenn du nach mir schießen wolltest, das würde mich weniger wundern, da ich dir in den Weg gekommen bin — und das, weiß ich, kannst du nie vergessen — obgleich ich ganz unschuldig war. Du glaubst noch, ich hätte dich vom großen Theater fortintrigiert, aber das tat ich nicht! Ich tat es nicht, obgleich du’s glaubst! — Ja, es ist einerlei, ob ich es sage, denn du glaubst doch, dass ich es war! — (Nimmt ein Paar gestickte Pantoffel hervor.) Und die hier soll mein Alter haben. Mit Tulpen darauf, die ich selbst gestickt habe — ich verabscheue Tulpen, versteht sich, aber er muss zu allem Tulpen haben.

(Mlle Y. sieht ironisch und neugierig vom Blatte auf.)

(Steckt eine Hand in jeden Pantoffel.)

Sieh, wie kleine Füße Bob hat! Was? Und du solltest sehen, welch eleganten Gang! Du hast ihn nie in Pantoffeln gesehen, du! (Mlle Y. lacht laut.) Guck her, hier siehst du ihn!

(Sie lässt die Pantoffel auf dem Tische gehen.)

(Mlle Y. lacht laut.)

Und dann, wenn er böse ist, siehst du, dann stampft er so mit dem Fuße auf: „Was! Die verdammten Mädchen, die nie Kaffee kochen lernen können! Heh! Nun haben die Kretins den Lampendocht wieder nicht ordentlich beschnitten!“ Und dann zieht es durch den Fußboden, und dann friert er an den Füßen: „Huh, wie kalt es ist, und die verstockten Idioten, die das Feuer im Kamin nicht erhalten können!“

(Sie reibt die Pantoffel mit Sohle und Oberleder aneinander.)

(Mlle Y. lacht hell auf.)

Und dann kommt er nach Hause und muss seine Pantoffel suchen, die Marie unter die Chiffonnière gestellt hat. — Oh, aber es ist Sünde, dazusitzen und sich über seinen Mann so lustig zu machen. Er ist jedenfalls nett und ist ein kleiner, braver Mann — und du hättest einen solchen Mann haben sollen, du, Amelie! — Worüber lachst du? Was! Was! — Und dann weiß ich, siehst du, dass er mir treu ist; ja, das weiß ich! Denn das hat er selber erzählt — worüber kicherst du? — als ich auf meiner Tournee in Norwegen war, kam jene abscheuliche Friederike und wollte ihn verführen — kannst du dir etwas so Infames denken? (Pause.) Aber ich hätte ihr die Augen aus dem Kopfe gerissen, ich, wenn sie gekommen wäre, wo ich zu Hause war! (Pause.) Es war gut, dass Bob selbst davon sprach, so dass es nicht durch Klatsch herauskam! (Pause.) Aber Friederike war nicht die Einzige, kannst du dir denken! Ich weiß nicht, aber die Frauenzimmer sind ganz verrückt nach meinem Manne. Sie müssen glauben, er habe etwas bei den Theater-Engagements zu sagen, weil er im Departement ist! — Vielleicht bist du auch dagewesen und hast einen Anschlag auf ihn gemacht! — Ich traute dir nicht mehr als billig — aber nun weiß ich, dass er sich nicht um dich kümmerte, und dass du ihm etwas nachzutragen schienst, kam mir immer so vor!

(Pause; sie betrachten sich verlegen.)

Komm jedenfalls heute Abend zu uns, Amelie, und zeige, dass du nicht böse auf uns bist, nicht böse auf mich jedenfalls! Ich weiß nicht, aber ich finde, es ist so unbehaglich, gerade dich zum Feinde zu haben. Vielleicht ist es, weil ich dir damals in den Weg kam, (rallentando) oder — ich weiß gar nicht — warum eigentlich!

(Pause.)

(Mlle Y. fixiert Frau X. neugierig.)

(Gedankenvoll.)

Es war so wunderlich mit unserer Bekanntschaft — wie ich dich zum ersten Male sah, war ich bange vor dir, so bange, dass ich dich nicht aus dem Gesichte zu lassen wagte; sondern wie ich auch kam und ging, ich befand mich immer in deiner Nähe — ich wagte nicht, deine Feindin zu sein, darum wurde ich deine Freundin. Aber es herrschte immer eine Disharmonie, wenn du zu uns ins Haus kamst, weil ich sah, dass mein Mann dich nicht leiden konnte — und das war mir überzwerch, wie wenn Kleider schlecht sitzen — und ich tat alles, um ihn dazu zu bringen, dass er sich freundlich gegen dich zeigte, aber ohne dass es mir glückte — bis du dich verlobtest! Da kam eine heftige Freundschaft auf, so dass es einen Augenblick aussah, als ob ihr nun erst eure wirklichen Gefühle zu zeigen wagtet, wo du in Sicherheit warst — und dann — wie war es später? — Ich wurde nicht eifersüchtig — wie wunderlich! — Und ich erinnere mich, dass ich auf der Taufe, als du Patin standest, ihn nötigte, dich zu küssen — das tat er, aber du wurdest so verwirrt — das heißt: damals merkte ich es nicht — dachte später nicht daran — habe nicht früher daran gedacht als — jetzt! (Erhebt sich heftig.) Warum schweigst du? Du hast während der ganzen Zeit nicht ein Wort gesagt, sondern nur mich sprechen lassen! Du hast dagesessen und mit den Augen alle diese Gedanken aus mir herausgewickelt, welche da wie Rohseide in ihrem Kokon lagen — Gedanken — argwöhnische Gedanken vielleicht — lass mich sehen. — Warum löstest du die Verlobung auf? Warum kamst du seitdem nie mehr in unser Haus? Warum willst du heute Abend nicht zu uns kommen?

(Mlle macht eine Miene, als wolle sie sprechen.)

Still! Du brauchst nichts zu sagen, denn nun begreife ich alles selbst! — Es war darum und darum und darum! — Ja, ja! Nun stimmen alle Berechnungen! So ist es! — Pfui, ich will nicht am selben Tische mit dir sitzen! (Legt ihre Sachen auf einen anderen Tisch.) Darum sollte ich Tulpen, die ich hasse, auf seine Pantoffel sticken, weil du Tulpen liebtest; darum (wirft die Pantoffel auf den Boden) sollten wir im Sommer am Mälar wohnen, weil du die Salzsee nicht leiden konntest; darum sollte mein Junge Eskil heißen, weil dein Vater so hieß; darum sollte ich deine Farben tragen, deine Schriftsteller lesen, deine Lieblingsgerichte essen, deine Getränke trinken — deine Schokolade zum Beispiel; darum war’s — oh mein Gott — es ist schrecklich, wenn ich daran denke, es ist schrecklich! — Alles, alles kam von dir zu mir, sogar deine Passionen! — Deine Seele kroch in meine hinein, wie ein Wurm in den Apfel, fraß und fraß, grub und grub, bis nur die Schale mit etwas schwarzem Mehl übrig war! Ich wollte dich fliehen, aber ich konnte nicht; du lagst wie die Schlange mit deinen schwarzen Augen da und verzaubertest mich — ich fühlte, wie die Schwingen sich nur hoben, um mich niederzuziehen; ich lag mit zusammengebundenen Füßen im Wasser, und je kräftigere Schwimmzüge ich mit den Händen machte, desto tiefer arbeitete ich mich hinunter, hinunter, bis ich auf den Grund sank, wo du wie eine Riesenkrabbe lagst, um mich mit deinen Klauen zu fassen — und jetzt liege ich da!

Pfui, wie ich dich hasse, dich hasse, dich hasse! Doch du, du sitzest nur da und schweigst, ruhig, gleichgültig; gleichgültig ob es zu- oder abnehmender Mond ist, Weihnachten oder Neujahr, ob andere glücklich oder unglücklich sind; ohne die Fähigkeit zu hassen oder zu lieben; unbeweglich wie ein Storch bei einem Mauseloch, — du konntest deine Beute nicht selbst herausholen, du konntest sie nicht verfolgen, aber du konntest sie herauswarten! Hier sitzt du in deiner Ecke — weißt du, dass sie nach dir die Mausefalle genannt wird — und liest deine Zeitungen, um nachzusehen, ob es wem schlecht geht, ob wer in Misere gerät, ob wer vom Theater verabschiedet wird; hier sitzt du und passt auf deine Opfer, rechnest deine Chancen aus wie ein Lotse seinen Schiffbruch, nimmst deine Tribute entgegen!

Arme Amelie! Weißt du, dass es mir gleichwohl leid um dich ist, weil ich weiß, dass du unglücklich bist, unglücklich wie ein Verwundeter, und boshaft, weil du verwundet bist! — Ich kann nicht böse auf dich sein, obgleich ich es möchte — denn du bist doch die Kleine — ja, das mit Bob, darum kümmere ich mich nicht! — Was macht mir das eigentlich! — Und ob du mich Schokolade trinken gelehrt hast oder wer anders, kann auf eins herauskommen! (Trinkt einen Löffel voll aus der Tasse. Altklug.) Schokolade ist übrigens sehr gesund! Und wenn ich mich von dir kleiden gelernt habe — tant mieux — das hat meinen Mann nur noch mehr an mich gefesselt — und du verlorst, wo ich gewann — ja, nach gewissen Zeichen zu urteilen, glaube ich, du hast ihn bereits verloren! — Aber deine Absicht war es freilich, dass ich meiner Wege gehen sollte — was du tatest und was du nun bereust — aber siehst du, das tue ich nicht! — Wir wollen nicht kleinlich sein, siehst du! Und warum sollte ich nur nehmen, was keine andere haben will! —

Vielleicht du, alles in allem genommen, bin ich in diesem Augenblicke wirklich die Stärkere — du bekamst ja nie etwas von mir, sondern gabst nur fort — und jetzt ist es mit mir wie mit dem Dieb — als du erwachtest, besaß ich, was du vermisstest! Wie kam es sonst, dass in deiner Hand alles wertlos, steril war? Keines Mannes Liebe konntest du behalten mit deinen Tulpen und deinen Passionen — wie ich es konnte; nicht vermochtest du Lebenskunst von deinen Schriftstellern zu lernen, wie ich sie lernte; keinen kleinen Eskil kriegtest du, obgleich dein Papa Eskil hieß! Und warum schweigst du gleichmäßig und beständig, schweigst, schweigst? Ich glaubte, das sei Stärke; aber es war vielleicht nur das, dass du nichts zu sagen hattest! Weil du nichts denken konntest! (Erhebt sich und nimmt die Pantoffel auf.) Jetzt gehe ich heim — und nehme die Tulpen mit — deine Tulpen! Du konntest von anderen nichts lernen, du konntest dich nicht beugen — und darum zerbrachst du wie ein trockenes Rohr — aber das tat ich nicht!

Hab Dank, Amelie, für alle deine guten Lehren; Dank dafür, dass du mich meinen Mann lieben lehrtest! — Jetzt gehe ich heim und liebe ihn! —

(Geht.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Die Partnerin schweigt, spielt aber mit. Jede Reaktion von Mlle Y., ein Lachen, ein Blick, treibt Frau X. weiter (vgl. Partnerspiel). Für ein Solo musst du sie dir genau vorstellen.
  • Die Pantoffeln mit den Tulpen sind das wichtigste Requisit: erst Spielzeug, dann Beweisstück, zuletzt Trophäe.
  • Der Wendepunkt kommt leise: „Es war so wunderlich mit unserer Bekanntschaft.“ Hier denkt Frau X. zum ersten Mal laut nach.
  • Der ganze Einakter ist für ein Vorsprechen zu lang. Gut geeignet ist der Abschnitt von „Es war so wunderlich“ bis „und jetzt liege ich da!“.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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