(Ein langer, kahler Gang. Eine Schleuse mit Gittertür, dahinter ein schweres Tor mit einer großen Drei. Eike, zweiundfünfzig, in Uniform, einen Schlüsselbund am Gürtel, geht neben Herrn Wendt, der eine Plastiktüte trägt.)
Hier lang, Herr Wendt. Den Weg kennen Sie nicht. Den kennt keiner von drinnen. Den geht man nur einmal.
(An der Schleuse.) Entlassungsschein haben Sie. Bewährungsauflagen haben Sie unterschrieben. Ihre Bewährungshelferin heißt Frau Okonkwo, Termin ist am Donnerstag um zehn. Das Wohnheim erwartet Sie bis achtzehn Uhr. Die Fahrkarte ist im Umschlag. Zweiter Klasse, mit einmal Umsteigen.
(Eike schließt auf. Sie gehen durch. Eike schließt hinter ihnen wieder ab.)
Wissen Sie, dass wir am selben Tag angefangen haben? Ich war einunddreißig. Erster Tag. Ich hab Sie in der Zugangsabteilung in Empfang genommen. Sie haben die ganze Zeit auf den Boden geguckt. Ich hab gedacht: Der ist harmlos. Und dann hab ich in der Akte gelesen, warum Sie da sind.
Danach hab ich Sie einundzwanzig Jahre lang morgens um sechs geweckt. Hab Ihre Zelle kontrolliert. Hab Sie zum Arzt gebracht, als Sie die Lungenentzündung hatten. Hab Ihnen gesagt, dass Ihre Mutter gestorben ist. Ich war dabei, als Sie den Antrag auf Ausgang zur Beerdigung gestellt haben. Und als er abgelehnt wurde.
(Sie gehen weiter. Eike bleibt vor einer Theke stehen.)
Kammer. Ihre Sachen von damals. (Eike nimmt einen Karton entgegen und reicht ihn weiter.) Eine Uhr, eine Brieftasche, ein Schlüssel, der zu nichts mehr passt. Eine Jacke. Die ist Ihnen jetzt zu groß. (Pause.) Sie wollen sie trotzdem? Gut.
Ich weiß übrigens, dass Sie die Tomaten in der Anstaltsgärtnerei gemacht haben. Elf Jahre lang. Die Kollegen in der Küche haben gesagt, das sind die einzigen Tomaten im ganzen Land, die nach Tomate schmecken. Ich hab mir jeden Sommer zwei mitgenommen. Ich hab es keinem erzählt. (Pause.) Das war bestimmt nicht erlaubt. Jetzt ist es verjährt. Und Sie haben mir nie einen Tipp gegeben, wie man die zu Hause hinkriegt. Bei mir auf dem Balkon werden die nie rot.
Wir haben in einundzwanzig Jahren vielleicht hundert Sätze gewechselt, Herr Wendt. Sie haben nie was erzählt. Ich hab nie was gefragt. Das ist so üblich. Man fragt nicht. Man schließt auf und zu.
(Sie stehen vor dem Tor. Eike legt die Hand an das Schloss, schließt aber nicht auf.)
Eine Sache noch. Bevor ich aufschließe. Sie müssen nicht antworten. Das ist keine Vorschrift. Das ist privat. (Pause.) Einundzwanzig Jahre lang hab ich Sie jeden dritten Mai nichts essen sehen. Das Tablett kam immer unberührt zurück. Jedes Jahr. Ich hab in die Akte geschaut. Der dritte Mai war der Tag. (Pause.) Ich wollte wissen, ob ich das richtig verstanden hab.
(Herr Wendt sagt etwas. Eike hört zu, sehr lange.)
(Leise.) Danke. (Pause.) Mehr wollte ich nicht wissen.
Wissen Sie, warum ich gefragt hab? Weil ich jeden dritten Mai Ihr Tablett zurückgebracht hab, und die Kollegen haben gesagt: Lass den, der ist stur. Und ich hab gedacht: Der ist nicht stur. Der erinnert sich. Und ich wollte, dass einer weiß, dass es jemand gemerkt hat. Bevor Sie hier rausgehen.
(Eike schließt das Tor auf. Ein Spalt Tageslicht fällt herein.)
Tor drei. Von hier aus geradeaus zur Bushaltestelle. Die Linie vier fährt alle zwanzig Minuten. (Pause.) Die Welt ist schneller geworden, Herr Wendt. Gehen Sie langsam.
(Eike tritt zur Seite. Herr Wendt geht hinaus. Eike sieht ihm nach.) Und am dritten Mai: Essen Sie was. Das sag ich jetzt nicht dienstlich.
(Eike schließt das Tor. Bleibt einen Moment stehen. Dann geht Eike den Gang zurück.)
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