Egmont: „Alter Freund! immer getreuer Schlaf“

Monolog · Weimarer Klassik · Rhythmische Prosa

Egmont: Alter Freund! immer getreuer Schlaf, fliehst du mich auch

aus Egmont (1788) von Johann Wolfgang von Goethe · V. Aufzug, Gefängnis

Originaltext · Egmont, Johann Wolfgang von Goethe (1788)Ausschnitt
Dauer
ca. 5,5 Mingeschätzt, 678 Wörter
Umfang
678 WörterAusschnitt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 28–55redaktionelle Einschätzung
Tonlage
beklommenernst & dramatisch
Sprache
Rhythmische Prosabehutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Gefängnis, durch eine Lampe erhellt, ein Ruhebett im Grunde. Egmont allein.)

Alter Freund! immer getreuer Schlaf, fliehst du mich auch wie die übrigen Freunde? Wie willig senktest du dich auf mein freies Haupt herunter und kühltest, wie ein schöner Myrtenkranz der Liebe, meine Schläfe! Mitten unter Waffen, auf der Woge des Lebens, ruht ich leicht atmend, wie ein aufquellender Knabe, in deinen Armen. Wenn Stürme durch Zweige und Blätter sausten, Ast und Wipfel sich knirrend bewegten, blieb innerst doch der Kern des Herzens ungeregt. Was schüttelt dich nun? Was erschüttert den festen, treuen Sinn? Ich fühl’s, es ist der Klang der Mordaxt, die an meiner Wurzel nascht. Noch steh ich aufrecht, und ein innrer Schauer durchfährt mich. Ja, sie überwindet, die verräterische Gewalt; sie untergräbt den festen hohen Stamm, und eh die Rinde dorrt, stürzt krachend und zerschmetternd deine Krone. Warum denn jetzt, der du so oft gewalt’ge Sorgen gleich Seifenblasen dir vom Haupte weggewiesen, warum vermagst du nicht die Ahnung zu verscheuchen, die tausendfach in dir sich auf und nieder treibt? Seit wann begegnet der Tod dir fürchterlich, mit dessen wechselnden Bildern, wie mit den übrigen Gestalten der gewohnten Erde, du gelassen lebtest? – Auch ist er’s nicht, der rasche Feind, dem die gesunde Brust wetteifernd sich entgegen sehnt; der Kerker ist’s, des Grabes Vorbild, dem Helden wie dem Feigen widerlich.

Unleidlich ward mir’s schon auf meinem gepolsterten Stuhle, wenn in stattlicher Versammlung die Fürsten, was leicht zu entscheiden war, mit wiederkehrenden Gesprächen überlegten, und zwischen düstern Wänden eines Saals die Balken der Decke mich erdrückten. Da eilt ich fort, sobald es möglich war, und rasch aufs Pferd mit tiefem Atemzuge! Und frisch hinaus, da wo wir hingehören! ins Feld, wo aus der Erde dampfend jede nächste Wohltat der Natur, und durch die Himmel wehend alle Segen der Gestirne einhüllend uns umwittern; wo wir, dem erdgebornen Riesen gleich, von der Berührung unsrer Mutter kräftiger uns in die Höhe reißen; wo wir die Menschheit ganz, und menschliche Begier in allen Adern fühlen, wo das Verlangen, vorzudringen, zu besiegen, zu erhaschen, seine Faust zu brauchen, zu besitzen, zu erobern, durch die Seele des jungen Jägers glüht; wo der Soldat sein angebornes Recht auf alle Welt mit raschem Schritt sich anmaßt, und in fürchterlicher Freiheit wie ein Hagelwetter durch Wiese, Feld und Wald verderbend streicht, und keine Grenzen kennt, die Menschenhand gezogen.

Du bist nur Bild, Erinnerungstraum des Glücks, das ich so lang besessen; wo hat dich das Geschick verräterisch hingeführt? Versagt es dir, den nie gescheuten Tod vorm Angesicht der Sonne rasch zu gönnen, um dir des Grabes Vorgeschmack im ekeln Moder zu bereiten? Wie haucht er mich aus diesen Steinen widrig an! Schon starrt das Leben; vor dem Ruhebette wie vor dem Grabe scheut der Fuß. –

O Sorge! Sorge! die du vor der Zeit den Mord beginnst, lass ab! – Seit wann ist Egmont denn allein, so ganz allein in dieser Welt? Dich macht der Zweifel hülflos, nicht das Glück. Ist die Gerechtigkeit des Königs, der du lebenslang vertrautest, ist der Regentin Freundschaft, die fast (du darfst es dir gestehn), fast Liebe war, sind sie auf einmal, wie ein glänzend Feuerbild der Nacht, verschwunden? und lassen dich allein auf dunkelm Pfad zurück? Wird an der Spitze deiner Freunde Oranien nicht wagend sinnen? Wird nicht ein Volk sich sammeln und mit anschwellender Gewalt den alten Freund erretten?

O haltet, Mauern, die ihr mich einschließt, so vieler Geister wohlgemeintes Drängen nicht von mir ab; und welcher Mut aus meinen Augen sonst sich über sie ergoss, der kehre nun aus ihren Herzen in meines wieder! O ja, sie rühren sich zu Tausenden! sie kommen! stehen mir zur Seite! Ihr frommer Wunsch eilt dringend zu dem Himmel, er bittet um ein Wunder. Und steigt zu meiner Rettung nicht ein Engel nieder, so seh ich sie nach Lanz’ und Schwertern greifen. Die Tore spalten sich, die Gitter springen, die Mauer stürzt vor ihren Händen ein, und der Freiheit des einbrechenden Tages steigt Egmont fröhlich entgegen. Wie manch bekannt Gesicht empfängt mich jauchzend!

Ach Klärchen, wärst du Mann, so säh ich dich gewiss auch hier zuerst und dankte dir, was einem Könige zu danken hart ist, Freiheit.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Goethes Prosa ist hier rhythmisch und nähert sich dem Vers. Lass die langen Perioden atmen; eine gute Atemstütze ist nötig.
  • Der Monolog hat eine klare Kurve: von der Angst über die Erinnerung zur trotzigen Hoffnung. Markiere die Wendepunkte („Du bist nur Bild …“, „O Sorge! Sorge!“, „O haltet, Mauern …“).
  • Die Erinnerung an das Feld ist ein Fluchtraum. Sprich sie mit Lust und Weite, damit der Kerker danach umso enger wird.
  • Der Text ist lang (rund fünf Minuten). Für ein Vorsprechen eignet sich der Weg vom Anfang bis „… dem Helden wie dem Feigen widerlich“ oder der Schluss ab „O Sorge! Sorge!“.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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