Alexis: Abschminken

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Alexis: Die Hälfte von mir ist schon abgeschminkt. Welche willst du sehen?

Freier Text von SceneTalent

Von SceneTalent geschrieben. Frei zum Üben, Vorsprechen und für Self-Tapes – bitte mit Quellenangabe „Text: SceneTalent“. Den Text selbst nicht ohne unser Einverständnis weiterverbreiten.
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 440 Wörter
Umfang
440 Wörterungekürzt
Figur
offen besetzbar
Spielalter
ca. 27–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
ironischleidenschaftlich
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
Seite

(Eine schlichte Garderobe mit Neonröhre und Spiegel. Auf dem Tisch Make-up, Wattepads, eine Perücke auf einem Styroporkopf. Alexis, Anfang dreißig, sitzt im paillettenbesetzten Kleid vor dem Spiegel, das Gesicht noch voll geschminkt, und nimmt die erste Wimper ab.)

Danke, danke, ihr wart ein wunderbares Publikum, bitte vergesst nicht, für den Jugendtreff zu spenden, die Dose steht am Ausgang, und wer nichts gibt, den besuche ich zu Hause. (Die zweite Wimper.) Madame Fortuna hat Feierabend.

Hundertachtzig Leute. In der Stadthalle, in der ich bei der Abschlussfeier Klarinette gespielt habe und falsch war. Frau Heller aus der Bäckerei war da. Sie hat bei „I Will Survive“ mitgeklatscht, im falschen Takt, aber mit Begeisterung. Der Pfarrer war da, in der ersten Reihe. Der hat mehr gelacht als alle anderen. Ich hab ihn vorher nie lachen sehen.

(Alexis nimmt die Perücke ab, setzt sie auf den Styroporkopf.) Und Papa war da. Dritte Reihe, Platz vierzehn, ich hab die Karte selbst hingelegt. Mit seinem Namen drauf, damit er weiß, dass er gemeint ist. Er saß da, in seiner grauen Jacke, die Arme verschränkt. Bei der ersten Nummer hat er nicht geklatscht. Bei der zweiten war der Platz leer.

Die erste Nummer war gut. Ich hab „Ein bisschen Frieden“ gesungen, umgetextet, und die Leute haben bei der zweiten Strophe verstanden, dass es um die Kreisstraße geht, die seit zehn Jahren nicht gebaut wird. Der Bürgermeister saß in der ersten Reihe. Er hat gelacht. Laut. Damit es alle sehen. Das ist Politik.

Mama war nicht da. Mama ist seit vier Jahren tot, und sie hätte in der ersten Reihe gesessen, mit einem Schild, auf das sie mit Glitzerstift „Fortuna“ geschrieben hätte, und sie hätte sich geschämt für den Glitzer und es trotzdem hochgehalten. Sie hat Papa immer erklärt, wer ich bin. Seit sie weg ist, erklärt ihm das keiner mehr. Vielleicht hab ich deshalb Ja gesagt, als der Jugendtreff gefragt hat. Damit ich es selber mache.

(Alexis taucht ein Wattepad in Reinigungsmilch und wischt die linke Gesichtshälfte ab. Langsam kommt die Haut darunter zum Vorschein.)

Mit sieben hab ich Mamas Lippenstift genommen und mich im Badezimmer angemalt. Kirschrot. Ich fand mich wunderschön. Papa kam rein, hat mich angesehen und gesagt: Mach das weg, bevor deine Mutter kommt. Nicht böse. Ganz ruhig. Das war fast schlimmer. Ich hab es weggemacht. Ich hab danach zwanzig Jahre lang alles Mögliche weggemacht, bevor jemand kommt.

Und heute steh ich da oben, zwei Meter zehn mit Absätzen, kirschrot, und er sitzt da, und ich denke: Jetzt. Jetzt siehst du es. Und dann ist der Platz leer. (Ein trockenes Lachen.) Ist auch eine Antwort. Eine sehr klare sogar.

Es ist egal. Ich hab in Köln Leute, die zu jeder Show kommen. Ich hab einen Freund, der mir Tee macht, wenn ich heiser bin. Ich hab mir das alles selber gebaut, ohne ihn. Es ist egal, ob er in der dritten Reihe sitzt. (Pause. Alexis sieht ins Spiegelbild.) Es ist nicht egal.

(Es klopft. Alexis erstarrt. Wieder ein Klopfen, zaghaft.)

(Leise.) Wer ist da? (Keine Antwort. Ein Räuspern hinter der Tür.) Das ist … (Alexis steht auf, sieht in den Spiegel: eine Gesichtshälfte geschminkt, eine nackt.) So kann ich nicht aufmachen. Nur halb.

(Alexis greift nach dem Wattepad, hält inne, legt es weg.) Doch. Genau so. (Zur Tür.) Die Hälfte von mir ist schon abgeschminkt. Welche willst du sehen? (Pause.) Egal. Du kriegst beide.

(Alexis öffnet die Tür. Licht aus.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Alexis schminkt sich während des Textes ab, Schicht für Schicht. Die Vorgänge sind genau und gekonnt; die Hände verraten mehr Gefühl als die Stimme.
  • Madame Fortuna und Alexis sind zwei Haltungen. Lass die Bühnenfigur am Anfang noch durchscheinen, laut und ironisch, und dann leiser werden.
  • Das Klopfen ist der Wendepunkt. Bis dahin redet Alexis gegen die Stille an; danach wird jedes Wort teuer.
  • Spiele das Ende offen. Ob es der Vater ist, weiß das Publikum nicht sicher. Entscheidend ist, dass Alexis die Tür öffnet.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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