Dorothea und Jules: Die Bank

Dialog · 2 Personen · Gegenwart · Alltagssprache

Dorothea und Jules: Ein Jahr. Und ich weiß nicht mal, wie Sie heißen.

Freier Text von SceneTalent

Von SceneTalent geschrieben. Frei zum Üben, Vorsprechen und für Self-Tapes – bitte mit Quellenangabe „Text: SceneTalent“. Den Text selbst nicht ohne unser Einverständnis weiterverbreiten.
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 397 Wörter
Umfang
397 WörterDorothea · Jules
Figuren
weiblich + offen
Spielalter
ca. 30–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
verlegenleise & nachdenklich
Sprache
Alltagssprache
PDF-Optionen
Eine gewählte Rolle wird im PDF hervorgehoben.

(Ein kleiner Park im Herbst. Eine Bank vor einem Teich. In der Mitte sitzt ein älterer Mann und liest Zeitung. Davor stehen Dorothea, vierunddreißig, und Jules, einunddreißig, nebeneinander, jeder mit einem Kaffeebecher, und sehen auf die Bank.)

Dorothea

(Leise.) Er sitzt in der Mitte.

Stichwort: „Er sitzt in der Mitte.“

Jules

Genau in der Mitte.

Stichwort: „Genau in der Mitte.“

Dorothea

Das ist … das ist ja nicht verboten.

Stichwort: „… … das ist ja nicht verboten.“

Jules

Nein. Nein, gar nicht.

Stichwort: „Nein. Nein, gar nicht.“

(Pause. Beide trinken einen Schluck.)

Dorothea

Wir könnten fragen, ob er rutscht.

Stichwort: „Wir könnten fragen, ob er rutscht.“

Jules

Dann sitzt einer von uns neben ihm. Und der andere steht.

Stichwort: „… neben ihm. Und der andere steht.“

Dorothea

Stimmt.

Stichwort: „Stimmt.“

Jules

Und dann ist es nicht mehr dasselbe.

Stichwort: „… dann ist es nicht mehr dasselbe.“

Dorothea

(Sieht Jules zum ersten Mal an.) Nein. Dann ist es nicht mehr dasselbe.

Stichwort: „… Dann ist es nicht mehr dasselbe.“

(Pause. Eine Ente landet auf dem Teich.)

Jules

Die mit dem weißen Fleck ist wieder da. Die war im Sommer weg.

Stichwort: „… da. Die war im Sommer weg.“

Dorothea

Sie gucken auch auf die Enten?

Stichwort: „Sie gucken auch auf die Enten?“

Jules

Was soll man sonst angucken? Sie? (Merkt, wie das klingt.) Entschuldigung. Ich meine … man guckt ja nicht einfach so jemanden an.

Stichwort: „… ja nicht einfach so jemanden an.“

Dorothea

Ich hab Sie angeguckt. Manchmal. Ich weiß, dass Sie am Montag immer Tee haben statt Kaffee.

Stichwort: „… Montag immer Tee haben statt Kaffee.“

Jules

(Überrascht.) Montags hab ich Teamsitzung. Da bin ich schon nervös genug.

Stichwort: „… Da bin ich schon nervös genug.“

Dorothea

Und im März hatten Sie eine Woche lang einen Gips.

Stichwort: „… Sie eine Woche lang einen Gips.“

Jules

Beim Bouldern. Ich bin abgerutscht. (Pause.) Sie haben im Januar drei Wochen gefehlt.

Stichwort: „… haben im Januar drei Wochen gefehlt.“

Dorothea

Das haben Sie gemerkt?

Stichwort: „Das haben Sie gemerkt?“

Jules

Natürlich. Ich hab jeden Morgen auf Ihre Seite geguckt. Die Bank sieht schief aus, wenn nur einer drauf sitzt.

Stichwort: „… aus, wenn nur einer drauf sitzt.“

(Pause. Dorothea sieht auf ihren Becher.)

Dorothea

Mein Mann ist im Januar gestorben. Ganz schnell. Er hatte morgens Kopfschmerzen, und abends war er tot. (Pause.) Danach war ich drei Wochen nicht hier. Und dann konnte ich morgens nicht mehr in der Wohnung bleiben. Das Frühstück war immer seins. Ich bin wieder hergekommen, mit dem Kaffee, und Sie saßen am anderen Ende. Sie haben genickt. Sie haben nichts gefragt.

Stichwort: „… haben genickt. Sie haben nichts gefragt.“

Jules

(Leise.) Das tut mir leid.

Stichwort: „Das tut mir leid.“

Dorothea

Ich weiß. Darum erzähl ich es ja erst jetzt. Sonst hätten Sie es mir gesagt, damals, und dann hätte ich mir eine andere Bank suchen müssen.

Stichwort: „… mir eine andere Bank suchen müssen.“

(Pause.)

Jules

Ich sitze hier, weil ich sonst nicht ins Büro gehe. (Pause.) Vor einem Jahr war ich krankgeschrieben. Lange. Ich konnte morgens nicht mehr aus der Tür. Und dann hat die Therapeutin gesagt: Gehen Sie nicht direkt hin. Machen Sie einen Umweg. Setzen Sie sich irgendwohin, wo es ruhig ist, und gehen Sie dann. Das war ihr Vorschlag. Ich hab mir den Teich ausgesucht. (Pause.) Und dann waren Sie da. Am anderen Ende. Und irgendwie hab ich gedacht, wenn die das schafft, jeden Morgen herzukommen und dann irgendwohin zu gehen, dann schaff ich das auch.

Stichwort: „… gehen, dann schaff ich das auch.“

Dorothea

Ich hab gedacht, Sie sind einfach jemand, der früh aufsteht.

Stichwort: „… sind einfach jemand, der früh aufsteht.“

Jules

Ich hab gedacht, Sie sind jemand, der gern Enten guckt.

Stichwort: „… sind jemand, der gern Enten guckt.“

(Der ältere Mann faltet die Zeitung, steht auf, nickt den beiden zu und geht. Die Bank ist frei. Keiner von beiden bewegt sich.)

Dorothea

Er ist weg.

Stichwort: „Er ist weg.“

Jules

Ja.

Stichwort: „Ja.“

(Sie gehen zur Bank. Dorothea setzt sich an ihr Ende. Jules zögert, dann setzt Jules sich nicht ans andere Ende, sondern in die Mitte.)

Dorothea

(Sieht auf den Platz zwischen ihnen.) Ein Jahr. Und ich weiß nicht mal, wie Sie heißen.

Stichwort: „… weiß nicht mal, wie Sie heißen.“

Jules

Jules.

Stichwort: „Jules.“

Dorothea

Dorothea.

Stichwort: „Dorothea.“

Jules

(Nickt, sieht auf den Teich.) Die mit dem weißen Fleck heißt Ilse. Hab ich so beschlossen.

Stichwort: „… heißt Ilse. Hab ich so beschlossen.“

Dorothea

Ilse. Gut. (Pause.) Morgen bring ich ein zweites Croissant mit.

Stichwort: „… bring ich ein zweites Croissant mit.“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene

Spielhinweise

  • Die beiden stehen dicht nebeneinander, weil sie sich nicht trauen, den Mann auf der Bank anzusprechen. Spielt mit der ungewohnten Nähe; die Proxemik erzählt hier fast alles.
  • Der Text lebt von dem, was zwischen den Sätzen passiert. Gönnt euch die Pausen, auch die verlegenen. Der Subtext ist ein Jahr gemeinsamer Stille.
  • Jules ist offen angelegt und funktioniert in jeder Besetzung. Der Text verwendet für Jules nur den Namen.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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