(Ein kleiner Park im Herbst. Eine Bank vor einem Teich. In der Mitte sitzt ein älterer Mann und liest Zeitung. Davor stehen Dorothea, vierunddreißig, und Jules, einunddreißig, nebeneinander, jeder mit einem Kaffeebecher, und sehen auf die Bank.)
Dorothea
(Leise.) Er sitzt in der Mitte.
Stichwort: „Er sitzt in der Mitte.“
Jules
Genau in der Mitte.
Stichwort: „Genau in der Mitte.“
Dorothea
Das ist … das ist ja nicht verboten.
Stichwort: „… … das ist ja nicht verboten.“
Jules
Nein. Nein, gar nicht.
Stichwort: „Nein. Nein, gar nicht.“
(Pause. Beide trinken einen Schluck.)
Dorothea
Wir könnten fragen, ob er rutscht.
Stichwort: „Wir könnten fragen, ob er rutscht.“
Jules
Dann sitzt einer von uns neben ihm. Und der andere steht.
Stichwort: „… neben ihm. Und der andere steht.“
Dorothea
Stimmt.
Stichwort: „Stimmt.“
Jules
Und dann ist es nicht mehr dasselbe.
Stichwort: „… dann ist es nicht mehr dasselbe.“
Dorothea
(Sieht Jules zum ersten Mal an.) Nein. Dann ist es nicht mehr dasselbe.
Stichwort: „… Dann ist es nicht mehr dasselbe.“
(Pause. Eine Ente landet auf dem Teich.)
Jules
Die mit dem weißen Fleck ist wieder da. Die war im Sommer weg.
Stichwort: „… da. Die war im Sommer weg.“
Dorothea
Sie gucken auch auf die Enten?
Stichwort: „Sie gucken auch auf die Enten?“
Jules
Was soll man sonst angucken? Sie? (Merkt, wie das klingt.) Entschuldigung. Ich meine … man guckt ja nicht einfach so jemanden an.
Stichwort: „… ja nicht einfach so jemanden an.“
Dorothea
Ich hab Sie angeguckt. Manchmal. Ich weiß, dass Sie am Montag immer Tee haben statt Kaffee.
Stichwort: „… Montag immer Tee haben statt Kaffee.“
Jules
(Überrascht.) Montags hab ich Teamsitzung. Da bin ich schon nervös genug.
Stichwort: „… Da bin ich schon nervös genug.“
Dorothea
Und im März hatten Sie eine Woche lang einen Gips.
Stichwort: „… Sie eine Woche lang einen Gips.“
Jules
Beim Bouldern. Ich bin abgerutscht. (Pause.) Sie haben im Januar drei Wochen gefehlt.
Stichwort: „… haben im Januar drei Wochen gefehlt.“
Dorothea
Das haben Sie gemerkt?
Stichwort: „Das haben Sie gemerkt?“
Jules
Natürlich. Ich hab jeden Morgen auf Ihre Seite geguckt. Die Bank sieht schief aus, wenn nur einer drauf sitzt.
Stichwort: „… aus, wenn nur einer drauf sitzt.“
(Pause. Dorothea sieht auf ihren Becher.)
Dorothea
Mein Mann ist im Januar gestorben. Ganz schnell. Er hatte morgens Kopfschmerzen, und abends war er tot. (Pause.) Danach war ich drei Wochen nicht hier. Und dann konnte ich morgens nicht mehr in der Wohnung bleiben. Das Frühstück war immer seins. Ich bin wieder hergekommen, mit dem Kaffee, und Sie saßen am anderen Ende. Sie haben genickt. Sie haben nichts gefragt.
Stichwort: „… haben genickt. Sie haben nichts gefragt.“
Jules
(Leise.) Das tut mir leid.
Stichwort: „Das tut mir leid.“
Dorothea
Ich weiß. Darum erzähl ich es ja erst jetzt. Sonst hätten Sie es mir gesagt, damals, und dann hätte ich mir eine andere Bank suchen müssen.
Stichwort: „… mir eine andere Bank suchen müssen.“
(Pause.)
Jules
Ich sitze hier, weil ich sonst nicht ins Büro gehe. (Pause.) Vor einem Jahr war ich krankgeschrieben. Lange. Ich konnte morgens nicht mehr aus der Tür. Und dann hat die Therapeutin gesagt: Gehen Sie nicht direkt hin. Machen Sie einen Umweg. Setzen Sie sich irgendwohin, wo es ruhig ist, und gehen Sie dann. Das war ihr Vorschlag. Ich hab mir den Teich ausgesucht. (Pause.) Und dann waren Sie da. Am anderen Ende. Und irgendwie hab ich gedacht, wenn die das schafft, jeden Morgen herzukommen und dann irgendwohin zu gehen, dann schaff ich das auch.
Stichwort: „… gehen, dann schaff ich das auch.“
Dorothea
Ich hab gedacht, Sie sind einfach jemand, der früh aufsteht.
Stichwort: „… sind einfach jemand, der früh aufsteht.“
Jules
Ich hab gedacht, Sie sind jemand, der gern Enten guckt.
Stichwort: „… sind jemand, der gern Enten guckt.“
(Der ältere Mann faltet die Zeitung, steht auf, nickt den beiden zu und geht. Die Bank ist frei. Keiner von beiden bewegt sich.)
Dorothea
Er ist weg.
Stichwort: „Er ist weg.“
Jules
Ja.
Stichwort: „Ja.“
(Sie gehen zur Bank. Dorothea setzt sich an ihr Ende. Jules zögert, dann setzt Jules sich nicht ans andere Ende, sondern in die Mitte.)
Dorothea
(Sieht auf den Platz zwischen ihnen.) Ein Jahr. Und ich weiß nicht mal, wie Sie heißen.
Stichwort: „… weiß nicht mal, wie Sie heißen.“
Jules
Jules.
Stichwort: „Jules.“
Dorothea
Dorothea.
Stichwort: „Dorothea.“
Jules
(Nickt, sieht auf den Teich.) Die mit dem weißen Fleck heißt Ilse. Hab ich so beschlossen.
Stichwort: „… heißt Ilse. Hab ich so beschlossen.“
Dorothea
Ilse. Gut. (Pause.) Morgen bring ich ein zweites Croissant mit.
Stichwort: „… bring ich ein zweites Croissant mit.“
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
Ende der Szene

