Lips: „Armut is ohne Zweifel das Schrecklichste“

Monolog · Biedermeier & Vormärz · Prosa mit Wiener Färbung

Herr von Lips: Ich bin wirklich ein beneidenswerter Kerl, nur schad’, dass ich mich selber nicht beneid’!

aus Der Zerrissene (1844) von Johann Nestroy · I. Akt, 5. Auftritt

Originaltext · Der Zerrissene, Johann Nestroy (1844)Ausschnitt
Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 297 Wörter
Umfang
297 WörterAusschnitt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 30–55redaktionelle Einschätzung
Tonlage
gelangweiltkomisch
Sprache
Prosa mit Wiener Färbungbehutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Ein Saal in Lips’ Landhaus. Lips kommt allein aus dem Speisesalon, wo seine Gäste weiterfeiern.)

Armut is ohne Zweifel das Schrecklichste. Mir dürft’ einer 10 Millionen herlegen, und sagen, ich soll arm sein dafür, ich nehmet s’ nicht. Und was schaut anderseits beim Reichtum heraus? Auch wieder ein ödes abgeschmacktes Leben. Wenn einem kleinen Buben nix fehlt, und er is grantig, so gibt man ihm a paar Praker, und ’s is gut. Vielleicht helfet das bei mir auch, aber bei einem Bub’n in meinem Alter müssten die Schläg vom Schicksal ausgehn, und von da hab’ ich nix zu reskier’n. Meine Gelder liegen sicher, meine Häuser sind assekuriert, meine Realitäten sind nicht zum Stehlen – bin der einzige in meiner Familie, folglich kann mir kein teurer Angehöriger sterben, außer ich selber, und um mich werd’ ich mir auch d’ Haar nicht ausreißen, wenn ich einmal weg bin. – Für mich is also keine Hoffnung auf Aufrieglung, auf Impuls. – Jetzt hab’ ich Tafel g’habt, wenn ich nur wüsst’, wie ich bis zur nächsten Tafel d’ Zeit verbring’! – Mit Abenteuer? mit Spiel? – Das Spielen is nix für ein Reichen, wem ’s Verlieren nicht mehr weh tut, dem macht ’s Gewinnen auch kein’ Freud’! – Abenteuer? da muss ich lachen! für einen Reichen existieren keine Abenteuer. ’s Geld räumt zu leicht d’ Hindernisse auf die Seiten. Wo sollen da die Abenteuer herkommen? Man is und bleibt schon auf die faden Alletagsgenüsse reduziert, die man mit Hülfe der Freundschaft hinunterwürgt. Das is noch das Schönste, über Mangel an Freunden darf sich der Reiche nicht beklagen. Freunde hab’ ich, und das was für Freunde! den warmen Anteil, den sie nehmen, wenn s’ bei mir essen, das heiße Mitgefühl, wenn s’ mit mir zugleich einen Punschdusel kriegen, und die treue Anhänglichkeit! ob einer zum Losbringen wär’! – keine Möglichkeit! Ich bin wirklich ein beneidenswerter Kerl, nur schad’, dass ich mich selber nicht beneid’! –

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Lips beklagt sich auf sehr hohem Niveau. Die Komik entsteht aus dem Ernst, mit dem er seine Langeweile behandelt.
  • Der Abschnitt über die Freunde ist reine Ironie: Er weiß genau, dass sie Schmarotzer sind. Lass das Wissen unter dem Lob spürbar werden; siehe Subtext.
  • Nestroys Wiener Sprachfärbung („is“, „nix“, „g’habt“) gehört zur Figur. Übertreibe den Dialekt nicht; die Sätze sind sehr genau gebaut.
  • Das Auftrittslied davor ist nicht abgedruckt. Wenn du willst, kannst du mit seinem Refrain beginnen; der Monolog funktioniert auch allein.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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