Judith: „Gott, Gott! Mir ist, als müsst ich dich am Zipfel fassen“

Monolog · Biedermeier & Vormärz · Prosa

Judith: Der Weg zu meiner Tat geht durch die Sünde!

aus Judith (1840) von Friedrich Hebbel · III. Akt

Originaltext · Judith, Friedrich Hebbel (1840)ungekürzt
Dauer
ca. 4,5 Mingeschätzt, 559 Wörter
Umfang
559 Wörterungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 20–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
fieberndleidenschaftlich
Sprache
Prosabehutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Judiths Gemach in Bethulien. Die Stadt wird von Holofernes belagert. Die Magd Mirza ist gegangen; Judith ist allein.)

(Stürzt auf die Knie.)

Gott, Gott! Mir ist, als müsst ich dich am Zipfel fassen, wie einen, der mich auf ewig zu verlassen droht! Ich wollte nicht beten, aber ich muss beten, wie ich Odem schöpfen muss, wenn ich nicht ersticken soll! Gott! Gott! Warum neigst du dich nicht auf mich herab? Ich bin ja zu schwach, um zu dir empor zu klimmen! Sieh, hier lieg ich, wie außer der Welt und außer der Zeit; ich harre mit Angst eines Winkes von dir, der mich aufstehn und handeln heißt! Mit Frohlocken sah ichs, als die Gefahr uns nahe trat, denn mir war sie nichts, als ein Zeichen, dass du dich unter deinen Auserwählten verherrlichen wollest. Mit schaudernder Wonne erkannt ich, dass das, was mich erhob, alle andere zu Boden warf, denn mir kam es vor, als ob dein Finger gnadenvoll auf mich deutete, als ob dein Triumph von mir ausgehen solle! Mit Entzücken sah ichs, dass jener, dem ich das große Werk abtreten wollte, um in Demut das höchste Opfer zu bringen, sich davor feig und zitternd, wie ein Wurm, in dem Schlamm seiner Armseligkeit verkroch. »Du bists, du bists!« rief ich mir zu, und warf mich vor dir nieder und schwur mir mit einem teuren Eid, niemals wieder aufzustehen, oder erst dann, wenn du mir den Weg gezeigt, der zum Herzen des Holofernes führt. Ich lauschte in mich selbst hinein, weil ich glaubte, ein Blitz der Vernichtung müsse aus meiner Seele hervorspringen; ich horchte in die Welt hinaus, weil ich dachte: ein Held hat dich überflüssig gemacht; aber in mir und außer mir bleibts dunkel. Nur ein Gedanke kam mir, nur einer, mit dem ich spielte und der immer wiederkehrt; doch, der kam nicht von dir. Oder kam er von dir? – (Sie springt auf) Er kam von dir! Der Weg zu meiner Tat geht durch die Sünde! Dank, Dank dir, Herr! Du machst mein Auge hell. Vor dir wird das Unreine rein; wenn du zwischen mich und meine Tat eine Sünde stellst: wer bin ich, dass ich mit dir darüber hadern, dass ich mich dir entziehen sollte! Ist nicht meine Tat so viel wert, als sie mich kostet? Darf ich meine Ehre, meinen unbefleckten Leib mehr lieben, wie dich? O, es löst sich in mir, wie ein Knoten. Du machtest mich schön; jetzt weiß ich, wozu. Du versagtest mir ein Kind; jetzt fühl ich, warum, und freu mich, dass ich mein eigen Selbst nicht doppelt zu lieben hab. Was ich sonst für Fluch hielt, erscheint mir nun wie Segen! – (Sie tritt vor einen Spiegel) Sei mir gegrüßt, mein Bild! Schämt euch, Wangen, dass ihr noch nicht glüht; ist der Weg zwischen euch und dem Herzen so weit! Augen, ich lob euch, ihr habt Feuer getrunken und seid berauscht! Armer Mund, dir nehm ichs nicht übel, dass du bleich bist, du sollst das Entsetzen küssen. (Sie tritt vom Spiegel weg) Holofernes, dieses alles ist dein; ich habe keinen Teil mehr daran; ich hab mich tief in mein Innerstes zusammengezogen. Nimms, aber zittre, wenn du es hast; ich werde in einer Stunde, wo dus nicht denkst, aus mir herausfahren, wie ein Schwert aus der Scheide, und mich mit deinem Leben bezahlt machen! Muss ich dich küssen, so will ich mir einbilden, es geschieht mit vergifteten Lippen; wenn ich dich umarme, will ich denken, dass ich dich erwürge. Gott, lass ihn Gräuel begehen unter meinen Augen, blutige Gräuel, aber schütze mich, dass ich nichts Gutes von ihm sehe!

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Der Wendepunkt ist „Er kam von dir!“: Judith springt auf. Bis dahin liegt sie am Boden; plane den Weg vom Knien zum Stehen genau.
  • Hebbel zeigt, wie ein Mensch sich eine Rechtfertigung baut. Spiele die Erleichterung, aber lass den Zweifel darunter hörbar.
  • Der Spiegel ist ein eigener Abschnitt. Sie spricht ihre Wangen, Augen und den Mund an wie fremde Werkzeuge.
  • Die Prosa ist sehr bildhaft und lang. Teile sie in Gedankenschritte; siehe Szenenbeat.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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