Sigismund: „Denn ein Traum ist alles Leben“

Monolog · Barock · gereimte Achtsilber in Zehnzeilern (Übersetzung Johann Diederich Gries)

Sigismund: denn ein Traum ist alles Leben, und die Träume selbst ein Traum

aus Das Leben ein Traum (1635) von Pedro Calderón de la Barca · II. Aufzug, 19. Szene (Schluss)

Originaltext · Das Leben ein Traum, Pedro Calderón de la Barca (1635)ungekürzt
Dauer
ca. 2 Mingeschätzt, 213 Wörter
Umfang
40 Verseungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 18–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
grübelndleise & nachdenklich
Sprache
gereimte Achtsilber in Zehnzeilern (Übersetzung Johann Diederich Gries)behutsam modernisiert
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(Der Turm. Sigismund ist wieder in Ketten erwacht; man hat ihm gesagt, sein Tag als Herrscher sei ein Traum gewesen.)

  1. Dies ist Wahrheit; darum zäumen
  2. wollen wir den rauen Mut,
  3. diesen Ehrgeiz, diese Wut,
  4. wenn wir wieder einmal träumen.
  5. Wohl geschieht’s; denn in den Räumen
  6. dieser Wunderwelt ist eben
  7. nur ein Traum das ganze Leben;
  8. und der Mensch (das seh ich nun)
  9. träumt sein ganzes Sein und Tun,
  10. bis zuletzt die Träum entschweben.
  11. König sei er, träumt der König;
  12. und in diesen Wahn versenkt,
  13. herrscht, gebietet er und lenkt.
  14. Alles ist ihm untertänig;
  15. doch es bleibt davon ihm wenig,
  16. denn sein Glück verkehrt der Tod
  17. schnell in Staub (o bittre Not!);
  18. wen kann Herrschaft lüstern machen,
  19. der da weiß, dass ihm Erwachen
  20. in des Todes Traume droht?
  21. Auch der Reiche träumt; ihm zeigen
  22. Schätze sich, doch ohne Frieden.
  23. Auch der Arme träumt hienieden,
  24. er sei elend und leibeigen.
  25. Träumet, wer beginnt zu steigen;
  26. träumet, wer da sorgt und rennt;
  27. träumet, wer von Hass entbrennt;
  28. kurz, auf diesem Erdenballe
  29. träumen, was sie leben, alle,
  30. ob es keiner gleich erkennt.
  31. So auch träumt mir jetzt, ich sei
  32. hier gefangen und gebunden;
  33. und einst träumte mir von Stunden,
  34. da ich glücklich war und frei.
  35. Was ist Leben? Raserei!
  36. Was ist Leben? Hohler Schaum,
  37. ein Gedicht, ein Schatten kaum!
  38. Wenig kann das Glück uns geben;
  39. denn ein Traum ist alles Leben,
  40. und die Träume selbst ein Traum.

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Spielhinweise

  • Der Monolog ist ein Gedankengang, kein Lamento. Sigismund entdeckt Schritt für Schritt, dass sein Traum für alle Menschen gilt.
  • Gries folgt der spanischen Strophenform: zehn gereimte Achtsilber pro Strophe. Die Reime tragen; lass sie hören, ohne zu leiern.
  • Die Steigerung „Träumet, wer …“ ist eine Reihe. Gib jedem Glied eine neue Figur vor deinem inneren Auge.
  • Die letzten Verse sind berühmt. Sprich sie so, als hättest du sie gerade erst gefunden; siehe auch Überaufgabe.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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