Volumnia: „Nein, so geh nicht fort!“

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Blankvers (Übersetzung Dorothea Tieck)

Volumnia: Nein, so geh nicht fort!

aus Coriolanus (1608) von William Shakespeare · V. Aufzug, 3. Szene

Originaltext · Coriolanus, William Shakespeare (1608)ungekürzt
Dauer
ca. 4 Mingeschätzt, 399 Wörter
Umfang
54 Verseungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 45–70redaktionelle Einschätzung
Tonlage
forderndleidenschaftlich
Sprache
Blankvers (Übersetzung Dorothea Tieck)behutsam modernisiert
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(Das Lager der Volsker vor Rom. Coriolan ist aufgestanden, um zu gehen. Vor ihm stehen seine Mutter Volumnia, seine Frau Virgilia und sein kleiner Sohn.)

  1. Nein, so geh nicht fort!
  2. Zielt’ unsre Bitte nur dahin, die Römer
  3. Zu retten durch den Untergang der Volsker,
  4. Die deine Herrn, so möcht’st du uns verdammen
  5. Als Mörder deiner Ehre. – Nein, wir bitten,
  6. Dass beide du versöhnst; dann sagen einst
  7. Die Volsker: »Diese Gnad’ erwiesen wir«, –
  8. Die Römer: »Wir empfingen sie«; und jeder
  9. Gibt dir den Preis und ruft: »Gesegnet sei
  10. Für diesen Frieden!« – Großer Sohn, du weißt,
  11. Des Krieges Glück ist ungewiss; gewiss
  12. Ist dies, dass, wenn du Rom besiegst, der Lohn,
  13. Den du dir erntest, solch ein Name bleibt,
  14. Dem, wie er nun genannt wird, Flüche folgen.
  15. Dann schreibt die Chronik einst: »Der Mann war edel,
  16. Doch seine letzte Tat löscht’ alles aus,
  17. Verstört’ sein Vaterland; drum bleibt sein Name
  18. Ein Abscheu künft’gen Zeiten.« – Sprich zu mir!
  19. Der Ehre zart’ste Fod’rung war dein Streben,
  20. In ihrer Hoheit Göttern gleich zu sein:
  21. Den Luftraum mit dem Donner zu erschüttern,
  22. Und dann den Blitz mit einem Keil zu tauschen,
  23. Der nur den Eichbaum spaltet. Wie? nicht sprichst du? –
  24. Hältst du es würdig eines edlen Mannes,
  25. Sich stets der Kränkung zu erinnern? – Tochter,
  26. Sprich du: er achtet auf dein Weinen nicht. –
  27. Sprich du, mein Kind: –
  28. Vielleicht bewegt dein Kindsgeschwätz ihn mehr,
  29. Als unsre Rede mag. – Kein Mann auf Erden
  30. Verdankt der Mutter mehr; doch hier lässt er
  31. Mich schwatzen, wie ein Weib am Pranger. – Nie
  32. Im ganzen Leben gabst der lieben Mutter
  33. Du freundlich nach, wenn sie, die arme Henne,
  34. Nicht andrer Brut erfreut, zum Krieg dich gluckte,
  35. Und sicher heim, mit Ehren stets beladen. –
  36. Heiß’ ungerecht mein Flehn, und stoß’ mich weg;
  37. Doch ist das nicht, so bist nicht edel du,
  38. Und strafen werden dich die Götter, dass
  39. Du mir die Pflicht entziehst, die Müttern ziemt.
  40. Er kehrt sich ab! –
  41. Kniet nieder, Frau’n: beschäm’ ihn unser Knien!
  42. Dem Namen Coriolanus ziemt Verehrung,
  43. Nicht Mitleid unserm Flehn. – Kniet, sei’s das Letzte!
  44. Nun ist es aus – wir kehren heim nach Rom,
  45. Und sterben mit den Unsern. – Nein, sieh her!
  46. Dies Kind, nicht kann es sagen, was es meint;
  47. Doch kniet es, hebt die Händ’ empor mit uns,
  48. Spricht so der Bitte Recht mit größrer Kraft,
  49. Als du zu weigern hast. – Kommt, lasst uns gehn:
  50. Der Mensch hat eine Volskerin zur Mutter,
  51. Sein Weib ist in Corioli, dies Kind
  52. Gleicht ihm durch Zufall. – So sind wir entlassen!
  53. Still bin ich, bis die Stadt in Flammen steht,
  54. Dann sag’ ich etwas noch.

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Spielhinweise

  • Volumnia setzt nacheinander alle Mittel ein: Vernunft, Ehre, Schuldgefühl, das Kind, den Abschied. Jeder Wechsel ist ein neuer Versuch, weil der vorige nicht gewirkt hat.
  • Coriolan antwortet nicht. Spiele sein Schweigen mit: Jede Pause ist eine Reaktion auf etwas, das du an ihm siehst.
  • Der Kniefall ist eine Handlung, kein Bild. Wenn du allein spielst, entscheide, wem du ihn befiehlst und ob du selbst kniest.
  • Der Schluss („Still bin ich, bis die Stadt in Flammen steht“) ist ihr stärkster Trumpf: der Rückzug. Spiele ihn ganz ruhig. Zum Vorgehen in langen Überzeugungsreden siehe Spielziel.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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