Miranda und Ferdinand: „Ich bin Eu’r Weib, wenn Ihr mich haben wollt“

Dialog · 2 Personen · Renaissance & Shakespeare · Blankvers (Übersetzung Schlegel)

Miranda und Ferdinand: Ich bin Eu’r Weib, wenn Ihr mich haben wollt, sonst sterb’ ich Eure Magd

aus Der Sturm (1611) von William Shakespeare · III. Aufzug, 1. Szene

Originaltext · Der Sturm, William Shakespeare (1611)eingerichtet
Dauer
ca. 6,5 Mingeschätzt, 715 Wörter
Umfang
111 VerseFerdinand · Miranda
Figur
w + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 15–28redaktionelle Einschätzung
Tonlage
zärtlichleise & nachdenklich
Sprache
Blankvers (Übersetzung Schlegel)behutsam modernisiert
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(Vor Prosperos Zelle. Prospero hat Ferdinand, den schiffbrüchigen Prinzen von Neapel, zum Holztragen verurteilt. Ferdinand, ein Scheit Holz tragend.)

Ferdinand

  1. Es gibt müh’volle Spiele, und die Arbeit
  2. Erhöht die Lust dran; mancher schnöde Dienst
  3. Wird rühmlich übernommen, und das Ärmste
  4. Führt zu dem reichsten Ziel. Dies niedre Tagwerk
  5. Wär’ so beschwerlich als verhasst mir; doch
  6. Die Herrin, der ich dien’, erweckt das Tote
  7. Und macht die Müh’n zu Freuden. Oh, sie ist
  8. Zehnfach so freundlich als ihr Vater rau,
  9. Und er besteht aus Härte. Schleppen muss ich
  10. Und schichten ein paar tausend dieser Klötze,
  11. Bei schwerer Strafe: meine süße Herrin
  12. Weint, wenn sie’s sieht, und sagt, so knecht’scher Dienst
  13. Fand nimmer solchen Täter. Ich vergesse;
  14. Doch diese lieblichen Gedanken laben
  15. Die Arbeit selbst; ich bin am müßigsten,
  16. Wann ich sie tue.

Stichwort: „… am müßigsten, Wann ich sie tue.“

(Miranda kommt. Prospero in einiger Entfernung.)

Miranda

  1. Ach, ich bitte, plagt
  2. Euch nicht so sehr! Ich wollte, dass der Blitz
  3. Das Holz verbrannt, das Ihr zu schichten habt.
  4. Legt ab und ruht Euch aus! Wenn dies hier brennt,
  5. Wird’s weinen, dass es Euch beschwert. Mein Vater
  6. Steckt tief in Büchern: Bitte, ruht Euch aus!
  7. Ihr seid vor ihm jetzt auf drei Stunden sicher.

Stichwort: „… ihm jetzt auf drei Stunden sicher.“

Ferdinand

  1. O teuerste Gebieterin! die Sonne
  2. Wird untergehn, eh’ ich vollbringen kann,
  3. Was ich doch muss.

Stichwort: „… vollbringen kann, Was ich doch muss.“

Miranda

  1. Wenn Ihr Euch setzen wollt,
  2. Trag’ ich indes die Klötze. Gebt mir den!
  3. Ich bring’ ihn hin.

Stichwort: „… mir den! Ich bring’ ihn hin.“

Ferdinand

  1. Nein, köstliches Geschöpf!
  2. Eh’ sprengt’ ich meine Sehnen, bräch’ den Rücken,
  3. Als dass Ihr solcher Schmach Euch unterzögt,
  4. Und ich säh’ träge zu.

Stichwort: „… unterzögt, Und ich säh’ träge zu.“

Miranda

  1. Es stände mir
  2. So gut wie Euch, und ich verrichtet’ es
  3. Weit leichter, denn mich treibt mein guter Wille,
  4. Und Euerm ist’s zuwider.

Stichwort: „… guter Wille, Und Euerm ist’s zuwider.“

[…]

Miranda

  1. Ihr seht ermüdet aus.

Stichwort: „Ihr seht ermüdet aus.“

Ferdinand

  1. Nein, edle Herrin,
  2. Bei mir ist’s früher Morgen, wenn Ihr mir
  3. Am Abend nah seid. Ich ersuche Euch
  4. (Hauptsächlich, um Euch im Gebet zu nennen),
  5. Wie heißet Ihr?

Stichwort: „… Gebet zu nennen), Wie heißet Ihr?“

Miranda

  1. Miranda. – O mein Vater!
  2. Ich hab’ Eu’r Wort gebrochen, da ich’s sagte.

Stichwort: „… Eu’r Wort gebrochen, da ich’s sagte.“

Ferdinand

  1. Bewunderte Miranda! In der Tat
  2. Der Gipfel der Bewund’rung; was die Welt
  3. Am höchsten achtet, wert! Gar manches Fräulein
  4. Betrachtet’ ich mit Fleiß, und manches Mal
  5. Bracht’ ihrer Zungen Harmonie in Knechtschaft
  6. Mein allzu emsig Ohr; um andre Gaben
  7. Gefielen andre Frau’n mir; keine je
  8. So ganz von Herzen, dass ein Fehl in ihr
  9. Nicht haderte mit ihrem schönsten Reiz
  10. Und überwältigt’ ihn: doch Ihr, oh, Ihr,
  11. So ohnegleichen, so vollkommen, seid
  12. Vom besten jegliches Geschöpfs erschaffen.

Stichwort: „… seid Vom besten jegliches Geschöpfs erschaffen.“

Miranda

  1. Vom eigenen Geschlechte kenn’ ich niemand,
  2. Erinn’re mir kein weibliches Gesicht,
  3. Als meines nur im Spiegel; und ich sah
  4. Nicht mehre, die ich Männer nennen könnte,
  5. Als Euch, mein Guter, und den teuern Vater.
  6. Was für Gesichter anderswo es gibt,
  7. Ist unbewusst mir; doch bei meiner Sittsamkeit,
  8. Dem Kleinod meiner Mitgift! wünsch’ ich keinen
  9. Mir zum Gefährten in der Welt als Euch,
  10. Noch kann die Einbildung ein Wesen schaffen,
  11. Das ihr gefiele, außer Euch. Allein
  12. Ich plaudre gar zu wild und achte darin
  13. Des Vaters Vorschrift nicht.

Stichwort: „… achte darin Des Vaters Vorschrift nicht.“

Ferdinand

  1. Ich bin nach meinem Stand
  2. Ein Prinz, Miranda, ja ich denk’, ein König –
  3. (Wär’ ich’s doch nicht!), – und trüg’ so wenig wohl
  4. Hier diese hölzerne Leibeigenschaft,
  5. Als ich von einer Fliege mir den Mund
  6. Zerstechen ließ’. – Hört meine Seele reden!
  7. Den Augenblick, da ich Euch sahe, flog
  8. Mein Herz in Euern Dienst; da wohnt es nun,
  9. Um mich zum Knecht zu machen: Euretwegen
  10. Bin ich ein so geduld’ger Tagelöhner.

Stichwort: „… Bin ich ein so geduld’ger Tagelöhner.“

Miranda

  1. Liebt Ihr mich?

Stichwort: „Liebt Ihr mich?“

Ferdinand

  1. O Erd’, o Himmel! zeuget diesem Laut
  2. Und krönt mit günst’gem Glück, was ich beteure,
  3. Red’ ich die Wahrheit; red’ ich falsch, so kehrt
  4. Die beste Vorbedeutung mir in Unglück!
  5. Weit über alles, was die Welt sonst hat,
  6. Lieb’ ich und acht’ und ehr’ Euch.

Stichwort: „… ich und acht’ und ehr’ Euch.“

Miranda

  1. Ich bin töricht,
  2. Zu weinen über etwas, das mich freut.

Stichwort: „… weinen über etwas, das mich freut.“

[…]

Ferdinand

  1. Warum weint Ihr?

Stichwort: „Warum weint Ihr?“

Miranda

  1. Um meinen Unwert, dass ich nicht darf bieten,
  2. Was ich zu geben wünsche; noch viel minder,
  3. Wonach ich tot mich sehnen werde, nehmen.
  4. Doch das heißt Tändeln, und je mehr es sucht
  5. Sich zu verbergen, um so mehr erscheint’s
  6. In seiner ganzen Macht. Fort, blöde Schlauheit!
  7. Führ’ du das Wort mir, schlichte, heil’ge Unschuld!
  8. Ich bin Eu’r Weib, wenn Ihr mich haben wollt,
  9. Sonst sterb’ ich Eure Magd; Ihr könnt mir’s weigern,
  10. Gefährtin Euch zu sein, doch Dienerin
  11. Will ich Euch sein: Ihr wollet oder nicht.

Stichwort: „… Euch sein: Ihr wollet oder nicht.“

Ferdinand

  1. Geliebte, Herrin, und auf immer ich
  2. So untertänig!

Stichwort: „… und auf immer ich So untertänig!“

Miranda

  1. Mein Gatte denn?

Stichwort: „Mein Gatte denn?“

Ferdinand

  1. Ja, mit so will’gem Herzen,
  2. Als Dienstbarkeit sich je zur Freiheit wandte.
  3. Hier habt Ihr meine Hand!

Stichwort: „… wandte. Hier habt Ihr meine Hand!“

Miranda

  1. Und Ihr die meine,
  2. Mit meinem Herzen drin; und nun lebt wohl
  3. Auf eine halbe Stunde!

Stichwort: „… lebt wohl Auf eine halbe Stunde!“

Ferdinand

  1. Tausend, tausendmal!

Stichwort: „Tausend, tausendmal!“

(Beide ab.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Miranda kennt keine Koketterie. Sie sagt, was sie fühlt, und erschrickt manchmal selbst darüber („Ich plaudre gar zu wild“).
  • Ferdinand spricht in höfischen Bildern; Miranda antwortet einfach. Dieser Unterschied im Sprachregister macht die Szene.
  • Der Holzklotz ist eine Requisite für die ganze Szene: Wer trägt ihn, wer nimmt ihn ab, wo wird er abgelegt?
  • Prosperos Bemerkungen aus dem Hintergrund sind gestrichen und mit […] markiert. Die beiden wissen nicht, dass sie beobachtet werden.

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Vorsprech-Set

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