Titania und Oberon: „Schlimm treffen wir bei Mondenlicht“

Dialog · 2 Personen · Renaissance & Shakespeare · Blankvers (Übersetzung Schlegel)

Titania und Oberon: Schlimm treffen wir bei Mondenlicht, du stolze Titania!

aus Ein Sommernachtstraum (1595) von William Shakespeare · II. Aufzug, 1. Szene

Originaltext · Ein Sommernachtstraum, William Shakespeare (1595)Ausschnitt
Dauer
ca. 6 Mingeschätzt, 648 Wörter
Umfang
96 VerseOberon · Titania
Figur
w + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 20–55redaktionelle Einschätzung
Tonlage
eifersüchtigleidenschaftlich
Sprache
Blankvers (Übersetzung Schlegel)behutsam modernisiert
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(Ein Wald bei Athen. Nacht. Oberon mit seinem Gefolge von der einen, Titania mit dem ihren von der anderen Seite.)

Oberon

  1. Schlimm treffen wir bei Mondenlicht, du stolze Titania!

Stichwort: „… wir bei Mondenlicht, du stolze Titania!“

Titania

  1. Wie? Oberon ist hier,
  2. Der Eifersücht’ge? Elfen, schlüpft von hinnen,
  3. Denn ich verschwor sein Bett und sein Gespräch.

Stichwort: „… verschwor sein Bett und sein Gespräch.“

Oberon

  1. Vermessne, halt! Bin ich nicht dein Gemahl?

Stichwort: „… halt! Bin ich nicht dein Gemahl?“

Titania

  1. So muss ich wohl dein Weib sein; doch ich weiß
  2. Die Zeit, dass du dich aus dem Feenland
  3. Geschlichen, tagelang als Corydon
  4. Gesessen, spielend auf dem Haberrohr,
  5. Und Minne der verliebten Phyllida
  6. Gesungen hast. – Und warum kommst du jetzt
  7. Von Indiens entferntestem Gebirg’,
  8. Als weil – ei denkt doch! – weil die Amazone,
  9. Die strotzende, hochaufgeschürzte Dame,
  10. Dein Heldenliebchen, sich vermählen will?
  11. Da kommst du denn, um ihrem Bette Heil
  12. Und Segen zu verleihn.

Stichwort: „… Bette Heil Und Segen zu verleihn.“

Oberon

  1. Titania,
  2. Wie kannst du dich vermessen, anzuspielen
  3. Auf mein Verständnis mit Hippolyta?
  4. Da du doch weißt, ich kenne deine Liebe
  5. Zum Theseus? Locktest du im Dämmerlichte
  6. Der Nacht ihn nicht von Perigunen weg,
  7. Die er vorher geraubt? Warst du nicht schuld,
  8. Dass er der schönen Ägle Treue brach,
  9. Der Ariadne und Antiopa?

Stichwort: „… Treue brach, Der Ariadne und Antiopa?“

Titania

  1. Das sind die Grillen deiner Eifersucht!
  2. Und nie, seit jenem Sommer, trafen wir
  3. Auf Hügeln noch im Tal, in Wald noch Wiese,
  4. Am Kieselbrunnen, am beschilften Bach,
  5. Noch an des Meeres Klippenstrand uns an,
  6. Und tanzten Ringel nach des Windes Pfeifen,
  7. Dass dein Gezänk uns nicht die Lust verdarb.
  8. Drum sog der Wind, der uns vergeblich pfiff,
  9. Als wie zur Rache, böse Nebel auf
  10. Vom Grund des Meers; die fielen auf das Land,
  11. Und machten jeden winz’gen Bach so stolz,
  12. Dass er des Bettes Dämme niederriss.
  13. Drum schleppt der Stier sein Joch umsonst, der Pflüger
  14. Vergeudet seinen Schweiß, das grüne Korn
  15. Verfault, eh’ seine Jugend Bart gewinnt.
  16. Leer steht die Hürd’ auf der ersäuften Flur,
  17. Und Krähen prassen in der siechen Herde.
  18. Verschlämmt vom Leime liegt die Kegelbahn;
  19. Unkennbar sind die art’gen Labyrinthe
  20. Im muntern Grün, weil niemand sie betritt.
  21. Den Menschenkindern fehlt die Winterlust;
  22. Kein Sang noch Jubel macht die Nächte froh.
  23. Drum hat der Mond, der Fluten Oberherr,
  24. Vor Zorne bleich, die ganze Luft gewaschen
  25. Und fieberhafter Flüsse viel erzeugt.
  26. Durch eben die Zerrüttung wandeln sich
  27. Die Jahreszeiten: silberhaar’ger Frost
  28. Fällt in den zarten Schoß der Purpurrose;
  29. Indes ein würz’ger Kranz von Sommerknospen
  30. Auf Hiems’ Kinn und der beeisten Scheitel
  31. Als wie zum Spotte prangt. Der Lenz, der Sommer,
  32. Der zeitigende Herbst, der zorn’ge Winter,
  33. Sie alle tauschen die gewohnte Tracht,
  34. Und die erstaunte Welt erkennt nicht mehr
  35. An ihrer Frucht und Art, wer jeder ist.
  36. Und diese ganze Brut von Plagen kommt
  37. Von unserm Streit, von unserm Zwiespalt her;
  38. Wir sind davon die Stifter und Erzeuger.

Stichwort: „… sind davon die Stifter und Erzeuger.“

Oberon

  1. So hilf dem ab! Es liegt an dir. Warum
  2. Kränkt ihren Oberon Titania?
  3. Ich bitte nur ein kleines Wechselkind
  4. Zum Edelknaben.

Stichwort: „… nur ein kleines Wechselkind Zum Edelknaben.“

Titania

  1. Gib dein Herz zur Ruh’!
  2. Das Feenland kauft mir dies Kind nicht ab.
  3. Denn seine Mutter war aus meinem Orden,
  4. Und hat in Indiens gewürzter Luft
  5. Gar oft mit mir die Nächte weggeschwatzt.
  6. Wir saßen auf Neptunus’ gelbem Sand,
  7. Sahn nach den Handelsschiffen auf der Flut,
  8. Und lachten, wenn vom üpp’gen Spiel des Windes
  9. Der Segel schwangrer Leib zu schwellen schien.
  10. Dies ahmte sie, mit kleinen Schritten wankend
  11. (Ihr Leib trug damals meinen kleinen Junker),
  12. Aus Torheit nach, und segelt’ auf dem Lande
  13. Nach Spielereien aus, und kehrte, reich
  14. An Ware, wie von einer Reise heim.
  15. Doch sie, ein sterblich Weib, starb an dem Kinde,
  16. Und ihr zu Lieb’ erzieh’ ich nun das Kind,
  17. Und ihr zu Liebe geb’ ich es nicht weg.

Stichwort: „… Liebe geb’ ich es nicht weg.“

Oberon

  1. Wie lange denkt Ihr hier im Hain zu weilen?

Stichwort: „… Ihr hier im Hain zu weilen?“

Titania

  1. Vielleicht bis nach des Theseus Hochzeitfest.
  2. Wollt Ihr in unsern Ringen ruhig tanzen
  3. Und unsre lust’gen Mondscheinspiele sehn,
  4. So kommt mit uns! Wo nicht: vermeidet mich,
  5. Und ich will nie mich nahen, wo Ihr haust.

Stichwort: „… nie mich nahen, wo Ihr haust.“

Oberon

  1. Gib mir das Kind, so will ich mit dir gehn.

Stichwort: „… so will ich mit dir gehn.“

Titania

  1. Nicht um dein Königreich. – Ihr Elfen, fort mit mir;
  2. Denn Zank erhebt sich, weil’ ich länger hier.

Stichwort: „… erhebt sich, weil’ ich länger hier.“

(Mit ihrem Gefolge ab.)

Oberon

  1. Gut, zieh’ nur hin! Du sollst aus diesem Walde
  2. Nicht eher, bis du mir den Trotz gebüßt.

Stichwort: „… bis du mir den Trotz gebüßt.“

[…]

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Spielhinweise

  • Ein Ehestreit auf königlicher Ebene: Beide werfen sich alte Liebschaften vor. Spielt den Status zweier Mächtiger, die keinen Millimeter weichen.
  • Titanias große Rede ist eine Beschreibung der verdorbenen Jahreszeiten. Sie erzählt nicht über das Wetter, sondern über die Ehe.
  • Die Geschichte vom Kind zeigt, warum Titania nicht nachgibt: Treue zu einer Freundin. Danach ist jede Verhandlung zwecklos.
  • Oberons Schluss ist gekürzt und mit […] markiert; im Stück plant er danach seine Rache mit dem Zaubersaft. Geeignet für Szenenstudium und Unterricht.

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