Cassius und Brutus: „Nicht durch die Schuld der Sterne“

Dialog · 2 Personen · Renaissance & Shakespeare · Blankvers (Übersetzung Schlegel)

Cassius und Brutus: Nicht durch die Schuld der Sterne, lieber Brutus, durch eigne Schuld nur sind wir Schwächlinge.

aus Julius Cäsar (1599) von William Shakespeare · I. Aufzug, 2. Szene

Originaltext · Julius Cäsar, William Shakespeare (1599)Ausschnitt
Dauer
ca. 9 Mingeschätzt, 937 Wörter
Umfang
129 VerseCassius · Brutus
Figur
m + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 25–60redaktionelle Einschätzung
Tonlage
lauerndernst & dramatisch
Sprache
Blankvers (Übersetzung Schlegel)behutsam modernisiert
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(Rom, ein öffentlicher Platz. Cäsar ist mit seinem Gefolge zum Wettlauf gegangen. Brutus und Cassius bleiben zurück.)

Cassius

  1. Sagt, Brutus, könnt Ihr Euer Antlitz sehn?

Stichwort: „… Brutus, könnt Ihr Euer Antlitz sehn?“

Brutus

  1. Nein, Cassius, denn das Auge sieht sich nicht,
  2. Als nur im Widerschein, durch andre Dinge.

Stichwort: „… nur im Widerschein, durch andre Dinge.“

Cassius

  1. So ist’s:
  2. Und man beklagt sich sehr darüber, Brutus,
  3. Dass Ihr nicht solche Spiegel habt, die Euren
  4. Verborgnen Wert Euch in die Augen rückten,
  5. Auf dass Ihr Euren Schatten säht. Ich hörte,
  6. Wie viele von den ersten Männern Roms
  7. (Nur Cäsarn nehm’ ich aus), vom Brutus redend,
  8. Und seufzend unter dieser Zeiten Joch,
  9. Dem edlen Brutus ihre Augen wünschten.

Stichwort: „… Dem edlen Brutus ihre Augen wünschten.“

Brutus

  1. Auf welche Wege, Cassius, lockt Ihr mich,
  2. Dass Ihr mich heißt in meinem Innern suchen,
  3. Was doch nicht in mir ist?

Stichwort: „… Was doch nicht in mir ist?“

Cassius

  1. Drum, lieber Brutus, schickt Euch an zu hören.
  2. Und weil Ihr wisst, Ihr könnt Euch selbst so gut
  3. Nicht sehn als durch den Widerschein, so will
  4. Ich, Euer Spiegel, Euch bescheidentlich
  5. Von Euch entdecken, was Ihr noch nicht wisst.
  6. Und denkt von mir kein Arges, werter Brutus:
  7. Wär’ ich ein Lacher aus der Menge; pflegt’ ich
  8. Mein Herz durch Alltagsschwüre jedem neuen
  9. Beteurer auszubieten; wenn Ihr wisst,
  10. Dass ich die Menschen streichle, fest sie herze,
  11. Und dann sie lästre; oder wenn Ihr wisst,
  12. Dass ich beim Schmaus mich mit der ganzen Schar
  13. Verbrüdern mag, – dann hütet Euch vor mir!

Stichwort: „… – dann hütet Euch vor mir!“

(Trompeten und Freudengeschrei.)

Brutus

  1. Was heißt dies Jauchzen? Wie ich fürchte, wählt
  2. Das Volk zum König Cäsarn.

Stichwort: „… wählt Das Volk zum König Cäsarn.“

Cassius

  1. Fürchtet Ihr’s?
  2. Das hieße ja, Ihr möchtet es nicht gern.

Stichwort: „… ja, Ihr möchtet es nicht gern.“

Brutus

  1. Nein, Cassius, nicht gern; doch lieb’ ich ihn.
  2. Doch warum haltet Ihr mich hier so lange?
  3. Was ist es, das Ihr mir vertrauen möchtet?
  4. Ist’s etwas, dienlich zum gemeinen Wohl,
  5. Stellt Ehre vor ein Auge, Tod vors andre,
  6. Und beide seh’ ich gleiches Mutes an.
  7. Die Götter sei’n mir günstig, wie ich mehr
  8. Die Ehre lieb’, als vor dem Tod mich scheue!

Stichwort: „… als vor dem Tod mich scheue!“

Cassius

  1. Ich weiß, dass diese Tugend in Euch wohnt,
  2. So gut ich Euer äußres Ansehn kenne.
  3. Wohl! Ehre ist der Inhalt meiner Rede.
  4. Ich weiß es nicht, wie Ihr und andre Menschen
  5. Von diesem Leben denkt; mir, für mich selbst,
  6. Wär’ es so lieb, nicht da sein, als zu leben
  7. In Furcht vor einem Wesen wie ich selbst.
  8. Ich kam wie Cäsar frei zur Welt, so Ihr;
  9. Wir nährten uns so gut, wir können beide
  10. So gut wie er des Winters Frost ertragen.
  11. Denn einst, an einem rauen stürm’schen Tage,
  12. Als wild die Tiber an ihr Ufer tobte,
  13. Sprach Cäsar zu mir: »Wagst du, Cassius, nun,
  14. Mit mir zu springen in die zorn’ge Flut
  15. Und bis dorthin zu schwimmen?« – Auf dies Wort,
  16. Bekleidet, wie ich war, stürzt’ ich hinein,
  17. Und hieß ihn folgen; wirklich tat er’s auch.
  18. Der Strom brüllt’ auf uns ein; wir schlugen ihn
  19. Mit wackern Sehnen, warfen ihn beiseit’,
  20. Und hemmten ihn mit einer Brust des Trotzes.
  21. Doch eh’ wir das gewählte Ziel erreicht,
  22. Rief Cäsar: »Hilf mir, Cassius! Ich sinke!«
  23. Ich, wie Äneas, unser großer Ahn,
  24. Aus Trojas Flammen einst auf seinen Schultern
  25. Den alten Vater trug, so aus den Wellen
  26. Zog ich den müden Cäsar. – Und der Mann
  27. Ist nun zum Gott erhöht, und Cassius ist
  28. Ein arm Geschöpf, und muss den Rücken beugen,
  29. Nickt Cäsar nur nachlässig gegen ihn.
  30. Als er in Spanien war, hatt’ er ein Fieber,
  31. Und wenn der Schau’r ihn ankam, merkt’ ich wohl
  32. Sein Beben: ja, er bebte, dieser Gott!
  33. Das feige Blut der Lippen nahm die Flucht,
  34. Sein Auge, dessen Blick die Welt bedräut,
  35. Verlor den Glanz, und ächzen hört’ ich ihn.
  36. Ja, dieser Mund, der horchen hieß die Römer
  37. Und in ihr Buch einzeichnen seine Reden,
  38. Ach, rief: »Titinius! Gib mir zu trinken!«,
  39. Wie ’n krankes Mädchen. Götter! ich erstaune,
  40. Wie nur ein Mann so schwächlicher Natur
  41. Der stolzen Welt den Vorsprung abgewann
  42. Und nahm die Palm’ allein.

Stichwort: „… abgewann Und nahm die Palm’ allein.“

(Jubelgeschrei. Trompeten.)

Brutus

  1. Ein neues Jauchzen!
  2. Ich glaube, dieser Beifall gilt die Ehren,
  3. Die man auf Cäsars Haupt von neuem häuft.

Stichwort: „… auf Cäsars Haupt von neuem häuft.“

Cassius

  1. Ja, er beschreitet, Freund, die enge Welt
  2. Wie ein Colossus, und wir kleinen Leute,
  3. Wir wandeln unter seinen Riesenbeinen
  4. Und schaun umher nach einem schnöden Grab.
  5. Der Mensch ist manchmal seines Schicksals Meister:
  6. Nicht durch die Schuld der Sterne, lieber Brutus,
  7. Durch eigne Schuld nur sind wir Schwächlinge.
  8. Brutus und Cäsar – was steckt doch in dem Cäsar,
  9. Dass man den Namen mehr als Euren spräche?
  10. Schreibt sie zusammen: ganz so schön ist Eurer;
  11. Sprecht sie: er steht den Lippen ganz so wohl;
  12. Wägt sie: er ist so schwer; beschwört mit ihnen:
  13. Brutus ruft Geister auf so schnell wie Cäsar.
  14. (Jubelgeschrei)
  15. (Nun denn, im Namen der gesamten Götter,
  16. Mit was für Speise nährt der Cäsar sich,
  17. Dass er so groß ward? Zeit, du bist entehrt!
  18. Rom, du verlorst die Kraft des Heldenstamms!
  19. Welch Alter schwand wohl seit der großen Flut,
  20. Das nicht geglänzt durch mehr als einen Mann?
  21. Wer sagte jemals wenn er sprach von Rom
  22. Es fass’ ihr weiter Kreis nur einen Mann?)
  23. Nun ist in Rom fürwahr des Raums genug:
  24. Find’t man darin nur einen einz’gen Mann.
  25. Oh, beide hörten wir von unsern Vätern,
  26. Einst gab es einen Brutus, der so gern
  27. Des alten Teufels Hof als einen König
  28. Geduldet hätt’ in Rom.

Stichwort: „… einen König Geduldet hätt’ in Rom.“

Brutus

  1. Dass Ihr mich liebt, bezweifl’ ich keineswegs;
  2. Worauf Ihr bei mir dringt, das ahnd’ ich wohl;
  3. Was ich davon gedacht und von den Zeiten,
  4. Erklär’ ich Euch in Zukunft. Doch für jetzt
  5. Möcht’ ich, wenn ich Euch freundlich bitten darf,
  6. Nicht mehr getrieben sein. Was Ihr gesagt,
  7. Will ich erwägen; was Ihr habt zu sagen,
  8. Mit Ruhe hören, und gelegne Zeit,
  9. So hohe Dinge zu besprechen, finden.
  10. Bis dahin, edler Freund, beherzigt dies:
  11. Brutus wär’ lieber eines Dorfs Bewohner,
  12. Als sich zu zählen zu den Söhnen Roms
  13. In solchem harten Stand, wie diese Zeit
  14. Uns aufzulegen droht.

Stichwort: „… wie diese Zeit Uns aufzulegen droht.“

Cassius

  1. Ich bin erfreut, dass meine schwachen Worte
  2. Dem Brutus so viel Funken nur entlockt.

Stichwort: „… Brutus so viel Funken nur entlockt.“

(Cäsar und sein Zug kommen zurück.)

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Spielhinweise

  • Cassius führt das Gespräch. Er schmeichelt, erzählt, spottet, wartet. Jede Taktik (Spielhandlung) hat ein Ziel: Brutus soll den Gedanken selbst fassen.
  • Brutus sagt viel weniger, als er denkt. Sein Subtext ist die eigentliche Szene.
  • Die beiden Geschichten von Cäsar (im Tiber, im Fieber) sind kleine Berichte, die einen Gott zum Menschen machen.
  • Die Klammern stehen so in der Vorlage. Die Rufe und Trompeten aus der Ferne sind Regieanweisungen, die den Rhythmus der Szene setzen.

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