(Rom, ein öffentlicher Platz. Cäsar ist mit seinem Gefolge zum Wettlauf gegangen. Brutus und Cassius bleiben zurück.)
Cassius
- Sagt, Brutus, könnt Ihr Euer Antlitz sehn?
Stichwort: „… Brutus, könnt Ihr Euer Antlitz sehn?“
Brutus
- Nein, Cassius, denn das Auge sieht sich nicht,
- Als nur im Widerschein, durch andre Dinge.
Stichwort: „… nur im Widerschein, durch andre Dinge.“
Cassius
- So ist’s:
- Und man beklagt sich sehr darüber, Brutus,
- Dass Ihr nicht solche Spiegel habt, die Euren
- Verborgnen Wert Euch in die Augen rückten,
- Auf dass Ihr Euren Schatten säht. Ich hörte,
- Wie viele von den ersten Männern Roms
- (Nur Cäsarn nehm’ ich aus), vom Brutus redend,
- Und seufzend unter dieser Zeiten Joch,
- Dem edlen Brutus ihre Augen wünschten.
Stichwort: „… Dem edlen Brutus ihre Augen wünschten.“
Brutus
- Auf welche Wege, Cassius, lockt Ihr mich,
- Dass Ihr mich heißt in meinem Innern suchen,
- Was doch nicht in mir ist?
Stichwort: „… Was doch nicht in mir ist?“
Cassius
- Drum, lieber Brutus, schickt Euch an zu hören.
- Und weil Ihr wisst, Ihr könnt Euch selbst so gut
- Nicht sehn als durch den Widerschein, so will
- Ich, Euer Spiegel, Euch bescheidentlich
- Von Euch entdecken, was Ihr noch nicht wisst.
- Und denkt von mir kein Arges, werter Brutus:
- Wär’ ich ein Lacher aus der Menge; pflegt’ ich
- Mein Herz durch Alltagsschwüre jedem neuen
- Beteurer auszubieten; wenn Ihr wisst,
- Dass ich die Menschen streichle, fest sie herze,
- Und dann sie lästre; oder wenn Ihr wisst,
- Dass ich beim Schmaus mich mit der ganzen Schar
- Verbrüdern mag, – dann hütet Euch vor mir!
Stichwort: „… – dann hütet Euch vor mir!“
(Trompeten und Freudengeschrei.)
Brutus
- Was heißt dies Jauchzen? Wie ich fürchte, wählt
- Das Volk zum König Cäsarn.
Stichwort: „… wählt Das Volk zum König Cäsarn.“
Cassius
- Fürchtet Ihr’s?
- Das hieße ja, Ihr möchtet es nicht gern.
Stichwort: „… ja, Ihr möchtet es nicht gern.“
Brutus
- Nein, Cassius, nicht gern; doch lieb’ ich ihn.
- Doch warum haltet Ihr mich hier so lange?
- Was ist es, das Ihr mir vertrauen möchtet?
- Ist’s etwas, dienlich zum gemeinen Wohl,
- Stellt Ehre vor ein Auge, Tod vors andre,
- Und beide seh’ ich gleiches Mutes an.
- Die Götter sei’n mir günstig, wie ich mehr
- Die Ehre lieb’, als vor dem Tod mich scheue!
Stichwort: „… als vor dem Tod mich scheue!“
Cassius
- Ich weiß, dass diese Tugend in Euch wohnt,
- So gut ich Euer äußres Ansehn kenne.
- Wohl! Ehre ist der Inhalt meiner Rede.
- Ich weiß es nicht, wie Ihr und andre Menschen
- Von diesem Leben denkt; mir, für mich selbst,
- Wär’ es so lieb, nicht da sein, als zu leben
- In Furcht vor einem Wesen wie ich selbst.
- Ich kam wie Cäsar frei zur Welt, so Ihr;
- Wir nährten uns so gut, wir können beide
- So gut wie er des Winters Frost ertragen.
- Denn einst, an einem rauen stürm’schen Tage,
- Als wild die Tiber an ihr Ufer tobte,
- Sprach Cäsar zu mir: »Wagst du, Cassius, nun,
- Mit mir zu springen in die zorn’ge Flut
- Und bis dorthin zu schwimmen?« – Auf dies Wort,
- Bekleidet, wie ich war, stürzt’ ich hinein,
- Und hieß ihn folgen; wirklich tat er’s auch.
- Der Strom brüllt’ auf uns ein; wir schlugen ihn
- Mit wackern Sehnen, warfen ihn beiseit’,
- Und hemmten ihn mit einer Brust des Trotzes.
- Doch eh’ wir das gewählte Ziel erreicht,
- Rief Cäsar: »Hilf mir, Cassius! Ich sinke!«
- Ich, wie Äneas, unser großer Ahn,
- Aus Trojas Flammen einst auf seinen Schultern
- Den alten Vater trug, so aus den Wellen
- Zog ich den müden Cäsar. – Und der Mann
- Ist nun zum Gott erhöht, und Cassius ist
- Ein arm Geschöpf, und muss den Rücken beugen,
- Nickt Cäsar nur nachlässig gegen ihn.
- Als er in Spanien war, hatt’ er ein Fieber,
- Und wenn der Schau’r ihn ankam, merkt’ ich wohl
- Sein Beben: ja, er bebte, dieser Gott!
- Das feige Blut der Lippen nahm die Flucht,
- Sein Auge, dessen Blick die Welt bedräut,
- Verlor den Glanz, und ächzen hört’ ich ihn.
- Ja, dieser Mund, der horchen hieß die Römer
- Und in ihr Buch einzeichnen seine Reden,
- Ach, rief: »Titinius! Gib mir zu trinken!«,
- Wie ’n krankes Mädchen. Götter! ich erstaune,
- Wie nur ein Mann so schwächlicher Natur
- Der stolzen Welt den Vorsprung abgewann
- Und nahm die Palm’ allein.
Stichwort: „… abgewann Und nahm die Palm’ allein.“
(Jubelgeschrei. Trompeten.)
Brutus
- Ein neues Jauchzen!
- Ich glaube, dieser Beifall gilt die Ehren,
- Die man auf Cäsars Haupt von neuem häuft.
Stichwort: „… auf Cäsars Haupt von neuem häuft.“
Cassius
- Ja, er beschreitet, Freund, die enge Welt
- Wie ein Colossus, und wir kleinen Leute,
- Wir wandeln unter seinen Riesenbeinen
- Und schaun umher nach einem schnöden Grab.
- Der Mensch ist manchmal seines Schicksals Meister:
- Nicht durch die Schuld der Sterne, lieber Brutus,
- Durch eigne Schuld nur sind wir Schwächlinge.
- Brutus und Cäsar – was steckt doch in dem Cäsar,
- Dass man den Namen mehr als Euren spräche?
- Schreibt sie zusammen: ganz so schön ist Eurer;
- Sprecht sie: er steht den Lippen ganz so wohl;
- Wägt sie: er ist so schwer; beschwört mit ihnen:
- Brutus ruft Geister auf so schnell wie Cäsar.
- (Jubelgeschrei)
- (Nun denn, im Namen der gesamten Götter,
- Mit was für Speise nährt der Cäsar sich,
- Dass er so groß ward? Zeit, du bist entehrt!
- Rom, du verlorst die Kraft des Heldenstamms!
- Welch Alter schwand wohl seit der großen Flut,
- Das nicht geglänzt durch mehr als einen Mann?
- Wer sagte jemals wenn er sprach von Rom
- Es fass’ ihr weiter Kreis nur einen Mann?)
- Nun ist in Rom fürwahr des Raums genug:
- Find’t man darin nur einen einz’gen Mann.
- Oh, beide hörten wir von unsern Vätern,
- Einst gab es einen Brutus, der so gern
- Des alten Teufels Hof als einen König
- Geduldet hätt’ in Rom.
Stichwort: „… einen König Geduldet hätt’ in Rom.“
Brutus
- Dass Ihr mich liebt, bezweifl’ ich keineswegs;
- Worauf Ihr bei mir dringt, das ahnd’ ich wohl;
- Was ich davon gedacht und von den Zeiten,
- Erklär’ ich Euch in Zukunft. Doch für jetzt
- Möcht’ ich, wenn ich Euch freundlich bitten darf,
- Nicht mehr getrieben sein. Was Ihr gesagt,
- Will ich erwägen; was Ihr habt zu sagen,
- Mit Ruhe hören, und gelegne Zeit,
- So hohe Dinge zu besprechen, finden.
- Bis dahin, edler Freund, beherzigt dies:
- Brutus wär’ lieber eines Dorfs Bewohner,
- Als sich zu zählen zu den Söhnen Roms
- In solchem harten Stand, wie diese Zeit
- Uns aufzulegen droht.
Stichwort: „… wie diese Zeit Uns aufzulegen droht.“
Cassius
- Ich bin erfreut, dass meine schwachen Worte
- Dem Brutus so viel Funken nur entlockt.
Stichwort: „… Brutus so viel Funken nur entlockt.“
(Cäsar und sein Zug kommen zurück.)
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