Eulalia: „Was ists, das mich so fürchterlich erschüttert hat?“

Monolog · Aufklärung · Prosa

Eulalia (Madame Müller): Was ists, das mich so fürchterlich erschüttert hat?

aus Menschenhass und Reue (1790) von August von Kotzebue · II. Aufzug, 7. Auftritt

Originaltext · Menschenhass und Reue, August von Kotzebue (1790)ungekürzt
Dauer
ca. 1,5 Mingeschätzt, 195 Wörter
Umfang
195 Wörterungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 22–45redaktionelle Einschätzung
Tonlage
erschütterternst & dramatisch
Sprache
Prosabehutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Eulalia allein.)

Was ists, das mich so fürchterlich erschüttert hat? Mein Herz blutet; meine Tränen fließen. Schon war es mir gelungen, Herr über meinen Kummer zu scheinen, und mindestens jene frohe Laune zu erheucheln, die einst mir so eigen war. Ach! da schlägt der Anblick dieses Kindes mich tief, tief zu Boden. — Als die Gräfin den Namen Wilhelm nannte — ach! sie wusste nicht, dass sie mir einen glühenden Dolch durchs Herz stieß. — Ich habe auch einen Wilhelm! Er muss jetzt so groß sein, als dieser, wenn er noch lebt — ja, wenn er noch lebt! Wer weiß, ob er und meine kleine Amalia nicht schon lange vor Gottes Richterstuhl Wehe! über mich schreien! — Warum quälst du mich, marternde Phantasie? warum kreischest du mir ihr hülfloses Wimmern in die Ohren? warum malst du mir die armen Kleinen, kämpfend gegen Masern- und Blatterngift, lechzend mit dürrer Zunge nach einem Trunk, den die Hand eines Mietlings ihnen darreicht — vielleicht auch versagt. — Denn ach! Sie sind ja verlassen von ihrer unnatürlichen Mutter. — (Bitterlich weinend) O ich bin ein elendes, verworfenes Geschöpf! Und dass eben heute dies ganze schreckliche Gefühl in mir rege werden musste! eben heute, da mein Gesicht einer Larve so bedürftig war!

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

Spielhinweise

  • Kotzebue schrieb für ein Publikum, das im Theater weinen wollte. Nimm die Tränen ernst, aber spiele nicht auf Rührung: Eulalia kämpft dagegen an, sie will die Maske halten.
  • Die Fantasie quält sie mit genauen Bildern: Masern, Pocken („Blatterngift“), eine fremde Hand, die den Kindern zu trinken gibt oder nicht. Stell dir jedes Bild konkret vor; daraus entsteht die Steigerung.
  • Der Monolog ist kurz und eignet sich für ein Self-Tape: ein Gesicht, das zwischen Haltung und Zusammenbruch wechselt.
  • Der letzte Satz enthält den Subtext ihrer ganzen Lage: „eben heute, da mein Gesicht einer Larve so bedürftig war“. Eine Larve ist eine Maske.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

Go to Top