Knieriem: Das Kometenlied

Monolog · Biedermeier & Vormärz · Wiener Mundart: Prosa und gereimtes Couplet

Knieriem, Schustergeselle: Die Welt steht auf kein Fall mehr lang.

aus Der böse Geist Lumpazivagabundus (1833) von Johann Nestroy · III. Aufzug, 8. Auftritt

Originaltext · Der böse Geist Lumpazivagabundus, Johann Nestroy (1833)Ausschnitt
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 441 Wörter
Umfang
42 VerseAusschnitt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 20–60redaktionelle Einschätzung
Tonlage
überzeugtkomisch
Sprache
Wiener Mundart: Prosa und gereimtes Coupletbehutsam modernisiert
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(Ein vornehmes Zimmer im Haus der Meister Hobelmann und Leim in Wien. Peppi ist gegangen; Knieriem allein.)

Die glaubt nicht an den Kometen, die wird Augen machen. — Ich hab’ die Sach’ schon lang’ heraus. Das Astralfeuer des Sonnenzirkels ist in der goldnen Zahl des Urions von dem Sternbild des Planetensystems in das Universum der Paralaxe, mittelst des Fixstern-Quadranten, in die Elipse der Ecliptik geraten; folglich muss durch die Diagonale der Approximation der perpendikulären Zirkeln, der nächste Komet die Welt zusammstoßen. Diese Berechnung ist so klar wie Schuhwix. Freilich hat nicht Jeder die Wissenschaft so im klein Finger als wie ich; aber auch der minder Gebildete kann alle Tag Sachen genug bemerken, welche deutlich beweisen, dass die Welt nicht lang mehr steht. Kurzum, oben und unten sieht man, es geht rein auf’n Untergang los.

(Lied.)

  1. Es is kein Ordnung mehr jetzt in die Stern,
  2. D’Kometen müssten sonst verboten wer’n:
  3. Ein Komet reis’t ohne Unterlass
  4. Um am Firmament, und hat kein Pass,
  5. Und jetzt richt a so a Vagabund
  6. Uns die Welt bei Butz und Stingel z’Grund;
  7. Aber lass’n ma das wie’s oben steht,
  8. Auch unt sieht man, dass’s auf’n Ruin los geht.
  9. Abends traut man ins zehnte G’wölb sich nicht hinein
  10. Vor Glanz, denn sie richten’s wie d’Fee’ntempel ein;
  11. Der Zauberer Luxus schaut blendend hervor,
  12. Die böse Fee Crida sperrt nacher ’s G’wölb zur.
  13. Da wird einem halt angst und bang,
  14. Die Welt steht auf kein Fall mehr lang.
  15. Am Himmel is die Sonn jetzt voll Kapriz,
  16. Mitten in die Hundstag gibt’s kein Hitz;
  17. Und der Mond geht auf so rot auf Ehr’,
  18. Nicht anderster, als wann er b’soffen wär.
  19. Die Millichstraßen die verliert ihr’n Glanz,
  20. Die Milliweiber ob’n verpantschens ganz;
  21. Aber lass’n ma das, herunt geht’s z’bunt,
  22. Herunt schon sieht man’s klar, die Welt geht z’Grund.
  23. Welche hätt’ so ein g’schecketen Wickler einst mög’n,
  24. A Harlekin is ja g’rad nur a Spitzbub dageg’n;
  25. Im Sommer trag’ns Stiefeln, àjour-Strümpf im Schnee,
  26. Und statt Haub’n hab’ns gar Backenbärt von tull anglais.
  27. Da wird einem halt angst und bang,
  28. I sag’ d’Welt steht auf kein Fall mehr lang.
  29. Der Mondschein, da mög’ns einmal sag’n was woll’n,
  30. Ich find’ er is auf einer Seiten g’schwoll’n.
  31. Die Stern wer’n sich verkühl’n, ich sag’s voraus,
  32. Sie setzen sich zu stark der Nachtluft aus.
  33. Der Sonn’ ihr G’sundheit is jetzt a schon weg,
  34. Durch’n Tubus sieht man’s klar, sie hat die Fleck;
  35. Aber lass’n das was oben g’schiecht,
  36. Herunt schon sieht man, ’s tuts in d’Länge nicht.
  37. Sie hab’n Zeitungen jetzt, da das Pfennig-Magazin,
  38. Da is um ein Pfennig all’s Mögliche d’rin;
  39. Jetzt kommt g’wiss bald a Zeitschrift heraus, i parier,
  40. Da krieg’n d’Pränumeranten umsonst Kost und Quartier.
  41. Da wird einem halt angst und bang,
  42. Die Welt steht auf kein Fall mehr lang.

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Spielhinweise

  • Knieriems „Wissenschaft“ besteht aus halb verstandenen Fachwörtern („Paralaxe“, „Elipse der Ecliptik“). Die Pointe trägt nur, wenn er sie stolz und ernsthaft vorträgt, nicht augenzwinkernd.
  • Das Couplet ist das Herz der Wiener Posse: gereimte Strophen mit Kehrreim, in denen die Figur die Gegenwart kommentiert. Jede Strophe beginnt am Himmel und endet „herunt“ bei Läden, Mode und Zeitungen.
  • Die Musik zur Uraufführung schrieb Adolf Müller. Ohne Noten lässt sich das Lied rhythmisch sprechen; wichtig ist, dass der Kehrreim jedes Mal gleich sitzt.
  • Die Wiener Mundart steht so in der Vorlage („Es is kein Ordnung mehr jetzt in die Stern“). Ein Klassiker aus dem Wiener Volksstück für komische Vorsprechen.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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