Renate: Die andere Mutter

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Renate: Eine Bluse hat zwei Ärmel. Du hast zwei Mütter. Das ist nicht zu viel.

Freier Text von SceneTalent

Von SceneTalent geschrieben. Frei zum Üben, Vorsprechen und für Self-Tapes – bitte mit Quellenangabe „Text: SceneTalent“. Den Text selbst nicht ohne unser Einverständnis weiterverbreiten.
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 388 Wörter
Umfang
388 Wörterungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 48–55redaktionelle Einschätzung
Tonlage
sorgfältigleise & nachdenklich
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
Seite

(Eine Küche am Abend. Ein Bügelbrett, ein Bügeleisen, das dampft. Renate, zweiundfünfzig, legt eine hellblaue Bluse zurecht. Sie prüft das Bügeleisen mit dem Finger.)

So. Kragen zuerst. Immer der Kragen zuerst. Von außen nach innen, damit keine Falten in die Spitze laufen. (Sie bügelt.) Das hat meine Mutter mir beigebracht. Ich hab es Jasmin auch beigebracht. Sie macht es nie. Sie sagt, Mama, kein Mensch guckt auf den Kragen. (Pause.) Morgen guckt einer.

(Manschetten.) Sie war acht Monate alt, als wir sie bekommen haben. Sie hatte einen gelben Strampler an und hat die ganze Fahrt im Auto geschrien. Rolf ist mit vierzig Stundenkilometern auf der Autobahn gefahren, weil er Angst hatte, sie fällt aus dem Kindersitz. Als wir zu Hause waren, hat sie aufgehört und mich angeguckt. Lange. So, als würde sie überlegen, ob ich das richtige Haus bin.

(Sie dreht die Bluse, nimmt sich den ersten Ärmel vor.)

Ich hab nie gelogen. Wir haben es ihr erzählt, als sie vier war, mit einem Bilderbuch. „Du bist in einem anderen Bauch gewachsen, und dann bist du zu uns gekommen.“ Sie hat gesagt: Wie ein Paket? Und Rolf hat gesagt: Wie das beste Paket der Welt. Sie hat das ein Jahr lang allen erzählt. Auch dem Briefträger.

(Leiser.) Und ich hab immer gewusst, dass irgendwann der Tag kommt. Mit sechzehn darf man das Geburtenregister einsehen. Ich hab an ihrem sechzehnten Geburtstag gewartet, ob sie fragt. Sie hat nicht gefragt. Ich war erleichtert. Ich hab mich dafür geschämt. Mit vierundzwanzig hat sie gefragt.

(Sie hält inne, das Bügeleisen in der Luft.)

Was, wenn die sich ähnlich sind? Was, wenn Jasmin sie sieht und denkt: Ach, daher hab ich die Nase. Daher dieses Lachen, das ich nie verstanden hab, dieses laute, wo ich immer gedacht hab, das hat sie von niemandem. (Pause.) Was, wenn ich danach nicht mehr ihre Mutter bin, sondern die andere Mutter?

(Sie stellt das Bügeleisen ab. Sie ruft nach oben.)

Jasmin? Willst du die Ärmel lang oder zum Hochkrempeln? (Sie wartet. Eine Antwort von oben. Sie lächelt.) Lang. Gut. (Leise.) Natürlich lang. Sie will ordentlich aussehen. Für die andere.

(Sie bügelt den zweiten Ärmel, langsam.) Die Frau hat ihr einen Brief geschrieben. Jasmin hat ihn mir gezeigt. Da stand ein Satz drin: „Ich war achtzehn und hatte niemanden, und ich wollte, dass du jemanden hast.“ (Pause.) Sie hatte ja recht. Jasmin hat jemanden. Sie hat mich.

(Sie nimmt die Bluse hoch, betrachtet sie.) Eine Bluse hat zwei Ärmel. Du hast zwei Mütter. Das ist nicht zu viel. Das ist genau richtig für eine Bluse.

(Sie hängt die Bluse auf einen Bügel und hängt sie an die Tür. Sie streicht einmal über den Kragen.)

Ich fahr sie morgen hin. Ich setz mich ins Auto und warte draußen. Und wenn sie rauskommt und weint, dann ist es gut. Und wenn sie lacht, dann ist es auch gut. (Pause.) Und wenn sie dieses laute Lachen hat. Dann weiß ich, woher.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Renate bügelt wirklich: Kragen, Manschetten, Ärmel, Rücken. Das ist ein genauer Vorgang, und jede Stelle der Bluse ist ein neuer Gedanke.
  • Renate ist nicht eifersüchtig, sondern verletzlich. Sie gönnt Jasmin dieses Treffen von Herzen. Der Subtext ist die Frage, ob sie danach noch dieselbe Mutter ist.
  • Der Ruf nach oben ist der einzige laute Moment. Danach wird es wieder ganz leise.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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