Proteus: „Verlass’ ich meine Julia, ist es Meineid“

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Blankvers mit Reimpaaren (Übersetzung Dorothea Tieck)

Proteus: Die Liebe zwang zum Eid und zwingt zum Meineid.

aus Die beiden Veroneser (1594) von William Shakespeare · II. Aufzug, 6. Szene

Originaltext · Die beiden Veroneser, William Shakespeare (1594)eingerichtet
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 303 Wörter
Umfang
41 Verseeingerichtet
Figur
männlich
Spielalter
ca. 18–28redaktionelle Einschätzung
Tonlage
verwirrttragikomisch
Sprache
Blankvers mit Reimpaaren (Übersetzung Dorothea Tieck)behutsam modernisiert

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Inhalt
Seite

(Mailand. Proteus ist allein. Er hat Julia in Verona ewige Treue geschworen, sich in Mailand aber in Silvia verliebt, die Geliebte seines besten Freundes Valentin.)

  1. Verlass’ ich meine Julia, ist es Meineid;
  2. Lieb’ ich die schöne Silvia, ist es Meineid;
  3. Kränk’ ich den Freund, das ist der höchste Meineid;
  4. Dieselbe Macht, die erst mich schwören ließ,
  5. Sie reizt mich jetzt, dreifachen Schwur zu brechen;
  6. Die Liebe zwang zum Eid und zwingt zum Meineid.
  7. O Liebe, süß verführend, wenn du sündigst,
  8. So lehr’ auch den Verführten sich entschuld’gen!
  9. Erst huldigt’ ich dem schimmernden Gestirn,
  10. Jetzt bet’ ich an den Glanz der Himmelssonne.
  11. Man bricht bedachtsam unbedacht Gelübde,
  12. Und dem fehlt Witz, dem echter Wille fehlt,
  13. Den Witz zu brauchen, gut für schlecht zu wählen. –
  14. Pfui dir, du Lästerzunge! schlecht zu nennen,
  15. Die du als höchstes Gut so oft gepriesen
  16. Mit zwanzigtausend seelverbürgten Eiden.
  17. Nicht meiden kann ich Lieb’, und doch geschieht’s;
  18. Doch meid’ ich dort sie, wo ich lieben sollte.
  19. Julia verlier’ ich, und den Freund verlier’ ich;
  20. Und sind sie mein, muss ich mich selbst verlieren;
  21. Verlier’ ich sie, find’ ich durch den Verlust,
  22. Für Valentin, mich selbst; für Julia, Silvia.
  23. Ich bin mir selber näher als der Freund,
  24. Und Lieb’ ist in sich selbst am köstlichsten.

[…]

  1. Vergessen will ich denn, dass Julia lebt,
  2. Nur denken, mein Gefühl für sie sei tot;
  3. Und Valentin will ich als Feind betrachten,
  4. Dass Silvia ich, den süßern Freund, erwerbe.
  5. Ich kann die Treu’ mir selber nicht bewahren,
  6. Begeh’ ich nicht Verrat an Valentin. –
  7. Die Nacht denkt er auf seilgeknüpfter Leiter
  8. Der Göttin Silvia Fenster zu ersteigen;
  9. Ich, der Vertraute, bin sein Nebenbuhler.
  10. Gleich will ich nun dem Vater Kunde geben
  11. Von dem Betrug und der beschlossnen Flucht;
  12. Der wird, im Zorn, dann Valentin verbannen,
  13. Da er die Tochter Thurio will ermählen.
  14. Doch, Valentin entfernt, durchkreuz’ ich schnell
  15. Durch schlaue List des plumpen Thurio Werbung.
  16. Leih’, Liebe, Schwingen, rasch zum Ziel zu streben,
  17. Wie du mir Witz gabst, diese List zu weben!

(Geht ab.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Proteus ist kein Bösewicht. Er argumentiert so geschickt, dass er sich selbst überzeugt. Das Publikum soll ihm zuhören wollen und dabei erschrecken.
  • Die Komik liegt in der Logik: „Ich bin mir selber näher als der Freund.“ Er meint es ernst. Spiele es ohne Augenzwinkern.
  • Mitten in der Rede verrät er den Freund. Gib dem Satz „Gleich will ich nun dem Vater Kunde geben“ einen klaren Beat: Ab hier ist es beschlossen.
  • Zwei Verse mit einem abwertenden Vergleich sind gestrichen und mit […] markiert. Der Gedanke dahinter bleibt: Neben Silvia erscheint ihm Julia plötzlich reizlos.

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Vorsprech-Set

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