(Mailand. Proteus ist allein. Er hat Julia in Verona ewige Treue geschworen, sich in Mailand aber in Silvia verliebt, die Geliebte seines besten Freundes Valentin.)
- Verlass’ ich meine Julia, ist es Meineid;
- Lieb’ ich die schöne Silvia, ist es Meineid;
- Kränk’ ich den Freund, das ist der höchste Meineid;
- Dieselbe Macht, die erst mich schwören ließ,
- Sie reizt mich jetzt, dreifachen Schwur zu brechen;
- Die Liebe zwang zum Eid und zwingt zum Meineid.
- O Liebe, süß verführend, wenn du sündigst,
- So lehr’ auch den Verführten sich entschuld’gen!
- Erst huldigt’ ich dem schimmernden Gestirn,
- Jetzt bet’ ich an den Glanz der Himmelssonne.
- Man bricht bedachtsam unbedacht Gelübde,
- Und dem fehlt Witz, dem echter Wille fehlt,
- Den Witz zu brauchen, gut für schlecht zu wählen. –
- Pfui dir, du Lästerzunge! schlecht zu nennen,
- Die du als höchstes Gut so oft gepriesen
- Mit zwanzigtausend seelverbürgten Eiden.
- Nicht meiden kann ich Lieb’, und doch geschieht’s;
- Doch meid’ ich dort sie, wo ich lieben sollte.
- Julia verlier’ ich, und den Freund verlier’ ich;
- Und sind sie mein, muss ich mich selbst verlieren;
- Verlier’ ich sie, find’ ich durch den Verlust,
- Für Valentin, mich selbst; für Julia, Silvia.
- Ich bin mir selber näher als der Freund,
- Und Lieb’ ist in sich selbst am köstlichsten.
[…]
- Vergessen will ich denn, dass Julia lebt,
- Nur denken, mein Gefühl für sie sei tot;
- Und Valentin will ich als Feind betrachten,
- Dass Silvia ich, den süßern Freund, erwerbe.
- Ich kann die Treu’ mir selber nicht bewahren,
- Begeh’ ich nicht Verrat an Valentin. –
- Die Nacht denkt er auf seilgeknüpfter Leiter
- Der Göttin Silvia Fenster zu ersteigen;
- Ich, der Vertraute, bin sein Nebenbuhler.
- Gleich will ich nun dem Vater Kunde geben
- Von dem Betrug und der beschlossnen Flucht;
- Der wird, im Zorn, dann Valentin verbannen,
- Da er die Tochter Thurio will ermählen.
- Doch, Valentin entfernt, durchkreuz’ ich schnell
- Durch schlaue List des plumpen Thurio Werbung.
- Leih’, Liebe, Schwingen, rasch zum Ziel zu streben,
- Wie du mir Witz gabst, diese List zu weben!
(Geht ab.)
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