(Ein Sportplatz am Sonntagnachmittag. Ein kleines Holzhäuschen mit Lautsprecher, davor eine Tribüne mit drei Stufen. Leyla, einunddreißig, in schwarzem Schiedsrichtertrikot, steht mit dem Mikrofon des Stadionsprechers an der Seitenlinie. Sie pfeift einmal kurz hinein.)
Hallo. Hört man mich? Gut. Mein Name ist Leyla Demir. Ich bin heute die Schiedsrichterin. Das haben die meisten von Ihnen schon gemerkt, Sie rufen es mir ja seit der zwanzigsten Minute zu.
Ich hab das Spiel unterbrochen. Nicht wegen einem Foul. Wegen Ihnen. Wegen dem, was da eben von der Tribüne kam. Über die Nummer neun vom Gast. Ich wiederhole das nicht. Sie wissen, was gerufen wurde. Die Nummer neun weiß es auch. Er steht da hinten am Mittelkreis und guckt auf den Rasen, und seine Mannschaft steht um ihn herum.
Für so was gibt es einen Plan. Drei Stufen. Erste Stufe: Ich unterbreche und sage was durch. Das mache ich gerade. Zweite Stufe: Wenn es weitergeht, gehen beide Mannschaften in die Kabine, und Sie können hier in der Kälte nachdenken. Dritte Stufe: Ich pfeife ab. Dann ist das Spiel vorbei, und das Sportgericht hat am Dienstag viel zu lesen.
(Sie atmet durch.) Ich bin seit fünfzehn Jahren Schiedsrichterin. Angefangen hab ich mit sechzehn, weil mein Bruder gesagt hat, Mädchen verstehen die Abseitsregel nicht. Ich kann die Abseitsregel. Ich kann sie rückwärts. Ich hab über vierhundert Spiele gepfiffen. Ich bin sonntags um sieben mit dem Bus in Dörfer gefahren, die nicht mal eine Haltestelle haben. Für eine Aufwandsentschädigung, die nach der Bratwurst ungefähr aufgebraucht ist.
Und ich hab in fünfzehn Jahren alles gehört. Über meine Augen, über meine Figur, über die Küche, in die ich angeblich gehöre. Darüber kann ich lachen. Meistens. Ich hab ein dickes Fell, das gibt es bei der Ausbildung gratis dazu.
Aber über die Nummer neun lach ich nicht. Der Junge ist neunzehn. Der ist in Wolfsburg geboren, so wie ich in Gifhorn. Der spielt hier jeden Sonntag, wie Ihre Söhne, wie Ihre Enkel. Der hat heute schon zwei Tore vorbereitet, und deshalb sind Sie sauer. Das versteh ich. Ich war auch schon sauer, wenn meine Mannschaft verloren hat. Aber dann schreit man „Abseits“ oder „Schiri, du Blindfisch“. Das hält ein Mensch aus. Das gehört zum Spiel.
Was eben kam, gehört nicht zum Spiel. Das gehört nirgendwohin.
(Sie sieht auf die Tribüne.) Ich sehe da vorne Kinder. Die F-Jugend. Die stehen da in ihren Trikots und gucken Sie an. Die lernen heute, wie man Fußball guckt. Von Ihnen. (Pause.) Herr Wollny, Sie sind doch der Jugendtrainer. Sie haben vorhin noch die Bälle aufgepumpt. Dann wissen Sie ja, was ich meine.
Ich mache jetzt Folgendes. Ich gebe das Mikrofon zurück. Ich gehe auf den Platz und gebe einen Schiedsrichterball, weil das Spiel ohne Foul unterbrochen wurde. So steht es in den Regeln. Und dann spielen wir weiter, und Sie dürfen mich beschimpfen, so viel Sie wollen. Meine Augen, meine Pfeife, meine Entscheidungen. Bitte. Ich halt das aus.
Aber wenn ich noch einmal so etwas höre, über irgendwen auf diesem Platz, dann gehen alle in die Kabine. Und dann bin ich nicht mehr freundlich.
(Sie dreht sich zum Platz.) Und Sie, Kapitän von der Heimmannschaft, ja, Sie mit der Binde: Gehen Sie mal kurz zur Nummer neun rüber. Nicht für mich. Für Sie. (Pause.) Danke.
(Sie gibt das Mikrofon zurück und läuft auf den Platz.)
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