(Eine Umkleide. Bänke, Spinde, ein Neonröhrenlicht, das flackert. Marlon, dreiundzwanzig, sitzt in Shorts und Trainingsjacke auf der Bank, eine Rolle Bandage zwischen den Zähnen. Er wickelt die rechte Hand.)
- Einmal ums Gelenk. Zweimal.
- Fest, aber nicht so, dass das Blut stehen bleibt.
- Hat Hakan gesagt. Neun Jahre lang.
- Jeden Dienstag, jeden Donnerstag,
- Samstags, wenn die anderen im Freibad waren.
- Einmal ums Gelenk. Zweimal.
- Dann über die Knöchel. Drei Lagen.
- Die Knöchel sind das, was du hast.
- Der Rest ist Lärm.
- Hat er auch gesagt.
- Er hat viel gesagt, für einen,
- der angeblich nicht redet.
(Er beißt die Bandage ab, beginnt mit der linken Hand.)
- Vierzehn war ich. Bolzplatz hinter der Tankstelle.
- Ich hab einem die Nase gebrochen, wegen nichts.
- Wegen einem Blick. Wegen einem Wort über meine Mutter.
- Und da stand der Typ am Zaun, mit Tüte vom Bäcker,
- und hat gesagt: Wenn du schon zuschlägst,
- dann lern es wenigstens richtig.
- Ich hab gedacht, der ist von der Polizei.
- Er war vom Boxverein. Das war schlimmer.
- Neun Jahre. Seilspringen bis zum Kotzen.
- Schattenboxen vor dem Spiegel, bis ich mich nicht mehr leiden konnte
- und dann wieder doch.
- Er hat mir die Bewerbung fürs Lager geschrieben.
- Er hat meiner Mutter die Hand gegeben.
- Er hat nie gesagt: Ich bin stolz.
- Er hat gesagt: Nicht schlecht. Weiter.
(Er hält inne, die Bandage halb um die linke Hand.)
- Und heute steht Deniz in der blauen Ecke.
- Sein Sohn. Der Gute. Der mit dem Sportinternat,
- mit Sponsor auf der Hose, mit dem Bild in der Zeitung.
- Den er auch Seilspringen lassen hat,
- am selben Seil, in derselben Halle,
- bevor er zu dem großen Verein gegangen ist.
- Wir haben zusammen gesparrt, als ich fünfzehn war.
- Er hat mich immer gewinnen lassen.
- Ich hab es gemerkt. Ich hab nichts gesagt.
- Und Hakan sitzt heute in Reihe vier.
- Nicht bei mir. Nicht bei ihm.
- Reihe vier, wie ein Fremder.
- Mit Tüte vom Bäcker, wahrscheinlich.
(Er wickelt weiter, langsamer.)
- Was soll ich machen, Hakan?
- Soll ich verlieren, damit du nicht leiden musst?
- Soll ich gewinnen und dich nie wieder angucken können?
- Du hast mir beigebracht: Der Gegner ist kein Feind.
- Der Gegner ist der, der dir zeigt, wo du stehst.
- Du hast nie gesagt, was ist, wenn der Gegner
- dein Sohn ist.
(Er zieht die Bandage fest, steht auf, schlägt die Fäuste aneinander. Ein dumpfer Ton.)
- Okay. Hör zu.
- Ich schlag nicht deinen Sohn. Ich box gegen ihn.
- Das ist ein Unterschied. Den hast du mir beigebracht.
- Ich geh da rein und mach alles, was du gesagt hast.
- Hände hoch. Kinn runter. Atmen.
- Und wenn ich gewinne, dann, weil du gut warst.
- Und wenn er gewinnt, dann auch.
- (Er geht zur Tür, bleibt stehen.) Einmal ums Gelenk. Zweimal.
- Rote Ecke.
- Ich bin so weit.
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Ende des Textes

