Karin: Unsichtbar

Monolog · Gegenwart · Freie Verse

Karin: Ich bin unsichtbar geworden.

Freier Text von SceneTalent

Von SceneTalent geschrieben. Frei zum Üben, Vorsprechen und für Self-Tapes – bitte mit Quellenangabe „Text: SceneTalent“. Den Text selbst nicht ohne unser Einverständnis weiterverbreiten.
Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 274 Wörter
Umfang
46 Verseungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 48–55redaktionelle Einschätzung
Tonlage
gekränktleidenschaftlich
Sprache
Freie Verse

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Inhalt
Seite

(Eine Bushaltestelle in der Innenstadt, früher Abend. Menschen eilen vorbei. Karin, zweiundfünfzig, steht mit einer Bäckertüte in der Hand an der Kante des Bürgersteigs.)

  1. Ich habe heute beim Bäcker gestanden.
  2. Zehn Minuten.
  3. Vor mir ein junger Mann mit Kopfhörern,
  4. hinter mir eine junge Frau mit Kinderwagen,
  5. und dazwischen: Luft.
  6. Die Verkäuferin hat ihn bedient, dann sie,
  7. dann hat sie aufgesehen und gesagt:
  8. „Oh. Hab Sie gar nicht gesehen.“
  1. Ich bin unsichtbar geworden.
  2. Nicht plötzlich. Nicht an einem Tag.
  3. Es fing an mit den Bauarbeitern,
  4. die nichts mehr gerufen haben,
  5. und ich war froh, ehrlich, ich war froh.
  6. Dann die Kellner, die an mir vorbei
  7. zu meinem Mann sahen, wenn es um die Rechnung ging.
  8. Dann die Konferenzen, in denen ich etwas sage
  9. und ein Kollege es zehn Minuten später noch einmal sagt
  10. und alle nicken.
  11. Dann der Spiegel im Kaufhaus,
  12. den ich nicht mehr suche.
  1. Mit zwanzig wollte ich unsichtbar sein.
  2. Auf dem Heimweg, im Bus, nachts.
  3. Ich habe mir die Schlüssel zwischen die Finger gesteckt
  4. und auf den Boden gesehen.
  5. Jetzt bin ich es.
  6. Und ich merke: Es ist nicht dasselbe,
  7. ob man sich versteckt
  8. oder ob man nicht mehr gesucht wird.

(Sie lacht kurz. Ein Mann rempelt sie an, ohne sich umzudrehen.)

  1. Und dann dachte ich, eben, bei den Brötchen:
  2. Was kann eine, die keiner sieht?
  3. Sie kann überall hineingehen.
  4. Sie kann in jeder Sitzung sitzen,
  5. in der sie nichts verloren hat.
  6. Sie kann zuhören, wo die anderen reden,
  7. und sich alles merken.
  8. Niemand fragt, was sie hier will.
  9. Niemand fragt, wie alt sie ist.
  10. Niemand fragt.
  1. Morgen ist Gemeinderat.
  2. Es geht um den Schulgarten, den sie zubetonieren wollen.
  3. Ich werde in der ersten Reihe sitzen.
  4. Ich werde mitschreiben.
  5. Und wenn sie abstimmen,
  6. werde ich aufstehen
  7. und so laut sein,
  8. dass sie mich zum ersten Mal seit Jahren sehen.

(Sie beißt in ein Brötchen.) Und danach geh ich wieder unsichtbar nach Hause.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Freie Verse ohne Reim und ohne festes Metrum. Die Zeilenbrüche sind Atempausen: Nutze sie, ohne sie zu betonen.
  • Karin spricht nicht über Eitelkeit, sondern über Macht: Wer gesehen wird, wird gehört.
  • Die Wendung („Und dann dachte ich, eben, bei den Brötchen“) ist ein echter Gedanke im Moment. Lass ihn entstehen.
  • Der Schluss ist verschmitzt. Karin hat einen Plan, und er macht ihr Spaß.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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