(Eine Bushaltestelle in der Innenstadt, früher Abend. Menschen eilen vorbei. Karin, zweiundfünfzig, steht mit einer Bäckertüte in der Hand an der Kante des Bürgersteigs.)
- Ich habe heute beim Bäcker gestanden.
- Zehn Minuten.
- Vor mir ein junger Mann mit Kopfhörern,
- hinter mir eine junge Frau mit Kinderwagen,
- und dazwischen: Luft.
- Die Verkäuferin hat ihn bedient, dann sie,
- dann hat sie aufgesehen und gesagt:
- „Oh. Hab Sie gar nicht gesehen.“
- Ich bin unsichtbar geworden.
- Nicht plötzlich. Nicht an einem Tag.
- Es fing an mit den Bauarbeitern,
- die nichts mehr gerufen haben,
- und ich war froh, ehrlich, ich war froh.
- Dann die Kellner, die an mir vorbei
- zu meinem Mann sahen, wenn es um die Rechnung ging.
- Dann die Konferenzen, in denen ich etwas sage
- und ein Kollege es zehn Minuten später noch einmal sagt
- und alle nicken.
- Dann der Spiegel im Kaufhaus,
- den ich nicht mehr suche.
- Mit zwanzig wollte ich unsichtbar sein.
- Auf dem Heimweg, im Bus, nachts.
- Ich habe mir die Schlüssel zwischen die Finger gesteckt
- und auf den Boden gesehen.
- Jetzt bin ich es.
- Und ich merke: Es ist nicht dasselbe,
- ob man sich versteckt
- oder ob man nicht mehr gesucht wird.
(Sie lacht kurz. Ein Mann rempelt sie an, ohne sich umzudrehen.)
- Und dann dachte ich, eben, bei den Brötchen:
- Was kann eine, die keiner sieht?
- Sie kann überall hineingehen.
- Sie kann in jeder Sitzung sitzen,
- in der sie nichts verloren hat.
- Sie kann zuhören, wo die anderen reden,
- und sich alles merken.
- Niemand fragt, was sie hier will.
- Niemand fragt, wie alt sie ist.
- Niemand fragt.
- Morgen ist Gemeinderat.
- Es geht um den Schulgarten, den sie zubetonieren wollen.
- Ich werde in der ersten Reihe sitzen.
- Ich werde mitschreiben.
- Und wenn sie abstimmen,
- werde ich aufstehen
- und so laut sein,
- dass sie mich zum ersten Mal seit Jahren sehen.
(Sie beißt in ein Brötchen.) Und danach geh ich wieder unsichtbar nach Hause.
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Ende des Textes

