Elif: Die falsche Seite

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Elif: Diesmal nicht.

Freier Text von SceneTalent

Von SceneTalent geschrieben. Frei zum Üben, Vorsprechen und für Self-Tapes – bitte mit Quellenangabe „Text: SceneTalent“. Den Text selbst nicht ohne unser Einverständnis weiterverbreiten.
Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 316 Wörter
Umfang
316 Wörterungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 21–26redaktionelle Einschätzung
Tonlage
souveränleidenschaftlich
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
Seite

(Ein Hörsaal, als Gerichtssaal hergerichtet. Moot Court im fünften Semester: Drei Lehrende sitzen als Richterbank hinter einem Tisch. Elif, dreiundzwanzig, steht im geliehenen Blazer am Pult. Ihr Team hat per Los die Seite der Vermieterin bekommen.)

Hohes Gericht. Ich vertrete die Beklagte, die Wohnbau Nord GmbH. Die Beklagte hat die Fassade ihres Hauses in der Lindenstraße gedämmt, neue Fenster eingebaut und einen Aufzug angebaut. Das ist eine Modernisierung im Sinne des Gesetzes. Einen Teil der Kosten darf sie auf die Miete umlegen. Das hat sie getan. Rechtlich ist das sauber. Ich habe die Fristen geprüft, die Ankündigung, die Berechnung. Alles korrekt.

(Sie blättert um.) Die Klägerin, Frau Arslan, wohnt seit einunddreißig Jahren in dieser Wohnung. Ihre Miete steigt durch die Umlage um dreihundertvierzig Euro im Monat. Sie hat eine Härte geltend gemacht. Die Beklagte bestreitet, dass eine unzumutbare Härte vorliegt, weil Frau Arslan … weil sie …

Entschuldigung. Ich hab den Satz zu Hause zwanzigmal gesagt. (Sie lacht kurz.) Der Fall ist ausgedacht. Das hat man uns gesagt: Der Sachverhalt ist fiktiv, Ähnlichkeiten mit echten Personen sind zufällig. Mein Vater hat dreißig Jahre in der Bachstraße gewohnt, vierter Stock, ohne Aufzug. Als der Aufzug kam, kam auch der Brief. Er hat geklagt. Er hat verloren, weil seine Rente knapp zu hoch war für die Härte und knapp zu niedrig für die neue Miete. Er schläft jetzt bei uns im Kinderzimmer. Mit Blick auf einen Spielplatz.

Ich weiß, was jetzt passiert. Sie geben mir Punkte für Struktur, für Auftreten, für Überzeugungskraft. Und ich weiß, wie man gewinnt. Man sagt „Mieterin“ statt „Frau Arslan“. Man sagt „Kostenumlage“ statt „dreihundertvierzig Euro“. Man sagt „Härte“ und meint ein Formular. So hab ich es gelernt, und ich bin gut darin. Ich bin richtig gut darin.

(Sie legt das Blatt weg.) Hohes Gericht, die Beklagte ist im Recht. Das kann ich Ihnen beweisen, Paragraf für Paragraf. Aber ein Recht, nach dem eine Frau nach einunddreißig Jahren ausziehen muss, damit sie einen Aufzug bezahlt, den sie nie bestellt hat, kennt keine Härte. Es kennt nur Formulare. Ich vertrete heute keine Gesellschaft mit beschränkter Haftung mehr. Ich vertrete Frau Arslan. Sie können mir dafür null Punkte geben.

(Stille. Eine der Lehrenden schreibt etwas auf und sieht dann hoch.)

Ich weiß. Falsche Seite. (Sie atmet aus.) Diesmal nicht.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Der Anfang muss wirklich überzeugen. Nur wenn Elif als glänzende Juristin startet, hat der Bruch Gewicht.
  • Das Stocken bei „weil sie …“ ist der Wendepunkt. Elif merkt mitten im Satz, dass sie ihn nicht mehr sagen will.
  • Spiele den Mittelteil nicht als Anklage, sondern als genaue Selbstbeobachtung: Sie entlarvt die Wörter, die sie gelernt hat. Darin liegt die Haltung der Figur.
  • Der Schluss ist ruhig. Elif weiß, was es sie kostet, und entscheidet sich trotzdem.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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