(Ein Klassenraum. Drei Tische nebeneinander, dahinter die Prüfungskommission. Davor ein einzelner Stuhl. Edith, achtundsechzig, sitzt sehr gerade, ein Blatt mit Stichpunkten vor sich. Sie dreht es um.)
Danke. Ich hab mir Stichpunkte gemacht. Aber ich glaube, ich brauche sie nicht. (Pause.) Das ist kein Hochmut, Herr Dr. Lohmann. Ich bin nur nervös, und wenn ich auf das Blatt gucke, sehe ich meine Schrift, und dann denk ich an meinen Vater, der immer gesagt hat, mit der Schrift wird aus mir nichts.
Die Aufgabe heißt: „Die Anti-Atomkraft-Bewegung in der Bundesrepublik und ihre Bedeutung für die politische Kultur.“ Ich soll zehn Minuten sprechen und dann Fragen beantworten.
Ich fange mit einer Zahl an, wie Sie es uns beigebracht haben, Frau Aydın. Hunderttausend. So viele Menschen waren am achtundzwanzigsten Februar 1981 in der Wilstermarsch bei Brokdorf. Obwohl die Demonstration verboten war. (Pause.) Eine davon war ich.
Ich war dreiundzwanzig, in der Ausbildung zur Krankenschwester in Hamburg, und ich hatte vorher noch nie demonstriert. Ich bin mit dem Bus gefahren, mit zwei Freundinnen aus dem Wohnheim, und wir hatten Thermoskannen mit Tee dabei und Butterbrote, als würden wir einen Ausflug machen. Es war eiskalt. Die Straßen waren gesperrt, wir sind die letzten Kilometer über die Felder gelaufen. Über gefrorene Gräben. Ich hab meinen linken Schuh verloren und bin mit einer Plastiktüte am Fuß weitergegangen.
(Sie lacht kurz.) Entschuldigung. Das gehört nicht zur Bedeutung für die politische Kultur. Oder doch. Ich glaube, genau das ist die Bedeutung. Dass Leute, die nie demonstriert hatten, Leute aus den Krankenhäusern, von den Höfen, aus den Kirchengemeinden, über gefrorene Gräben gelaufen sind, weil sie Angst hatten. Nicht vor der Polizei. Vor dem, was in so einem Reaktor passieren kann.
Angefangen hat es nicht in Brokdorf. Angefangen hat es 1975 in Wyhl, am Kaiserstuhl. Da haben die Leute aus den Weindörfern den Bauplatz besetzt, und sie haben gewonnen. Das Kraftwerk wurde nie gebaut. Das wussten wir in Brokdorf. Wir dachten, das geht wieder.
Brokdorf ist trotzdem gebaut worden. 1986 ging es ans Netz. Im selben Jahr wie Tschernobyl. (Pause.) Ich hatte da schon zwei Kinder. Ich weiß noch, dass ich im Mai die Sandkiste abgedeckt und den Salat aus dem Garten weggeworfen hab. Und dass ich gedacht hab: Wir sind über die Gräben gelaufen, und es hat nichts genützt.
Aber das stimmt nicht. Und das ist jetzt meine These, Herr Dr. Lohmann, falls Sie eine hören wollen. Es hat genützt, nur nicht sofort. Aus den Bürgerinitiativen sind Leute in die Gemeinderäte gegangen und später in die Landtage. 1980 haben sich die Grünen gegründet. Menschen haben gelernt, wie man Einwendungen schreibt, Gutachten liest, Klagen führt. Das hat die politische Kultur verändert. Dass ganz normale Leute sich eingemischt haben. Und nicht wieder aufgehört haben.
Am fünfzehnten April 2023 sind die letzten drei Kraftwerke vom Netz gegangen. Brokdorf war schon Ende 2021 abgeschaltet. (Pause.) Ich hab an dem Abend in der Küche gesessen, allein, und ein Glas Sekt getrunken. Mein Mann war da schon tot. Er hätte mitgetrunken. Obwohl er 1981 auf der anderen Seite stand.
(Sie sieht die Kommission an.) Das muss ich erklären. Er war Polizist. Bereitschaftspolizei aus Niedersachsen. Er stand am Bauzaun, und ich stand davor, mit meiner Plastiktüte am Fuß. Und er hat mir seine Handschuhe gegeben. Er hat gesagt, ich soll nach Hause gehen, ich hol mir den Tod. Ich hab gesagt, genau deswegen bin ich hier. (Ein kleines Lächeln.) Wir waren achtunddreißig Jahre verheiratet. Wir haben über Atomkraft nie aufgehört zu streiten. Am Ende war er dagegen. Das hat er nur nie zugegeben.
Und deshalb sitze ich hier, mit achtundsechzig. Ich hab die Schule mit sechzehn verlassen, weil meine Eltern gesagt haben, ein Mädchen braucht kein Abitur. Ich wollte immer wissen, ob ich das, was ich auf der Straße gelernt hab, auch in einem Klassenzimmer erklären kann. (Pause.) Ich glaube, jetzt weiß ich es.
(Sie dreht das Blatt mit den Stichpunkten wieder um und schiebt es über den Tisch.) Es steht alles drauf. Wyhl, Brokdorf, Gorleben, Tschernobyl, die Grünen, der Ausstieg. Und ganz unten steht: Schuh. Den Punkt dürfen Sie streichen. Oder Sie lassen ihn stehen. Das ist dann Ihre Bewertung.
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
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